Sie sind so unglaublich, die Figuren und Figurinnen von Schang Hutter, in ihrer Menschlichkeit, trotz ihrer Reduktion und gleichzeitigen Überzeichnung. Man trifft sie an vielen Orten, Wänden und Plätzen, diese Skulpturen mit den so typisch spitzigen Figuren, den überlangen Armen, den so lebendigen Mimiken und expressiven Gesten und Haltungen.

Selbst wenn manche seiner Figuren mit ihren kantigen Körpern und rundlich-vereinfachten Köpfen, mit dieser eigenwilligen «Dutt-Form», etwas zurückhaltender wirken. Die Figuren, Figurengruppen, seine Zeichnungen, Grafiken, Lithos kreisen um das eine grosse und für den Schweizer Bildhauer, der am 11. August seinen 81. Geburtstag feiern konnte, so relevante Thema: «Der Verletzlichkeit Raum geben».

Diese Verletzlichkeit des Menschen ist sein künstlerisches Motiv, das sein ganzes Werk so unverkennbar prägt. Mit diesem ruft der Künstler immer wieder gegen Krieg, Gewalt und sinnloses Blutvergiessen, aber auch gegen Atomkraft und für Menschlichkeit auf. Figuren, die in ihren inneren Haltungen und äusseren Geschehen aktuell sind wie lange nicht mehr. So, wie Schang Hutter überhaupt mit seinen Werken seine Solidarität mit den Unterdrückten und Bedrängten zum Ausdruck bringt, immer wieder das Übersehene, zur Seite Gedrängte, Unterdrückte und Alleingelassene thematisiert. Dies gelingt ihm immer wieder mit den überschlanken Figuren mit den überlangen Armen und oft auch gestenreichen Händen, den spitzigen, oft ebenfalls überlangen Nasen, gruppiert zu ausdrucksstarken Szenarien, Begegnungen und Gebärden, gefühlsintensiven Haltungen – jede Figur erzählt eine Geschichte.

«Der Mensch ist verletzlich», sagt Schang Hutter während des Gesprächs, und «die Figuren sind so dargestellt, dass diese Verletzlichkeit Gestalt, Raum erhält.» Und diese oft so spitz-langen Nasen? Die sind für den Künstler sehr wichtig, nicht nur wegen der Statik, sondern sie sind eben wie eine Nadel, die man in die Luft steckt, oder eben eine «Wundernase», daran hängt der Kopf, daran dann der Körper mitsamt seiner Intensität der Verletzlichkeit. Denn Hutters Figuren sind neben der Verletzlichkeit auch ein wenig neugierig, und manchmal wirken sie widerständisch, ja auch hoffnungsvoll. Deshalb sind auch die überlangen Arme ein wichtiges Erzählmittel, denn der Mensch übt mit den Armen ebenso Gewalt aus, wie er mit ihnen nach Hilfe und nach Liebe greift.

In der Galerie Rössli sind jetzt neben einigen Klassikern seiner bildhauerischen Kunst zahlreiche Arbeiten der letzten 30 bis 40 Jahre auf Papier zu sehen: Lithografien im ersten Raum, Kaltnadelradierungen im zweiten Raum und Zeichnungen im Kellergewölbe. Sie alle zeugen von einer enormen schöpferischen Kraft und erzählerischen Kreativität bis hin zur neuesten Lithografie: Zwei Figuren, im weichen Dunkelgrau schraffiert, bewegen sich friedvoll im unendlichen Raum.