Am Dienstag wurde publik, dass an der Kreisschule Gäu in Neuendorf ein Enthauptungsvideo des IS die Runde machte. Involviert waren fünf Schüler im Alter von 12 und 13, einem weiteren Schüler wurde damit gedroht, dass er das gleiche Schicksal vor sich habe, wie der Mann im Video.

Marcel Dubach von der Jugendpolizei ist sich sicher, dass sich Kinder in diesem Alter sich nicht bewusst sind, welche Konsequenzen aus ihrem Handeln erfolgt. Wir fragten bei Dominik Wicki, dem Leiter des schulpsychologischen Dienstes des Kanton Solothurn nach.

Dominik Wicki, warum zeigt ein 13-Jähriger Schüler ein Enthauptungsvideo?

Dominik Wicki: Es geht vor allem darum, Grenzen auszuloten. Speziell bei Jungen läuft die Identitätsbildung oftmals in die Richtung, dass man zeigen kann, welche Rolle innerhalb der Gruppe man einnimmt, wie cool man ist.

Die gezeigt Szene im Video ist sozusagen die höchste Stufe möglicher Gewalt gegenüber einem Menschen. Warum schreckt diese Brutalität nicht ab?

Es ist tatsächlich so, dass organisch der Teil des Hirns, in welchem Konsequenzen abgeschätzt werden, das Frontalhirn ist. Dieses ist erst spät voll entwickelt. Darum ist es den Jugendlichen noch nicht vollumfänglich bewusst, welches Leid oder welche politische Intension hinter so einem Video stehen. Ein bewusster Ablauf ist dies aber meist nicht, wie gesagt geht es vordergründig um Identitätsstiftung. 

Hat sich diese Identitätssuche der Jugendlichen verändert?

Durch die einfache Verfügbarkeit von solchen Videos und Bildern, nicht nur mit Gewaltszenen, sondern auch solche mit pornografischem Inhalt, hat sich das sicherlich verlagert. Die Mechanismen sind aber die gleichen. Früher hat man sich für denselben Effekt vielleicht geprügelt. Identitätsfindung findet aber eher an der äussersten Grenze statt, wo man deutliche Erfahrungen macht.

Das heisst, es war alles gar nicht so schlimm?

Man darf die Aktion sicherlich auf keinen Fall verharmlosen. Die Schule hat gut reagiert und gezeigt, dass sie solch ein Verhalten nicht toleriert. Sie hat Grenzen gesetzt, weil die Schüler genau diese ausloten wollten. Aber das Verhalten ist nicht grundsätzlich problematisch. Erst wenn jemand wiederholt in Zusammenhang mit Gewalt auffällt, wird es aus psychologischer Sicht zum Problem.

Ausloten von Grenzen gehört zur Jugendzeit, aber die Erwachsenen müssen Haltung zeigen und Konsequenzen ziehen.

Was kann also die Schule konkret machen, um in Zukunft ähnliche Vorfälle zu verhindern?

Wichtig ist, dass bereits im Voraus, also vor der Tat, gezeigt wird, wo die Grenzen sind. Welches Verhalten ist toleriert, welches nicht, welches ist gar strafrechtlich verboten? Im Nachhinein sollte das Thema in den einzelnen Klassen besprochen werden, um die Problematik der Geschichte klar zu machen. Also klar auszusprechen, dass das Verhalten illegal war.

Was raten sie Eltern, die merken, dass ihr Kind solche oder ähnlich gelagerte Videos konsumiert oder verbreitet?

Das Wichtigste ist, sofort das Gespräch mit den Heranwachsenden zu suchen. Dazu gehört auch eine gewisse Kontrolle: Was auf dem Tisch ist, kann man besprechen. Deshalb sollten Eltern immer wieder prüfen, was sich ihre Kinder im Internet anschauen, was für Material sie auf ihrem Handy haben. Damit sollte Aufklärung verbunden sein, um klar zu machen, was in Ordnung ist und was nicht. Auch in Verbindung mit erzieherischen Massnahmen. Wenn keine Grenzen gesetzt werden, können diese auch nicht ausgelotet werden und dann läuft es aus dem Ruder.

Welche erzieherischen oder anderen Massnahmen sind ihrer Meinung nach, in so einem Fall angebracht?

Die Jugendlichen müssen verstehen, dass sie zu weit gegangen sind. Darum kann es durchaus sinnvoll sein, dass man den Jugendlichen einen Teil ihrer Freizeit nimmt.

Also zum Beispiel mit Arbeitseinsätzen für das Gemeinwohl?

Ja, dies ist durchaus eine Möglichkeit. Wichtig ist, dass die Konsequenzen für die Heranwachsenden deutlich spürbar sind, nur so kann ein Lernprozess einsetzen.