Bauernkalender
Sie ist ein schickes Model, das gerne «säuelet»

Die 24-jährige Véronique Scholl aus Kestenholz liess sich für den Bauernkalender 2015 ablichten und macht sich für Bergbauern stark.

Anja Lanter
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Véronique Scholl hat sich vor der Kamera schnell wohlgefühlt – trotz der für sie etwas ungewohnten Garderobe.

Véronique Scholl hat sich vor der Kamera schnell wohlgefühlt – trotz der für sie etwas ungewohnten Garderobe.

bauernkalender.ch

«Ich chrampfe, also bin ich.» Ein Spruch, der wie angegossen zu Véronique Scholls Persönlichkeit passt. Die gelernte Floristin und heutige Grünbereich-Leiterin in der Landi Sunnmatt Oensingen scheut sich nicht davor, kräftig anzupacken und sich schmutzig zu machen. So passt es irgendwie, dass man ihr am 1. Juni im sonnigen Elm eine Sägesse in die Hände gedrückt hat – allerdings nicht zu Arbeitszwecken, sondern lediglich als Dekoration.

Und seien wir mal ehrlich: In diesem kurzen schwarzen Rock, den hochhackigen Schuhen, stark geschminkt und mit aufwendig frisierten Haaren würde man die Kestenholzerin auch gar nicht bei der Arbeit antreffen. An einem Fotoshooting jedoch schon: Die 24-Jährige liess sich für den Bauernkalender 2015 ablichten. Für sie eine einmalige und schöne Erfahrung, betont Scholl. «Ich habe es richtig genossen, mich von einer Stylistin aufbrezeln zu lassen. Vor der Kamera habe ich mich zudem schnell wohlgefühlt, was nicht zuletzt der Fotografin zu verdanken war, die mir immer wieder Komplimente machte.»

Absätze im Gras versteckt

Ganz zu Beginn des Shootings hatte sie hingegen ihre Zweifel, da sie sich wider Willen aus ihrer Komfortzone wagen musste – kleidermässig jedenfalls. Statt wie gewünscht Jeanshose, «Chüeligurt», kariertes Hemd und Wanderschuhe musste Véronique etwa Schuhe mit Holzabsätzen tragen. «Ich versuchte, sie so tief wie nur möglich im hohen Gras zu verstecken», sagt Scholl schmunzelnd. Während sie hier über ihren Schatten gesprungen ist, hätte sie anderswo keinen Kompromiss gemacht: «Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nicht mehr nackte Haut zeigen werde, als ich es auch in der Badi tue.»

Andere Mädels waren da deutlich freizügiger, schon während des Castings liessen sie tief blicken: «Ich dachte, ich sei im falschen Film – einige kamen in Unterwäsche, derweil ich normale Kleidung trug», erinnert sie sich an besagten Freitag. Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen hatte sie jedoch nicht, denn bald musste sie die Jurymitglieder, unter anderem Ex-Miss-Schweiz Linda Fäh, von ihren Qualitäten überzeugen. Wobei sie flugs ihr Improvisationstalent unter Beweis stellen durfte: Eigentlich sollten die Kandidaten einen persönlichen Gegenstand – in ihrem Fall ein zur Geburt erhaltenes Kuhglöckchen sowie ein Fotoalbum – mitbringen, den Scholl aber im Auto vergessen hatte. So setzte die Solothurnerin halt auf Spontaneität, anstatt eingeübte Werbesprüche runterzuleiern: «Ich habe nicht wirklich eine Menge erzählt, sondern oftmals einfach nur gelacht», verrät Scholl.

Eigentlich erstaunlich, denn für gewöhnlich sprudeln die Worte nur so aus Scholl heraus. Insbesondere, wenn sie über ihre unbeschwerte Kindheit auf dem Land spricht. Als Tochter einer Krankenschwester und eines Landwirts wuchs sie bis 1997 auf einem Bauernhof im bernischen Magglingen auf – ein richtiges Bauernmädchen also. Als die Eltern den gepachteten Hof abtreten mussten, bezog die Familie ein altes Haus im ebenfalls bäuerlichen Rumisberg. «Für mich, meine zwei Schwestern und den Bruder war das ländliche Leben schlicht ein Luxus. Wir konnten draussen spielen, dreckig werden, uns austoben und einfach Kind sein.»

Jedes Jahr zwei Wochen Alp

Mit ihren 24 Jahren ist Scholl nun zwar längst erwachsen, dennoch darf sie für einige Tage im Jahr diese Unbeschwertheit vergangener Tage nochmals geniessen: Dann nämlich, wenn sie «z Alp» geht. Seit 2013 verabschiedet sie sich jeweils für zwei Wochen von der Zivilisation, um im Kanton Fribourg Bekannten beim Käsen und anderen anfallenden Arbeiten zu helfen. Begeistert und fachkundig berichtet sie von der Käsefabrikation, fehlendem Handyempfang und der Gelegenheit, wieder einmal richtig «säuelen» zu können – genau ihr Ding. Sogar vom Frühaufstehen schwärmt sie; Probleme damit hat sie höchstens wieder zu Hause: «Letztes Jahr nach meiner Rückkehr stand ich jeweils um fünf Uhr morgens im ‹Näscht›. Ich brauchte unbedingt Bewegung, schliesslich hätte ich auf der Alp zu dieser Zeit die Kühe geholt. Als ich noch in Oensingen wohnte, marschierte ich dann halt zur Burg.»

Wäre denn ein Leben auf dem Bauernhof nicht wie geschaffen für sie? Logo, zur Landwirtschaft fühlt sie sich zweifellos hingezogen. Dass ihr Freund David Landwirt ist und einmal den Betrieb seiner Eltern übernehmen wird, macht die Sache noch besser. «Wir haben es mega gut zusammen und ich kann mir vorstellen, mit ihm einen Bauernbetrieb zu führen.» Am guten Verhältnis der beiden hat sich auch durch Véroniques Engagement beim Bauernkalender nichts verändert, denn David zeigt sich alles andere als eifersüchtig. «Er findet es cool, seinen Kollegen erzählen zu können, dass sein Schatz im Bauernkalender ist», betont Véronique. Dass es dazu überhaupt kam, hat er seiner Schwester Marina zu verdanken. War sie es doch, die Véronique fünf Tage vor dem Casting angefragt hat, ob sie nicht auch mitkommen wolle – ein Mangel an solothurnischen Kandidaten hat diese kurzfristige Teilnahme möglich gemacht.

Scholls Bauchentscheid, den Weg nach Elm unter die Füsse zu nehmen, ist augenscheinlich goldrichtig gewesen. Und da sie es nun in den Kalender geschafft hat, möchte sie es nicht nur bei ästhetischen Fotos bewenden lassen, sondern auch die Gelegenheit beim Schopf packen und eine seriöse Botschaft rüberbringen: «Tragt Sorge zu unseren Bergbauern. Wer sonst bewirtschaftet die Hänge, wenn nicht sie?», formuliert sie ihr Anliegen und schiebt nach: «Die Sägesse passt deshalb ins Bild, weil sie ja noch immer von Bergbauern verwendet wird.» Diesen Gedanken im Hinterkopf behaltend, hat sich Véronique Scholl mit den Fotos mehr als nur arrangiert – Wände frei also für den Bauernkalender.