Mümliswil
Seit einem Jahr ruft die Wanderlust immer mittwochs besonders stark

Jede Woche brechen die zwei Guldentalerinnen Irma Bigler und Esther Büttler auf, um die Flussläufe abzumarschieren. Den ersten Fluss, den sie sich vornahmen, war die Aare. Dieses Jahr war die Reuss an der Reihe – vom Gotthard bis nach Windisch.

Monika Kammermann
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In der Nähe des Tierparks Dählhölzli in Bern.

In der Nähe des Tierparks Dählhölzli in Bern.

zvg

«Wir gehen über jede Brücke und fotografieren sie. Das ist unser Credo beim Wandern», erzählen Irma Bigler (68-jährig) und Esther Büttler (54-jährig). 14 Jahre trennen die beiden Frauen voneinander. Doch was sie verbindet, die grosse Freude am Wandern, ist viel stärker. Angefangen habe alles mit dem lange gehegten Wunsch von Esther Büttler, einmal in ihrem Leben einem Fluss entlang zu laufen. «Zu zweit ist es einfach angenehmer, unterwegs zu sein», erklärt Büttler und deshalb habe sie ihre gute Freundin gefragt, ob sie mitkomme. Jahrelang hatte Irma Bigler die «Brocki» in Mümliswil betrieben. «Nach meiner Pensionierung habe ich nun die Zeit dafür», ergänzt die vormalige Brockenstube-Eigentümerin.

Solothurn – Koblenz – Grimsel

Die erste Wanderung, besser gesagt der erste Fluss, den sich die beiden Frauen vornahmen, war die Aare. Gestartet haben sie letzten Juli in Solothurn und sind bis nach Aarwangen gelangt. «Wir sind etappenweise unterwegs», erklären die Wanderinnen. So erreichten sie zuerst das Ziel in Koblenz und gingen erst später zum Quell der Aare auf dem Grimsel. Die ganze Strecke beträgt 296 Kilometer und wurde in 16 Etappen abmarschiert.

Im Berner Oberland sei es wirklich über Stock und Stein gegangen. «Ohne gute Wanderschuhe und Stöcke wäre es nicht möglich gewesen», hält Bigler fest.

Als besonders anstrengend habe sie die Stadt Bern empfunden: Sie hätten sich drum einen Spass daraus gemacht, alle Treppen rauf- und runterzusteigen. Ihre Wanderung entlang der Aare bezeichnen die Frauen als vielschichtig und abwechslungsreich: vom Pass, über das Berner Oberland, diverse Städte und Auenwälder: «Wir haben auch festgestellt, dass die Aare unterschiedliche Farben hat – mal blau, mal grün, mal blau-grün.»

Über 166 Brücken musst du gehen

Brücken scheinen wirklich ihre grosse Leidenschaft zu sein. Das Duo überquert nicht nur jede und fotografiert sie – Büttler zieht ein kleines Notizheft hervor – darin ist jeder Flussübergang mit Zeitpunkt festgehalten. «Es waren rund 166 Brücken bei der Aare», schätzt sie. In diesem kleinen Heft notiert sie auch, wie viel das Billett gekostet hat und wie viel sie fürs Essen ausgegeben haben – auch kleine Anekdoten sind niedergeschrieben. Zum Beispiel haben sie mal an einem Wegrand Kartoffeln gefunden. «Die haben wir dann mit nach Hause genommen und ‹Gschwellti› gekocht», lacht Büttler. Beim Wandern lieben sie es auch zu fotografieren. So bräuchten sie meistens mehr Zeit, als auf den gelben Schildern angegeben sei. «In der Aare-Schlucht haben wir doppelt so lange gebraucht», gibt Büttler verschmitzt zu.

«Wir planen auch nicht gross. Wir gehen einfach so lange, wie wir mögen», erklärt das Wanderduo. Erzwingen bringe nichts, da müsse man abschätzen, ob man noch weitergeht oder nicht. Bis zu ihrem Ausgangspunkt sind die Frauen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wenn sie genug gewandert sind, steigen sie in das nächstgelegene Postauto oder Zug und kehren dann in der Woche darauf dorthin zurück, um weiterzugehen. «Bis jetzt haben wir nur einmal das Postauto verpasst. Die Verbindungen sind in der Regel sehr gut», erzählt Büttler.

Fehlender Mut?

Dieses Jahr haben die Frauen bereits im Frühling gestartet. In sieben Abschnitten sind sie entlang der Reuss gewandert – vom Gotthard bis nach Windisch. Mitgenommen werde jeweils nicht viel. «Lustigerweise sind wir häufig gar nicht so hungrig, wenn wir unterwegs sind», erzählt Bigler. Trinken hingegen sei sehr wichtig. Die nächsten Ziele sind bereits bekannt: Birs und danach vermutlich im Glarnerland. Was die Frauen am Wandern schätzen, ist, dass man die Schweiz kennenlernt: «Wir lesen Ortsnamen, die wir zuvor noch nie gehört haben, und erfahren Sachen, die wir nicht gewusst haben.»

Das Duo werde in seinem Umfeld teilweise etwas aufgezogen ob seines «Wander-Ticks». «Doch da stehen wir drüber, denn sie können gar nicht mitreden, da sie das selber noch nie erlebt haben», erklärt Irma Bigler. Es gebe auch Leute, die mit ihnen mitfühlen und nachfragen, wo sie sich gerade befinden. Doch weder die einen noch die anderen hätten die beiden bisher mal auf einer Etappe begleitet. «Wir würden uns freuen, wenn jemand mal mitkommen würde», so die beiden. Eines muss man sich bewusst sein: Die beiden Frauen lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen.