Gastkolumne
Sinnieren mit einer alten Modelleisenbahn

Kuno Blaser
Kuno Blaser
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Modelleisenbahn Oensingen

Modelleisenbahn Oensingen

Zur Verfügung gestellt

Gerne bediene ich mir der Jugenderinnerungen. In meinem Alter mutiert man automatisch zu einem Geschichtsbuch, aus dem ich bei Gelegenheit gerne erzähle. Die SBB nahm ich als Transportmittel wahr, das trotz beschränktem Komfort ausgesprochene Reiselust weckte. Die antike Modelleisenbahn in meinem Büro erinnert an alte Zeiten. Diese selbstgebaute Bahnkombination drehte 1952 bei der Thalbrücke ausgangs der Klus in einem Garten ihre Runden und liess mein Kinderherz höher schlagen. 1991 begegnete ich ihr Jahrzehnte danach in einem Brockenhaus in Olten. Da lebte in mir wieder auf, was mir einst die Originalausführung der SBB bescherte:

Die Türen weit oben erreichte nur, wer seine Armkräfte aufbot. Holzbänke, durch deren Lattenrost die heisse Luft der Heizung im Winter ungebremst zu den Hintern floss und diese über Gebühren erwärmten. Fenster, die sich bis zum untersten Anschlag öffnen liessen und aus denen man den Kopf herausstrecken durfte soweit man wollte. Eisenbahnwagen, welche die Reisenden in eine Dreiklassengesellschaft einteilte: In der ersten Klasse begegnete man fast nur Männern mit Krawatten und Hüten, in der zweiten Klasse liess sich das normale Fussvolk nieder, zu denen sich offenbar auch meine Eltern zählten, in der dritten Klasse sassen «Büezer» und Bauersleute, entsprechende Duftnoten hinterlassend: Russ- und Stallgeruch.

Mal mit der Mutter nach Solothurn, um Einkäufe im Kaufhaus «Nordmann» zu tätigen oder anlässlich einer Schulreise den Kanton zu verlassen, entsprach den höchsten aller Reisegefühle. Wie gönnte ich meinen Enkeln eine solche Wahrnehmung der SBB. Heute wird der Bahnkunde mehr als Massenprodukt von Ort zu Ort verschoben. Wohnen und arbeiten im gleichen Ort ist ein Privileg. Die Eisenbahnzüge werden voller und länger; ausgedehnter damit auch die Perrons der Bahnhöfe. Dieser Tatsache begegneten die SBB in Oensingen. Der Bahnhofumbau erleichtert immerhin unseren behinderten Mitmenschen den Zugang zur Bahn. Volle Zufriedenheit mag dennoch nicht aufkommen, wenn man den neu gestalteten Bahnhof genauer unter die Lupe nimmt. Kein angenehmer Aufenthaltsort. Kein lauschiges Restaurant. Kurz: Bloss ein Bahnhof für schnelles Ein- und Aussteigen.

Jeder Reisende, der seit 1876 mal im Winter auf dem Bahnhof Oensingen wartete, weiss, dass dort der «Kluser», ein giftig kalter Wind uns bisweilen durch die Halstücher und Strickkappen dringt. Zu gerne suchte man unter solchen Wetterbedingungen einen windgeschützen Ort. Diesen gibt es zwar im westlichen Teil des Perrons. Aber er entspricht nicht den Bedürfnissen der Reisenden. Ich meldete diesen Mangel der Bahndirektion. Man werde es weiterleiten, versprach man mir.