Wolfwil

Sie bringt Insassen zum Schwitzen: «Habe zwar keine Angst, aber darf nie den Respekt verlieren»

Brigitte Barrer erlebte schon so manchen «guten Cheib» und sieht sich doch stets mit den Delikten der Insassen konfrontiert. In einem Interview verrät die Wolfwilerin, wie sie sich in kritischen Situationen verhält und weshalb sie stets eine professionelle Distanz zu den Insassen wahren kann.

Durch nicht weniger als neun Sicherheitstüren gehen Besucher, bis sie von ausserhalb der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Deitingen auf den Sportplatz im Innenhof der Institution gelangen. Dieser ist der Arbeitsort von Brigitte Barrer aus Wolfwil.

Schnellen Schrittes schreitet sie voran, nickt hier einem Sicherheitsmann zu, grüsst dort einen Wärter. Seit acht Jahren gibt sie hier jeden Donnerstagnachmittag mit Kollege Christoph Felber Sportunterricht. Nebst dieser Tätigkeit arbeitet die 46-Jährige als kaufmännische Angestellte beim Kanton Solothurn im Amt für Finanzen.

Es ist kein alltäglicher Job in der JVA, so viel steht fest. Laut Direktor Charles Jakober befinden sich derzeit rund 98 Insassen in der Anstalt. Diese sind getrennt im Massnahmevollzug und im Strafvollzug, wobei sich etwa 60 Insassen im Massnahmevollzug befinden.

Das heisst, bei ihnen liegt ein psychiatrisches Gutachten vor, dass ihr Delikt im Zusammenhang mit einer psychischen Beeinträchtigung steht. Die Angestellten arbeiten im 24-Stunden-Betrieb. 

Frau Barrer, wie sieht Ihre Arbeit in der Justizvollzugsanstalt aus?

Brigitte Barrer: Ich arbeite mit zwei verschiedenen Gruppen: Einerseits gibt es diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen Sport treiben müssen wie etwa die älteren Insassen. Die zweite Gruppe besteht aus Tätern, denen der Sportunterricht aus anderen Gründen angeordnet wurde. In diesen zwei Gruppen treiben wir viel Mannschaftssport, gehen walken oder benutzen zusammen den Fitnessraum in der Anstalt.

Aus welchen Gründen wird einem Insassen denn der Sport verordnet?

B.B.: Da muss ich zuerst anmerken, dass der Sportunterricht keine Freizeitbeschäftigung ist. Es ist ein Spezialprogramm für die Insassen mit guten Erfahrungswerten im Massnahmevollzug. Das heisst, nur solche mit einem psychiatrischen Gutachten können Sportunterricht verschrieben bekommen.

Charles Jakober: Das ist mir sehr wichtig. Von all denjenigen, die Sportunterricht verordnet erhalten, freut sich eigentlich niemand. Es wird nicht einfach «gebällelet». Es geht darum, sich zu bewegen, fit zu sein, den inneren Sauhund zu überwinden. Im Vordergrund steht das Erlernen der sozialen Befugnisse wie Teamfähigkeit, Zuhören, Respekt, Hilfsbereitschaft oder der Umgang mit Material.

 

Wir wollen sehen, wie die Insassen in der Gruppe funktionieren, wie sich ihre sozialen Fähigkeiten zeigen, wie sie in Stresssituationen reagieren und ob sie auf Frau Barrers Anordnungen hören können. Anhand des Sportunterrichts können so diverse Fortschritte beobachtet werden. Nach Feierabend und an den Wochenenden können die Insassen selbstständig Freizeitsport betreiben und den Fitnessraum benutzen. Da gibt es auch viel weniger Instruktionen.

Weshalb machen Sie den Beruf?

B.B.: Sportlehrerin zu sein, war schon immer mein Traum. Weil ich aber schon diverse Verletzungen und Operationen hinter mir habe, konzentrierte ich mich vorerst auf meine kaufmännische Laufbahn. Diese Stelle in der JVA nahm ich vor acht Jahren als Ausgleich an. Mich reizt diese Herausforderung, unter anderem schwer motivierbare Menschen oder solchen in einer speziellen Situation die Freude am Sport näherbringen zu können. Hier herrscht ausserdem eine enorme Spannweite. Es gibt Insassen, die teilweise sogar Angst vor dem Ball haben und aber auch diejenigen, die hochtalentiert sind.

Wie reagierte Ihr Umfeld, wenn Sie ihnen von Ihrer Arbeit erzählen?

B.B.: Von vielen erhalte ich die Rückmeldung, dass sie das selbst nie machen würden. Vor allem, weil ich eine Frau bin in einer JVA mit ausschliesslich männlichen Insassen.

Finden Sie diese Angst berechtigt?

B.B.: Ich glaube, es wäre nicht gut, wenn ich Angst hätte. Aber ich darf den Respekt nie verlieren und muss immer alarmbereit sein. Ich habe immer einen Knopf bei mir, den ich in Notfallsituationen drücken könnte, die Wärter patrouillieren ständig, überall sind Kameras. Ausserdem sind wir ja immer in der Gruppe, ich bin nie mit einem Insassen alleine. Ich ziehe zum Beispiel auch nie kurze Kleidung an, sondern trage immer T-Shirts mit Ärmeln und lange Hosen.

C.J.: Sicherheit wird bei uns grossgeschrieben. Ich würde mir nie verzeihen, wenn etwas passieren würde, weil wir zu nachsichtig waren. Wir warten nicht bis es «klöpft», sondern greifen immer sofort ein.

Was für kritische Situationen haben Sie denn schon erlebt?

B.B.: Einmal hat mir zum Beispiel ein Insasse ein unpassendes Briefli geschrieben, das mich ziemlich schockte. Das habe ich dann natürlich sofort gemeldet. Ich fresse nichts in mich rein. Schon nur, wenn ein Insasse meine Hand zu lange hält oder mich zu lange anschaut, halte ich das fest. Sobald mich ein Insasse eher als Frau denn als Sportlehrerin wahrnimmt, bin ich alarmbereit. Kritisch wird es vor allem aber, wenn im Mannschaftssport zu viele Aggressionen und Emotionen walten.

Wie reagieren Sie denn in solchen Situationen?

B.B.: Ich versuche, den Ablauf zu ändern, informiere meinen Arbeitskollegen und hole mir auch Unterstützung beim Sicherheitsteam. In jeder Situation habe ich auch die Möglichkeit, den ganzen Unterricht abzubrechen. Das musste ich bis jetzt aber noch nie machen. Ich musste jedoch schon Lektionen unterbrechen oder kurzfristig umplanen, beispielsweise im Unihockey, weil es teilweise einfach zu hart wird. Wenn die Insassen einen Stock in die Hand bekommen, gehen schnell mal die Emotionen durch.

Wie nehmen Sie die Insassen wahr?

B.B.: Am Anfang sind sie meistens zurückhaltend. Viele erzählen mir dann aber auch, wieso sie in der Justizvollzugsanstalt sind. Vor und nach Gerichtsterminen sind sie meistens sehr emotional und reden mit mir auch darüber. Ich habe schon so manchen «guten Cheib» kennen gelernt. Mir ist aber stets bewusst, wieso diese Leute hier sind und das bringt die nötige Distanz.

Weshalb sind sie denn hier?

B.B.: Das kann ich jetzt nicht so nach aussen tragen. Bei einigen weiss ich es auch nicht. Ich habe die Möglichkeit, es zu erfahren, aber meistens möchte ich das nicht einmal. Ausser, sie erzählen es mir von selbst, dann höre ich natürlich zu. Aber im Massnahmevollzug sind schon die härteren Fälle wie etwa Sexualdelikte, schwere Körperverletzungen oder Tötungsdelikte.

Wie gehen Sie damit um?

B.B.: Wichtig ist, immer diese Distanz zu wahren und nie zu vergessen, wieso die Täter hier sitzen. Ich höre ihnen zwar zu, gebe aber kein Statement ab und bleibe stets neutral. Es gelingt mir sehr gut, Persönliches und Beruf zu trennen.

C.J.: Wir würden natürlich auch intervenieren, wenn wir merken würden, dass Frau Barrer plötzlich mehr Interesse als normal an einem Insassen zeigt oder sich für jemanden engagieren würde. Da sind wir sehr sensibel.

Welche Reaktionen erhalten Sie von den Insassen?

B.B.: Ich bin für sie eine Respektsperson, selbst wenn ich nur einen Nachmittag die Woche hier arbeite. Ich trainiere und spiele selbst auch mit und stehe nicht nur als Trainer daneben. Da kann ich aber auch schön beobachten, wie sie mir zum Teil aufhelfen, wenn ich hingefallen bin oder mich bei einem Punkt abklatschen. Ich bin ein Teil vom Team und werde auch als solcher wie auch als Leitpersönlichkeit respektiert.

Konnten Sie in all den acht Jahren schon Fortschritte bemerken?

B.B.: Ja, sehr oft sogar. Zum Beispiel, wenn talentiertere Sportler die weniger talentierten im Mannschaftssport unterstützen, indem sie einen sicheren Torerfolg nicht selbst ausführen, sondern einen Mitspieler brillieren lassen. Da zeigt sich, dass mein Sportunterricht tatsächlich etwas bewirken kann.

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