Offener Brief
Sie kämpfen für die Bergschule Brunnersberg

Die Bergschule Brunnersberg soll Ende Juli geschlossen werden. Betroffene Familien kämpfen weiter für ihre Schule. In einem offenen Brief an die Schulstandortgemeinden nehmen sie Stellung.

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Die Brunnersbergler kämpfen für ihr Schulhaus.

Die Brunnersbergler kämpfen für ihr Schulhaus.

Zur Verfügung gestellt

Am Donnerstag wird der Mümliswiler Gemeinderat über die Schliessung der Bergschule Brunnersberg per Ende Juli befinden. Letzte Woche hat sich bereits Aedermannsdorf für das Ende ausgesprochen, am Donnerstag folgt nun Mümliswil. Nächste Woche werden noch die Entscheide aus Laupersdorf und Matzendorf erwartet.

Die Bergbevölkerung und der Verein «Freunde Bergschule Brunnersberg» geben nach dem ersten Ja für die Schliessung nochmals alles für ihre Schule. In einem offenen Brief an die Gemeindebehörden von Mümliswil, Laupersdorf, Matzendorf und Aedermannsdorf nehmen sie Stellung.

Bergschule Brunnersberg

Bergschule Brunnersberg

Josef Tschan

Der offene Brief im vollen Wortlaut:

«Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Bergfamilien am 26./27. April jene Pressemeldung, wonach der Gemeinderat von Aedermannsdorf sich für eine Schliessung der Bergschule Brunnersberg ausgesprochen habe. Der Rat, so der Artikel, sei damit als erster dem erklärten Willender Gemeindepräsidenten der vier Trägergemeinden gefolgt. Diese beantragen die Aufhebung auf den 31. Juli 2014. Das Vorgehen wirft Fragen auf; dieser Entscheid läuft nämlich einem früheren Gemeinderatsbeschluss von Laupersdorf diametral zuwider.

Jener Rat hatte laut Protokoll vom 26. März 2012 den bestehenden Schulvertrag mit der Auflage aufgelöst, bis zum November 2012 einen neuen Vertrag auszuarbeiten. Ergänzend wurde informiert, es werde unter der Initiative des Laupersdörfer Gemeindepräsidenten ein entsprechendes Gremium gebildet, um den Vertrag vorzubereiten. Die Federführung wurde daraufhin Mümliswil überlassen, wo die Schulleitung angesiedelt ist. Anschliessend hüllten sich die Verantwortlichen der Trägergemeinden über Monate in Schweigen. Persönlich Nachfragende wurden immer wieder mit Unverbindlichkeiten beschwichtigt. Ebenso im Ungewissen gehalten über ihre Zukunft wurde die Lehrersfamilie.

Ein bezeichnendes Licht auf die so genannte Informationspolitik werfen auch folgende Erfahrungen:Nachdem über Monate hin eine faktische Nachrichtensperre herrschte, wandten sich die Betroffenen an den Solothurner Bildungsdirektor, der aber ein Gesprächsangebot mit dem Hinweis ablehnte,man solle doch den Kontakt mit den Verantwortlichen der Gemeinden suchen, da er nicht in ein laufendes Verfahren eingreifen wolle. Zunehmend beunruhigt richteten vier Bergbauernfamilien am 22. Februar 2013 stellvertretend für alle einen Brief an den Mümliswiler Gemeindepräsidenten, wo die Schulleitung angesiedelt ist. Darin wurde er dringend gebeten, die Ungewissheit zu beenden und endlich über den Stand des in Aussicht gestellten Vertrages zu kommunizieren.

Auf dieses Schreiben erfolgte keine Reaktion, nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Erst auf die explizite Aufforderung eines Thaler Gemeinderates vom 2. April 2013 hin antwortete der Mümliswiler Gemeindepräsident: «Die Arbeiten sind im Gange.» Er meinte offensichtlich nicht den neuen Vertrag, sondern die Schliessungsvorbereitungen.

Die Betroffenen können sich schwerlich des Eindrucks erwehren, von Behördenseite mit dem Versprechen einer neuen Schulvereinbarung über ein Jahr hinweg bewusst getäuscht worden zu seinin der Absicht, während dieser Zeit ungestört die Aufhebung der Schule vorantreiben zu können, und nach erfolgten Gemeinde- und Kantonsratswahlen kurzen Prozess zu machen? Ein solches Vorgehen verletzt elementarste Grundsätze des Öffentlichkeitsprinzips über die Information der Bevölkerung, welches festhält: «Gemeinden und kantonale Behörden, z.B. der Regierungsrat, informieren von sich aus über alle Geschäfte, die von allgemeinem Interesse sind.» (§§ 7 ff. des Informations- und Datenschutzgesetzes).

Ebenso einstimmig wie vor einigen Tagen in Aedermannsdorf hatte der Rat von Laupersdorf am 26. März 2012 beschlossen, «eine Änderung oder Aufhebung des Vertrages der Gemeindeversammlung zur Beschlussfassung» zu unterbreiten. Davon ist in den jüngsten Pressemeldungen keine Rede mehr. In gleicher Weise hatte auch der Gemeinderat von Mümliswil-Ramiswil am 8. März 2012 einstimmig festgehalten, dass ein allfälliger Schliessungsentscheid der Gemeindeversammlung unterbreitet werde. So drängt sich der Eindruck auf, dass die Gemeindepräsidenten um jeden Preis vermeiden wollen, dass die Bevölkerung in den Trägergemeinden über das Schicksal ihrerBergschule mitentscheiden kann.

Wie verträgt sich dieses Taktieren mit den vor einem Jahr gefassten Beschlüssen? Aus welchen Gründen sollen diese klaren Entscheide nachträglich ausgehebelt werden? Ungeklärt bleibt, ob die Bergschule überhaupt geschlossen werden kann, wenn nicht alle Trägergemeinden dem Antrag ihrer Präsidenten folgen. Stünde dann nicht der Kanton in der Pflicht, jenen vertragslosen Zustand raschmöglichst zu beenden und als übergeordnete Instanz und Vermittler nach praktikablen Lösungen zu suchen?

Erst auf wiederholtes Insistieren der Bergbevölkerung, ihre Sicht darlegen zu können, wurde auf den 25. April 2012 in Mümliswil eine Aussprache zwischen Familien und Räten angesetzt. Dabei wurde allen Behördenmitgliedern eine aufwändige Replik zu jenen Gutachten zur Verfügung gestellt. Dem in der Presse geprägten Bild, wonach die Befürworter der Schule jegliche Expertisepauschal ablehnen, muss deshalb entschieden widersprochen werden. Wer unsere differenzierteAnalyse zu den Gutachten gelesen hat, weiss, dass sich die Kritik gegen einzelne, offensichtlich falsche Aussagen (z.B. ICT-Unterricht, Chancengleicheit) und gegen teilweise ungenügendemethodische Grundlagen richtete.

Dass verschiedene darin enthaltene Behauptungen längst richtiggestellt sind, aber gegenüber den Medien immer wieder kolportiert werden und durch stetige Wiederholung ihre zermürbende Wirkung entfalten, steht auf einem anderen Blatt. Konkret wird etwa unterschlagen, dass jenesMinimum an Frühfranzösisch, welches von einer externen Fachperson erteilt wird, während den übrigen Tagen durch die Hauptlehrkraft kompetent vertieft wird.

Das jüngste Gutachten der Schulleiterin beanstande - gemäss Presse - die ungenügende Werkraumgrösse. Umgekehrt könnte daraus den Schulbehörden gar ein Strick gedreht werden, sie hätten sich nicht um die Verbesserung einer ungenügenden Raumsituation gekümmert. Unbestrittenist, dass in diesem eher knappen Werkraum dank Engagement und Flexibilität der Lehrkräfte eineüberdurchschnittliche Unterrichtsqualität erreicht wird, die auch von auswärtigen Kennern des Fachsimmer wieder lobend erwähnt wird.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass es neue Unterrichtsbereiche gibt, wo der Situation angepasste Lösungen diskutiert werden müssen, und, die entsprechende Bereitschaft vorausgesetzt ,auch gefunden werden können, etwa bei der Heilpädagogik. Auch bleibt unklar, wieso die Schulleiterin in ihrer Analyse das Fehlen einer Wegentschädigung für externe Fachkräfte derart betont. Eine entsprechende Abgeltung wird doch auch nicht für andere Lehrkräfte gefordert, dieirgendwo unterrichten und nicht an ihrem Schulstandort domiziliert sind.

Dass eine Bergschule ein hohes Engagement voraussetzt, ist eigentlich selbstverständlich. So gibt es immer wieder talentierte Lehrkräfte, die das spezielle Umfeld einer Gesamtschule suchen.Ganzheitliche Bildungsziele können, je nach Umfeld, auf verschiedene Weise erreicht werden. Die Bergschule Brunnersberg hat auch in jüngster, reformbefrachteter Zeit bewiesen, dass sie immer in der Lage war, sich neuen pädagogischen Herausforderungen zu stellen. Die Ergebnisse der jüngsten Übertrittsprüfungen sprechen Bände.

Es illustriert das Niveau der Diskussionskultur, dass der Bergschule gar kantonale Versäumnisse bei der Logopädie zum Vorwurf gemacht werden. Im Übrigen war die Bereitschaft von Elternseite stets da, ihre Kinder im Einzelfall bei speziellem Bedarf selbst ins Tal zu bringen, etwa zum logopädischen Unterricht. Dass die Betroffenen von den Ergebnissen des Gutachtens ihrer Schulleitung nur tröpfchenweise aus der Zeitung erfahren, rundet das Bild eines verweigerten Dialogs ab.

Der Sozialzusammenhalt der Bergschulkinder dürfte durch tägliche lange Transportwege ins Tal und zurück eher geschwächt werden: Ihre Identität als Bergschulkinder wird derzeit bewusst gepflegt. Die geforderte Chancengleichheit für alle Kinder hängt von Rahmenbedingungen ab, welche den familiären Zusammenhalt fördern statt behindern. Der Gemeinderat Aedermannsdorf hatbetont, dass Finanzargumente nicht im Vordergrund stünden. Warum wird dann im konkreten Fall doch immer wieder mit ihnen operiert, so im Fall von Kosten für Speziallehrkräfte?

Das Wohl der betroffenen Familien berücksichtigen

Nach einer straff organisierten Agenda entscheiden die Gemeinderäte der vier Trägergemeinden innert zwei Wochen über das Schicksal der Bergschule. Im Verlauf der letzten Tage folgten die Räte von Aedermannsdorf und Matzendorf dem Schliessungsantrag. Bereits am Donnerstag soll nach diesem forcierten Plan nun auch Mümliswil möglichst lautlos, d.h. ohne Störfeuer vom Berg, denselben Entscheid fällen.

Als direkt betroffene Familien weisen wir die politischen Entscheidungsträger in den Standortgemeinden mit allem Nachdruck auf ihre Verantwortung hin, dem Wohl derBergbevölkerung ausreichend Rechnung zu tragen und einseitigen Druckversuchen zu widerstehen. Ebenso mögen die Behördenmitglieder im Auge behalten, dass eine lebendige Minderheitenkultur, welche das Thal und seine Landschaft nach wie vor wesentlich prägt, zum Aussterben verurteilt wäre, würde man ihr den entscheidenden Lebensmittelpunkt entziehen.

In diesem Sinn appellieren wir an die Gemeinderäte von Mümliswil und Laupersdorf, dem Antragihrer Gemeindevorsteher für die Schliessung der Schule nicht zuzustimmen. Damit würde der Weg frei, der Bergschule auf der Grundlage einer neuen Vereinbarung, wie ursprünglich beschlossen, eine neue und nachhaltige Perspektive zu geben. Verschiedene andere Gesamtschulen in der Schweiz haben diesen Weg mit Erfolg beschritten. Auch unsere Schule kann vom inszenierten «Problemfall Brunnersberg» zu einem «Modell Brunnersberg» werden. Dies ist nicht nur eine politische Frage, sondern vor allem auch eine Frage des guten Willens aller Beteiligten.»

Gezeichnet ist der Brief von Josef C. Haefely, Vizepräsident Verein «Freunde Bergschule Brunnersberg» und Mitverfasser des offenen Briefes.