Wisen
Sie ist immer da, die Angst vor dem Fremden

Das Theater zum Bau des Hauenstein-Basistunnels wird im Steinbruch von Wiesen erneut aufgeführt. 300 Personen schauen jeden Abend in den Steinbruch hinein. Das lebendige Theater ist ein voller Erfolg.

Madeleine Schüpfer
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Die Frauen und Kinder der italienischen Gastarbeiter müssen bei der Frau des Steinbruchbesitzers hart um alles Lebensnotwendige kämpfen.

Die Frauen und Kinder der italienischen Gastarbeiter müssen bei der Frau des Steinbruchbesitzers hart um alles Lebensnotwendige kämpfen.

Bruno Kissling

Das erfolgreiche Theaterstück zum Bau des Hauenstein-Basistunnels zwischen Tecknau und Trimbach vor 100 Jahren, das letztes Jahr zur Aufführung kam, wird im Steinbruch «Chänel» in Wisen noch einmal präsentiert, wenn auch mit einigen Veränderungen in der Besetzung und im Ablauf. Gegen 300 Leute finden auf der gedeckten Tribüne Platz und blicken in einen Steinbruch hinein, der lebendiger und abenteuerlicher nicht sein könnte.

Dagmar Elgart, Wisen, ist die begabte Theatermacherin, die mit viel Einfühlungsvermögen für lebendiges Theater, für Situationen an Ort sowie für subtile und kraftvolle Bilder dieses Theaterstück konzipiert hat und auch Regie führt, und zwar mit Laienschauspielerinnen und -spielern, die unglaublich motiviert und engagiert sind. Was sie erreicht, ist von erstaunlicher Qualität.

Staunen über Gleichgültigkeit

Wenn man glaubt, das Thema der Emigration, der Fremdarbeiter, in diesem Fall vor allem Italiener, die unter mühsamen Umständen, zum Teil auch lebensbedrohend, dieser harten Arbeit im Steinbruch nachgingen, sei vorbei, der täuscht sich. Vielleicht ist einiges, wenn man an die Unterkünfte denkt, an Familien, etwas humaner geworden, doch noch immer staunt man, wie gleichgültig viele Menschen dieses Thema betrachten und beurteilen.

Dieses spannende Theaterstück möchte nicht moralisieren; es zeigt mit Humor, mit Poesie, mit viel Menschlichkeit auf, wie man zu dieser Zeit lebte und mit diesen Problemen umging. Eine Liebesgeschichte, zart und versponnen, spielt mit hinein; so, wie dies eben im Leben oft der Fall ist, weil genau die Liebe keine Grenzen kennt. Die beiden jungen Menschen lieben sich und finden auch zueinander, und das ist tröstlich so.

In dieser Version wird der junge Steinbrucharbeiter Adriano von Roman Schneider gespielt. Er verliebt sich in Margrit, die Tochter des Steinbruchbesitzers, die gespielt wird von Michelle Meier, und diese Liebe gibt der Handlung ein Stück berührende Menschlichkeit.

Wiederum spielt Thomas Nussbaumer den Steinbruchbesitzer und Elisabeth Studer seine Frau. Man erlebt das kleine schmucke Häuschen mit Balkon und Veranda und im Kontrast dazu die Baracken der Italiener mit ihren Familien. Es ist dies eine Ausgangslage, die genug Zündstoff in sich trägt und für Konflikte programmiert ist. Sie wird noch gesteigert, weil sich die beiden jungen Menschen Margrit und Adriano ineinander verlieben, und dies passt nicht allen.

Viele kleine Geschichten

Der Zuschauer erlebt viele kleine Geschichten um die Geschichte herum, Bilder, die rasch wechseln und neue Akzente setzen, aber auch musikalische Einlagen, die fesseln und begeistern. Beeindruckend sind nach wie vor die Steinbrucharbeiter bei ihrer Arbeit. Da bekommt man manchmal Hühnerhaut beim Zuschauen, wenn sie in den Steinen, im Geröll herumklettern: Adriano, Giuseppe Mario, Vincenzo, Umberto, Angelo, sie alle bewegen sich im Juragestein, als wären sie darin geboren worden. Fantastisch sind auch die Einlagen mit den Kindern und den Müttern, allen voran Antonella (Silvana Castelberg), die aufmüpfig und doch ungemein gerecht ihre Anliegen vorbringt.

Der Gesang der Frauen geht ebenso unter die Haut wie der Wind, der melancholisch durchs Gestein des Steinbruchs bläst und aufzeigt, dass das Leben kommt und geht und viele Dinge sich, wenn auch in anderen Bildern, wiederholen. Bald schmerzlich und erschreckend, dann wieder tröstlich und berührend, sodass man immer wieder als Mensch von Neuem an das Gute im Leben glaubt. Auch die musikalische Ausrichtung prägt dieses Theaterstück. Jana als Pianistin ist im Spiel integriert und mimt das stumme Dienstmädchen, sie wird so zur Aussenseiterin und gehört doch dazu.

Vergangenes ist heutiges Leben

So erlebt das Publikum vergangenes Leben und erkennt doch auch, dass es sich um heutiges handelt, weil der Mensch sich in seiner Menschlichkeit, in seiner Härte, in seiner Unzulänglichkeit kaum ändert.

In diesem grandiosen Theaterstück, das aus der Kulisse heraus ebenso lebt wie aus dem Inhalt, und das so lebendig aufzeigt, wie vor 100 Jahren Menschen unsere Tunnels bauten und wir leider oft solche Zusammenhänge vergessen. Dies dürfte eigentlich nicht sein, denn das Fremde hat immer mit uns zu tun, wir sind teil davon, ob wir wollen oder nicht. Dieses Theaterstück bringt einem solches Gedankengut eindrücklich näher. Man wird bescheiden und erkennt, dass nichts selbstverständlich ist im Leben, und dass man, wenn es einem gut geht, auch den anderen etwas davon abgeben darf. So erlebt man ein Theaterstück voller Zauber und Faszination, das man sich nicht entgehen lassen darf.

Weitere Aufführungen:

Freitag, 22. August: 20 Uhr

Samstag, 23. August: 20 Uhr

Samstag, 30. August: 20 Uhr

Sonntag, 31. August: 14 Uhr