Kolumne

Sie fliesst und fliesst, als wäre nichts geschehen

«Die Aare fliesst und fliesst, als wäre nichts geschehen.» (Archivbild)

«Die Aare fliesst und fliesst, als wäre nichts geschehen.» (Archivbild)

Für mich als Berner ist die Aare das Element, das uns mit der Region Gäu verbindet. Hier bildet sie um Wolfwil herum die Grenze zwischen Bern und Solothurn. Als ich während des Lockdowns im Frühjahr mit einem Freund auf die Aare blickte, sagte er: «Die Aare fliesst und fliesst, als wäre nichts geschehen.» Sie floss, als in Kriegen gekämpft wurde, sie floss, als der Mond einen Fussabdruck bekam, und sie fliesst heute, in den Zeiten der Covid-19-Pandemie. Das war mir bisher nie so bewusst gewesen.

Ich nickte meinem Freund zustimmend zu, und wir fanden uns in einer beinahe philosophischen Diskussion wieder. Nehmen wir uns mit allem zu ernst? Sind wir doch einfach nur für ein paar Jahrzehnte zu Gast auf dieser Welt. Vor uns floss bereits die Aare, und nach uns wird sie weiterfliessen.

Vieles, was wir jeden Tag tun, ist wichtig und hat seinen Zweck. Für uns, für unsere Mitmenschen und für unsere Nachkommen. Aber wenn wir mal ein paar Minuten auf die Aare schauen, wird vieles relativ. Auch wenn wir heute grosse Probleme haben, vielleicht mit unserer Arbeit oder in einer Beziehung. Wenn wir die Präsidentschaftswahlen in den USA aufgeregt und in Echtzeit mitverfolgen und jeden Morgen auf die Newsticker schauen, welche umliegenden Länder heute wohl in den Lockdown gehen.

Als Teil der Gesellschaft übernehmen wir Verantwortung und stehen für unsere Überzeugungen ein, kämpfen für einen Platz weiter vorne in der Autokolonne oder empören uns über antiautoritär erzogene Kinder. Doch auch wenn wir uns noch so bemühen: Ändern lässt sich vieles davon schlicht und ergreifend nicht. Vielleicht sollten wir ab und zu auf die Aare schauen, die fliesst und fliesst und uns vor Augen führt, wie klein wir eigentlich sind.

Ich empfehle nicht, wie der Schweizer Autor Rolf Dobelli, auf News gänzlich zu verzichten. Sonst würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, jetzt auch diese Zeilen nicht lesen. Aber vielleicht wäre ein bisschen Demut in Zeiten wie diesen keine schlechte Idee. Schauen Sie mal wieder auf die Aare.

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