Balsthal

Seine Domäne sind die Sicherungsanlagen: Der OeBB-Chef sorgt für Überblick im Ceneri-Tunnel

Ein Tunnel wie jeder andere? Nicht für Markus Schindelholz, der zu Testzwecken bereits etliche Male durch den brandneuen Ceneri fuhr.

Ein Tunnel wie jeder andere? Nicht für Markus Schindelholz, der zu Testzwecken bereits etliche Male durch den brandneuen Ceneri fuhr.

Sein Bubentraum war Lokführer – heute ist Markus Schindelholz OeBB-Geschäftsführer und überprüft nebenamtlich Eisenbahntunnels.

Wenn der Ceneritunnel im Dezember ans Netz geht, wird sein Puls höherschlagen. Markus Schindelholz war ein kleines Rad in einem grossen Räderwerk, das für ein Tunnelbauprojekt dieser Grössenordnung im Hintergrund bis ins letzte Detail plant. «Wenn du einmal mit Tunnels zu tun gehabt hast, kommst du davon nicht mehr weg», sagt er und seine Augen leuchten dabei. Die Aufgabe des Chefs der Oensingen-Balsthal-Bahn hat viel mit einer Schweizer Tugend zu tun: Sicherheit ist in den Tunnels das oberste Gebot.

Die Schweizerischen Bundesbahnen überlassen nichts dem Zufall, ehe ein neuer Tunnel ans Netz geht. Mit dem Ceneritunnel reiht sich ein weiteres Prestigeprojekt in die lange Tradition der nationalen Tunnelbauten ein. Er lässt das Tessin zusammenrücken und verkürzt die Fahrzeit Zürich–Lugano auf unter zwei Stunden.

Dank des Ceneri-Tunnels kann die Strecke Bellinzona-Lugano in nur acht Minuten überbrückt werden.

Dank des Ceneri-Tunnels kann die Strecke Bellinzona-Lugano in nur acht Minuten überbrückt werden.

Etliche Male schon ist Markus Schindelholz in den letzten Jahren in den Süden gereist und zu Testzwecken durch den fertiggestellten Tunnel gefahren. Seine Domäne sind die Sicherungsanlagen.

Sobald ein Lokführer eine Geschwindigkeit von über 160 Kilometern pro Stunde erreicht, kann dieser nicht mehr verarbeiten, was am Streckenrand geschieht. Damit er dennoch die Kontrolle behält, wurde die Führerstandsignalisierung entwickelt. Über den Bildschirm erhält der Lokführer alle Informationen direkt in die Lokomotive geliefert.

Das System nennt sich ETCS Level 2 und es kam in der Schweiz erstmals auf der Bahn-2000-Strecke Mattstetten–Rothrist zum Einsatz. Zu Beginn noch fehleranfällig, haben die SBB das System mittlerweile auf vielen weiteren Strecken erfolgreich eingeführt. Auch in den wichtigen Hochgeschwindigkeitstunnels der Schweiz.

Der Ceneri-Basistunnel ist offiziell eröffnet

Der Ceneri-Basistunnel ist offiziell eröffnet (4.September 2020)

Mit einem kleinen Festakt am Nordportal in Camorino TI wird der Ceneri-Basistunnel nach zwölf Jahren Bauzeit feierlich eröffnet. Die Schweiz vollendet mit dem Ceneri-Tunnel die Neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) und hat nun eine durchgehende Flachbahn durch die Alpen. Besonders der Güterverkehr profitiert vom Ceneri, aber auch die Tessiner Bevölkerung rückt durch ihn ein Stück näher zusammen.

Erst am Gotthard, dann am Ceneri

«Im Tunnel sind die Sicherheitsanforderungen noch viel höher», sagt Schindelholz und illustriert dies an einem Beispiel: Wenn ein Zug im Tunnel auf 140 Kilometer pro Stunde runterbremst, so merkt das System dies und fragt den Lokführer, weshalb er nicht schneller fährt. Bleibt die Rückmeldung des Lokführers aus, fahren die Sicherungssysteme hoch: Die Tunnelbeleuchtung und die -belüftung werden eingeschaltet, nachkommende Züge automatisch angehalten.

Markus Schindelholz, Geschäftsführer OeBB:  «Als ich am Gotthard arbeitete, war ich kaum mehr daheim.»

Markus Schindelholz, Geschäftsführer OeBB: «Als ich am Gotthard arbeitete, war ich kaum mehr daheim.»

Der Balsthaler hat sich in den letzten Jahren zu einem absoluten Spezialisten dieser Abläufe entwickelt. Schon 2014 half er mit, damals noch im Vollamt für die SBB auf Achse, den längsten Tunnel der Welt – den Gotthard-Basistunnel – betriebstüchtig zu machen.

Bloss drei Monate bleiben für die Probephase

Wenn Mitte Oktober im Ceneritunnel die grossen Rettungsübungen stattfinden, wird Schindelholz auf einem Lösch- und Rettungszug mitfahren, den Tessiner Kollegen über die Schulter schauen und sich notieren: Wie funktioniert die Kommunikation zwischen der Betriebsleitzentrale und dem Lokführer? Wie greifen die definierten Abläufe? Wo müssen die SBB noch Anpassungen anbringen? Die Zeit drängt: Die Probephase ist die letzte Etappe vor der Inbetriebnahme, die bereits in drei Monaten erfolgen soll.

Nachdem der Tunnel von der Alptransit Gotthard an die SBB überging, geht es darum, die Abläufe zu perfektionieren. Schindelholz rapportiert seine Beobachtungen jeweils an das Bundesamt für Verkehr, das letztlich den Tunnel für den Betrieb freigibt. Sofern Mängel bestehen, erlässt der Bund Einschränkungen.

Dies war etwa beim Gotthard-Basistunnel der Fall, in welchem die Züge zunächst nur mit reduzierter Geschwindigkeit verkehren durften. Noch heute, vier Jahre nachdem der neue Gotthardtunnel ans Netz ging, laufen Nachjustierungen im Umfang von 50 Millionen Franken. «Auch ich darf ab und zu noch meinen Senf dazu geben», sagt Schindelholz.

Von der grossen Bahnbühne zurückgekehrt

Alles, was er heute für die SBB tut, leistet er auf Mandatsbasis. «Ich vermiete mich als OeBB-Chef sozusagen selbst», sagt er lachend. Das regionale Bahnunternehmen kann so sein Budget entlasten. Und Schindelholz bleibt mit einem Fuss bei den Tunnelprojekten auf der grossen Bahnbühne dabei. Auf dieser ist er nur ein kleines Rad. In seinem Heimatdorf Balsthal, wo schon sein Vater bei der Regionalbahn arbeitete, übernahm Schindelholz vor drei Jahren die Geschäftsführung. «Hier sehe ich die Bahn als Ganzes», erklärt er, weshalb er – trotz grosser Leidenschaft für seine Aufgaben – die SBB verliess. «Als ich am Gotthard arbeitete, war ich kaum mehr daheim.»

Heute radelt er mit dem Velo in drei Minuten zur Arbeit. Im kleinen Bahnunternehmen bekleidet er vom Chef mit dem weissen Hemd bis zum technischen Pikettdienst am Sonntag viele Rollen. «Auch ich gehe mit den hohen Schuhen und im Überkleid ans Gleis, wenn es eine Störung gibt», sagt Schindelholz.

Die Bindung zu den Tunnels ist geblieben. «Der Gotthard ist mir am nächsten. In diesem Tunnel habe ich so viele Stunden verbracht.» Die Leidenschaft für die Bahn teilt er mit seinen Nächsten: Bei den beiden Rettungsübungen am Gotthard war damals die Familie in den Zügen mit dabei.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1