Analyse
«Sich schuldig fühlen» genügt nicht – wir müssen diese Epoche untersuchen

Wiedergutmachungsinitiative und Wiederholungszwang. Eine Analyse von Historiker Wolfgang Hafner.

Wolfgang Hafner
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Isabel Mäder

Am Anfang stand ein vielversprechendes, symbolbeladenes Ritual, das einem Repräsentanten der benachteiligten Heimkinder das Recht auf Entgegennahme der Entschuldigung von Bundesrätin Sommaruga zugestand. Nach diesem Ritual wurden wiederum verschiedene «Einzelfälle» veröffentlicht, welche eine unglückliche Kindheit oder Missbräuche etc. von Verding- oder Heimkindern illustrierten. Und nach dem nationalrätlichen Entscheid vorletzter Woche scheint es, als ob den Betroffenen eine Entschuldigung in materieller Form zugestanden wird. Auch bei den Diskussionen in der grossen Kammer dominierten vor allem Einzelschicksale und das Gefühl der Betroffenheit. Von einer Analyse der Strukturen, welche die Grundlage für all das, was unter dem Begriff «düsteres Kapitel der Sozialgeschichte» subsumiert wird, war nie die Rede. Letztlich war der schweizerische Lokalismus, der sich laut dem Historiker Erich Gruner «wie ein gesellschaftliches Zwangssystem auswirkte», nie ein Thema.

Fluri und die Nächstenliebe

«Sich schuldig fühlen» ist ein Gefühl. Es war Teil der Kampagne zur Wiedergutmachungsinitiative, dieses Gefühl der moralischen Verantwortung bei den Menschen, die auf der «schönen» Seite leben, hervorzurufen. Guido Fluri, Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, meinte kürzlich in einem Tages-Anzeiger-Interview: Er sei im Heim gewesen, könne aber nicht sagen wie lange, «aber doch lang genug, dass es eine prägende Zeit für mich war». Flankiert wird diese Aussage des dank Immobilienspekulationen zum mehrfachen Millionär gewordenen Fluri mit dessen Bekenntnis zur Nächstenliebe: «Ich lebe nach den Evangelien und glaube an christliche Werte wie die Nächsten-
liebe.»

Dabei wurden genau diese christlichen Werte wie «Nächstenliebe» zur Zeit der Heim- und Verdingkinder als Rechtfertigung für Züchtigungen und Schläge verwendet. Im Rahmen des damaligen patriarchal-autoritären Regimes wurde vor allem im Namen der Nächstenliebe geprügelt. Es waren die Gefühle und Impulse der in der dörflichen Gesellschaft Herrschenden, welche für Versorgungen den Ausschlag gaben. Sie waren dafür verantwortlich, dass entsprechende Strukturen aufgebaut wurden. Dabei war das gefühlte «sittlich richtige» Verhalten immer viel wichtiger als die politische Positionierung einer Person und deren Ansichten: Bürgerlich-anständig war das Programm und wer den ökonomischen Aufstieg dank politischer Karriere, Spekulationen etc. geschafft hatte und entsprechende normative Anpassungsleistungen erbrachte, war als Gesprächspartner akzeptiert und wurde ernst genommen.

Fehlende Kritik an Heimstrukturen

Die Gültigkeit bestimmter gesellschaftlich definierter und ausschliessender Normen wird auch heute nicht hinterfragt. Eine Kritik der gesellschaftlichen Strukturen, welche diese Normen hervorbrachten und hervorbringen, gibt es nicht. Es sind diese Normen, welche die Strukturen und das Verhalten der Verantwortlichen bestimmen. Fragen, wie etwa ein gesellschaftlich-politisches System oder nur schon das Leben in einem Heim ausgestaltet werden muss, damit sich diese «düsteren» Zeiten nicht mehr wiederholen, werden kaum gestellt. Dabei gibt es durchaus Ansätze, welche, von einer historischen Perspektive ausgehend, Diskussionen um eine demokratische Pädagogik eröffnen könnten; autoritär-patriarchale Verhaltensweisen sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses, das auch überwunden werden kann. Losgelöst von den starren Regeln war (und ist) vieles auch unter misslichen Umständen möglich.

So hat etwa der Arzt Janusz Korczak einen pädagogischen Ansatz in der schwierigen Umgebung des Warschauer Gettos entwickelt, der sich durch die starke Betonung der Rechte des Kindes sowie die ständig präsente Selbstkritik des Erziehers von anderen Systemen grundsätzlich unterscheidet. Im Zentrum seines Ansatzes steht der Verzicht des Erziehers auf die Ausübung von Macht, sowie die Forderung nach Transparenz. Korczak trat für den Schutz der Kinder ein, der unabhängig von den Gefühlslagen der Leitungspersonen erfolgen sollte. So solle den Kindern kein Unrecht geschehen, «nicht weil er (der Heimleiter) sie gern hat oder liebt, sondern weil eine Institution vorhanden ist, die sie gegen Rechtlosigkeit, Willkür und Despotismus des Erziehers schützt».

Da es diese Diskussionen um strukturelle Faktoren im Zusammenhang mit der Wiedergutmachung nie gab und immer Einzelschicksale im Vordergrund standen, besteht die Gefahr, dass weder bei den Verantwortlichen noch in den Institutionen ein Lernprozess einsetzt, noch die Gesellschaft strukturelle Vorkehren trifft, um eine Wiederholung von «düsteren Kapiteln» zu verhindern. Es besteht bloss Ratlosigkeit. Und ob ein wissenschaftliches Programm, dessen allfällige Resultate lange nach der praktisch ausschliesslich gefühlsbetonten Diskussion publiziert werden, überhaupt noch eine öffentliche Relevanz hat, ist mehr als fraglich.

*Wolfgang Hafner ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker. Er ist Autor von mehreren Büchern u. a. der Publikation «Pädagogik, Heime, Macht – eine historische Analyse».