Wolfwil

Senioren entlasten Lehrer für mehr individuelle Betreuung der Schüler auf der Primarstufe

Seniorin Verena Studer hilft den Schülern der zweiten Klasse in Wolfwil beim Ausmalen von Schnecken.

Verena Studer ist eine von vier Seniorinnen, die sich im Rahmen des Projektes «Senioren im Klassenzimmer» der Pro Senectute freiwillig in der Wolfwiler Primarschule engagieren. Jeweils einen Halbtag lang unterstützen sie die Klassenlehrerin beim Unterricht.

Es ist Dienstagmorgen. Die dreizehn Zweitklässler der Primarschule Wolfwil sind gerade am Malen: Allmählich nehmen die kahlen Häuschen der gezeichneten Schnecken Farbe an. «Nicht über die Linien hinaus malen!» heisst es aus der hinteren Ecke des Klassenzimmers, wo Seniorin Verena Studer sitzt. Während sich die Klassenlehrerin Rahel Kissling vorne um die Kinder in der ersten Reihe kümmert, nimmt sie sich Zeit für diejenigen, die weiter hinten sitzen. «Es ist mein Traumjob – ich arbeite liebend gerne mit Kindern», sagt sie in einem Gespräch nach der Morgenlektion.

Verena Studer ist eine von vier Seniorinnen, die sich im Rahmen des Projektes «Senioren im Klassenzimmer» der Pro Senectute freiwillig in der Wolfwiler Primarschule engagieren. Jeweils einen Halbtag lang unterstützen sie die Klassenlehrerin beim Unterricht. «Es ist für die Lehrpersonen eine grosse Herausforderung, alle Kinder, sowohl die stärkeren als auch die schwächeren, in den Unterricht zu integrieren.» So erklärt der Schulleiter Hanspeter Stöckli, warum die Schule an diesem Projekt teilnimmt. «Die Senioren unterstützen die Lehrkräfte bei der individuellen Betreuung der Kinder.» Kantonsweit sind laut Pro Senectute rund 210 Seniorinnen und Senioren in bald 70 Gemeinden im Einsatz. Die Idee ist es auch, eine bessere Betreuung der Kinder zu gewährleisten und einen Austausch zwischen Generationen zu ermöglichen. Die Lehrperson bereitet wie gewohnt den Unterricht vor und instruiert die Seniorin jeweils vor der Stunde über das Programm. Die Verantwortung über die Klasse liegt nach wie vor bei ihr.

Verwöhnende «Grosis»?

«Stellen Sie sich vor, Sie müssten 17 Kindern gleichzeitig das Stricken beibringen. Jedes einzelne erwartet individuelle Betreuung», veranschaulicht Elisabeth Ackermann die Herausforderung, der sich die Lehrpersonen täglich stellen müssen. Die Seniorin beteiligt sich seit drei Jahren jeweils zwei Mal wöchentlich am Unterricht der Primarschule. Besonders im Werkunterricht ist ihr Einsatz mehr als willkommen, da die Kinder in kleineren Gruppen betreut werden können. «Beim Werken kommen viele Kinder zu kurz. Da bin ich froh um jede Unterstützung», ergänzt Lehrerin Rahel Kissling und fügt hinzu: «Ich muss den Kindern manchmal aber sagen, dass sie zuerst selber überlegen sollen, bevor sie Frau Studer rufen.» Dass manche Kinder die gutmütige Seniorin aus reiner Bequemlichkeit rufen, das mache Verena Studer nichts aus. «Ich bin nicht die Lehrerin, ich darf die Kinder doch etwas verwöhnen», sagt sie lachend.

Manchen Kindern lägen jedoch ganz andere Fragen auf dem Herzen, die sie dem «Schulgrosi» stellen möchten, wie Elisabeth Ackermann erzählt. «Frou Ackermaa, müend Sie glii stärbe?» sei sie bereits von neugierigen Schülern gefragt worden. «Gäu, Sie sind en alti Frou?» habe es auch schon geheissen. «Ich schätze sehr, dass ich in der Klasse gewissermassen eine Grossmutterfunktion habe», sagt sie. Kindern, die wenig oder keinen Kontakt zu den eigenen Grosseltern pflegen, werde so die Möglichkeit geboten, sich mit dem Alter auseinanderzusetzen und Fragen dazu loszuwerden. Im Rahmen von Schulprojekten, wie «Früher und Heute», können somit sowohl die Lehrpersonen als auch die Schüler von der Lebenserfahrung der Senioren profitieren und lernen.

Weiterbildung im Gegenzug

Dass es beim Projekt aber nicht nur um den Austausch zwischen den Generationen geht, betont die «Seniorin im Klassenzimmer», Verena Studer. «Wenn nur der Austausch im Vordergrund gewesen wäre und ich die Lehrperson nicht unterstützen könnte, hätte ich mich nicht angemeldet», sagt sie. Im Gegenzug zu ihrer freiwilligen Arbeit erhalten die Senioren regelmässige Weiterbildungsangebote und Kurse der Pro Senectute. Sie sollen ihnen helfen, sich besser im Unterricht einzubringen, welcher sich im Vergleich zu ihrer Zeit wesentlich verändert hat. Eine der drei jährlichen Weiterbildungen thematisierte auf Wunsch der Senioren dieses Jahr beispielsweise den Lehrplan 21.

Für eine gute Zusammenarbeit müsse jedoch allen voran die Chemie zwischen Lehrperson, Seniorin und der Klasse stimmen. In der zweiten Klasse von Rahel Kissling sei dies von Anfang an der Fall gewesen. «Die Kinder haben sehr positiv auf Verena Studer reagiert, mögen sie und mittlerweile ist es selbstverständlich, dass sie am Dienstagmorgen anwesend ist», sagt die Lehrerin. Auch die Pro Senectute berichtet von positiven Rückmeldungen der Lehrerschaft: Die Zahl der teilnehmenden Schulen wachse stetig und es werden regelmässig neue Freiwilligenstellen ausgeschrieben. Auch die Seniorinnen im Schulhaus Wolfwil sind fest entschlossen, solange weiterzumachen, wie es ihre Gesundheit erlaubt.

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