Wolfwil

«Sie sind nicht einfach Weltenbummler»: So erleben die Grosseltern die Veloreise mit

Am Ende der Route 66, aber noch lange nicht am Ende der Entdeckungsreise. Linda Brauchli und Dominik Kissling in den USA.

Am Ende der Route 66, aber noch lange nicht am Ende der Entdeckungsreise. Linda Brauchli und Dominik Kissling in den USA.

Auf Entdeckungsreise mit dem Fahrrad: Die Grosseltern des Wolfwilers Dominik Kissling leben jeden Pedalentritt aus der Ferne mit.

«Von Andermatt geht es den Oberalppass hinauf. Wir parkieren die Fahrräder und wandern das letzte Stück bis zum Tomasee – der Quelle des Rheins! Füsse ins kalte Wasser halten und die grosse Reise kann beginnen.» Mit diesen Worten schildern Dominik Kissling und Linda Brauchli im Juli 2018 den Start ihres Abenteuers.

Aber eigentlich hätte die «grosse Reise» noch früher beginnen sollen. «Ich fahre mit dem Velo ans Nordkap», habe Dominik Kissling immer wieder gesagt. «Und irgendwann musste er dann liefern», steht in der Clubzeitschrift des FC Wolfwil geschrieben. Im Frühling 2018 zog der in Wolfwil aufgewachsene Kissling gemeinsam mit seiner Freundin los. Auf dem Fahrrad Richtung Nordosten. Ab Prag wollte er alleine bis nach Finnland weiterradeln, ehe Linda Brauchli nach vollendetem Schuljahr im thurgauischen Weinfelden im hohen Norden wieder dazustossen würde. Aber dazu kam es nicht.

Der Unfall auf dem Weg Richtung baltische Staaten

Als «unheimliche Begegnung mit einem Aussenspiegel» betitelte die Clubzeitschrift die Geschichte von Dominik Kissling, der, bevor er loszog, im 3.-Liga-Team Fussball spielte. Auf einer Überlandstrasse in Polen touchierte ihn ein Kleinlastwagen nach einem Überholmanöver. Kissling kam auf einer Wiese wieder zu sich und wie sich im Spital zeigte, kam er glimpflich davon. Der Oberarm, eine Rippe und das Schulterblatt waren gebrochen.

«In polnischen Spitälern ist es üblich, dass die Angehörigen das Essen bringen», erzählt Grossvater Hans Burri. «Eine Krankenschwester hatte Mitleid und brachte ihm am Morgen jeweils ein Stück Brot und Anken.» Seit zwei Jahren verfolgt er die Reise seines Enkelkindes. Dominik Kissling ist eines von vier. Für Hans Burri sind sie «üsi Buebe». Viele Stunden hätten die vier Brüder bei ihnen verbracht, während die Mutter Barbara Zamarian – heute Leiterin der Musikschule Gäu  – am Konservatorium war. «Alle vier spielten ein Instrument, aber alle vier hörten damit auf und gingen Tschutten», erzählt der Grossvater. Entdeckungslust hätten seine Enkelkinder alle, und ganz besonders Dominik Kissling. Wer Hans Burri fragt, woher diese kommen könnte, der erhält als Antwort: «Mein Vater, also ihr Urgrossvater, war Zimmermann. Am Wochenende stieg er immer aufs Velo und zog los.»

Der Unfall in Polen bremste Dominik Kissling nur für kurze Zeit. Drei Monate später beginnt an der Rheinquelle das neue Abenteuer. Das Nordkap ist Geschichte. Im August 2018 radeln Linda Brauchli und er nach Rotterdam und besteigen ein Frachtschiff nach Halifax, Kanada.

«Sie sind nicht einfach Weltenbummler», sagt Grossvater Hans Burri Anfang März im geräumigen Wohnzimmer in Wolfwil. In einem Bundesordner hat er ein Fotoalbum mit den Bildern angelegt, die Enkel Dominik in seinem Reiseblog publiziert. Nach der kaufmännischen Lehre und der Berufsmatura habe er einige Jahre gearbeitet, ehe er die Stelle kündigte. «Sie leben sehr sparsam, übernachten oft im Zelt», sagt Burri. «Und sie werden immer und überall eingeladen», schaltet sich Grossmutter Astrid Burri ein. Er ergänzt: «Auch weil sie fünf Sprachen sprechen.» Als sie der kolumbianisch-venezolanischen Grenze entlang fuhren, sei die Polizei gekommen und habe ihnen gesagt, das sei gefährlich. Die Polizei bot ihnen an, sie zu begleiten und beherbergte sie.

Bald sind zwei Jahre seit ihrer Abreise vergangen. «Dä het scho mänge Pneu gwächslet», sagt die Grossmutter und lacht. Zum zweiten Mal passieren Dominik Kissling und Linda Brauchli in Mexiko. Kürzlich schrieben sie in ihrem Blog: «Mit Zopf feierten wir heute unser Monatsjubiläum in Morelia. So lange waren wir noch nie am gleichen Ort und das war natürlich auch nicht so geplant gewesen. Wir sind eigentlich immer mit einer Destination im Kopf unterwegs und lassen uns auf dem Weg dahin gerne von allen möglichen Einflüssen ablenken.»

Ein Schiff hätte sie «zur Kirschblütenpracht nach Japan» bringen sollen. Wegen des Corona-Virus schloss Japan aber seine Häfen für Frachtschiffpassagiere. Ihre Pläne wurden auf den Kopf gestellt.
Gelegentlich klingelt das Telefon und Enkel Dominik ruft aus irgendeiner Ecke der Welt an. «An Weihnachten lag das Handy auf dem Tisch und alle redeten über die Freisprechanlage», berichtet Astrid Burri. Wann sie heimkehren werden? «Sie sagen nichts, sie gehen einfach weiter», sagt Grossvater Burri, «und wir fragen nie».

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