Kann Leiden gut und schön sein? Vielleicht ja, wenn es sich der Gedankenlosigkeit im Rhythmus des Lebens widersetzt: Du bist nicht der, der du dachtest – das Fundament deiner Seele liegt noch viel tiefer. Da hin nahm der Kirchenchor St. Martin Egerkingen sein Publikum am Samstagabend mit.

Zwei Wochen vor dem Tod am Kreuz auf eine musikalische Reise nicht nur zurück in der Zeit, sondern auch auf eine Reise nach innen. Die Menschen in der rappelvollen Kirche hörten dem Ensemble aus Chor, Solisten und Instrumentalisten nicht nur zu, vielmehr schienen sie sich der gütigen Polyfonie meditativ hinzugeben.

Ein sechsstimmiges Werk

Mit der Schweizer Erstaufführung des vor fast 400 Jahren vom portugiesischen Renaissancekomponisten Manuel Cardoso (1566 – 1650) kreierten Werkes «Missa pro defunctis» (Totenmesse) hat der St. Martinschor das Gäu mit einer seltenen Perle beschenkt.

Das sechsstimmige Werk stellt ein exzellentes Beispiel des herausragenden kompositorischen Könnens Cardosos dar. Alt und Jung kamen, und manch einer dürfte gestaunt haben, dass ein Kirchenchor sich an so Grosses und Schwieriges heranwagt. Dem ist dankbar zu entgegnen: Zurecht haben die Verantwortlichen den Mut gehabt und den immensen Aufwand nicht gescheut. Es hat sich gelohnt. Und als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass alte Musik ungebrochen lustvoll sein kann, dieser Kirchenchor in Egerkingen hat ihn erbracht. Die Natürlichkeit des weit entwickelten, engagierten Laienchores verschmolz mit der Reinheit der Profis des Ensembles Manuel Cardoso, alles Absolventen der Schola Cantorum Basiliensis. Im Tutti der gesamte Apparat bedeutungsvoll gross, in den instrumentalen und vokalen Werken für Soli, zwischen den Messeteilen, lieblich und mild.

Barrosos erfolgreiches Debut

Die Aufgabe brauchte musikalischen und menschlichen Verstand, den Guilherme Barroso überdurchschnittlich zu haben scheint. Barroso dirigiert den St. Martinschor Egerkingen seit 2017 und ist Leiter und Lautenist des Ensembles Manuel Cardoso. Er verstand es, die gregorianischen Gesänge sowohl einstimmig als auch harmonisiert nach den Regeln der vokalen Improvisationskunst (Contrapunto alla mente) erklingen zu lassen. Für einen besonders starken Eindruck gesorgt haben die Klänge der alten und hierzulande eher ungewohnten Instrumente Zink, Barockposaune, Dulzian, Violone, Laute, auch die Orgel vorne im Altarraum. Vielleicht genügte nicht jeder Zusammenklang zwischen den vielen Musizierenden höchsten Homogenitäts-Ansprüchen; vielleicht wäre dem Gesamtklang zu Gute gekommen, wenn die ausnahmslos brillanten Solistinnen und Solisten, vor allem in den Männerstimmen, etwas akzentuierter geführt gewesen wären; und womöglich hätte eine nuanciertere Phonetik des Textes die Kommunikation mit dem Publikum weiter verschönert, lebendiger gemacht.

Der Gesamteindruck war indes so ergreifend, dass jede Anmerkung vielleicht eine Idee geben, nicht aber korrigieren soll. Dem erst 33-jährigen Brasilianer Guilherme Barroso ist das Debüt als musikalischer Verantwortlicher einer derart monumentalen Aufführung wahrlich gelungen. Den Mutigen und Liebhabern gehört die Musik.

Nicht jeder liebt alte Renaissancemusik. Aber dieser Kirchenchor traut sich, nicht zum ersten Mal, lässt sich auf alte Musik ein, hat damit Erfolg und bereichert ganz nebenbei die Dorfkultur. Die Sängerinnen und Sänger, den Leiter Guilherme Barroso, alle Mitwirkenden, dürften die Ovationen mit Fug und Recht gefreut haben. So hat sich das Publikum vor der Leistung verneigt und für das Geschenk bedankt. Von Gänsehautmomenten war zu hören, von der Freude, dass Egerkingen so etwas erleben darf. Wer nach den 70 Minuten die Kirche verliess, nahm etwas von der Schwere von Karfreitag mit. Und doch lag eine Lust über der Stimmung an dem Abend in Egerkingen, die etwas hat vom Glück der Traurigkeit, von der Schönheit des winterlichen Gartens, in dem alle natürliche Vitalität noch schläft.