Holderbank

Schütze Jan Lochbihler nimmt bei Olympia in Rio die Medaillen ins Visier

Jan Lochbihler trainiert momentan auf höchstem Level für die kommenden Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Jan Lochbihler trainiert momentan auf höchstem Level für die kommenden Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Kleinkaliber-Schütze Jan Lochbihler aus Holderbank befindet sich in der letzten Phase seiner Olympia-Vorbereitung. Nur in Rio dabei zu sein, das ist ihm zu wenig.

Wie festgenagelt steht er in der Schiessanlage von Schwadernau: breitbeinig, um 90 Grad gedreht zur Schussrichtung. Schuss für Schuss feuert er ab. Seine Augen folgen jedem der 4,5-mm-Geschosse. Und zwischen den Schüssen suchen sie die Entspannung.

«Ich verlange von mir jedes Mal volle Konzentration», sagt Jan Lochbihler. Das fordert auch jedes Mal Energie. Wie anspruchsvoll das Geleistete aber ist, zeigt die Dauer der Einheit.

Mehrere Stunden summieren sich. 200 bis 500 Schuss feuert der einzige Schweizer Olympia-Schütze an einem Tag ab; liegend, kniend, stehend. «Stehend ist am anspruchsvollsten für mich wegen meiner Grösse», sagt er. «Das Aufbauen der Körperspannung erfordert den grössten Aufwand.»

Um die optimale Position zu unterstützen, trägt Lochbihler wie alle Topschützen eine Schiessjacke, -hose und -schuhe. «Die zwängt den Körper in eine Art Korsett», sagt der Modellathlet von 1,87 m Grösse und gut 97 kg.

Lochbihler stellt auch in diesem Training höchste Ansprüche an sich. «80 Prozent an Zehnern», wünscht er sich, «der Rest Neuner und einige wenige Ausrutscher.» Zur Veranschaulichung: Der Zehnerkreis der Scheibe hat einen Durchmesser von 1 cm, welcher auf die Distanz von 50 m perfekt zu treffen ist.

Anhand der elektronischen Aufzeichnung lässt sich jedes Resultat sogleich analysieren. Der Weg des Gewehrs vom Anlegen bis zur Schussabgabe, ebenso die Orte der Treffer. Und dank der elektronischen Soforterfassung lässt sich gar die Qualität der Höchstpunktzahl in Zehnteln qualifizieren: von 10,0 bis 10,9.

Tour-de-France-Visite

Um hochintensive Tage handelt es sich für Lochbihler gut einen Monat vor dem alles überragenden Karrierehöhepunkt. In einer von vier Trainingswochen des Nationalkaders befindet er sich. Nicht nur viele Schüsse gibt Lochbihler ab, ebenso gilt die Konzentration anderen, entscheidenden Faktoren: dem mentalen Training, der Rumpfstabilisation, der Kraft, der Ausdauer. «All dies zusammen ermöglicht ein gutes Resultat», sagt der 24-Jährige.

Um hochintensive, 16-Stunden-Tage handelt es sich. Erst im Frühling nachdem der Quotenplatz für die Schweiz von den Frauen zu den Männern wechselte, rückte Olympia für ihn in den Fokus. «Ich bin noch konsequenter geworden und arbeite noch besser», betont er.

Der physischen und psychischen Komponente schenkt er höchste Bedeutung. Kraft und Muskeln müssen gefordert sein, ebenso Atem, Puls, Gedankenwelt. «Ich will bei jedem Schuss spüren, was ich tue, was in meinem Körper abläuft», sagt er. Und das sollte auch gewährt sein, wenn Hochdruck und Wettkampfnervosität hinzukommen. Solche Situationen werden im Training simuliert. Und der Blick richtet sich weit über den Schiessstand hinaus. So planen die Schützen und Nationalcoach Daniel Burger eine Visite der Tour de France, wenn die bedeutendste Velorundfahrt nächste Woche der Schweiz die Referenz erweist. Mit dem Rennrad fahren die Schützen auf den Col des Mosses.

Wichtige Trainingsaspekte

Zum Ausdauertrainingseffekt hinzukommt der bewusst gesuchte Anschauungsunterricht. «An diesem weltgrössten Velo-Rennen sind die Fahrer enormen Fremdeinflüssen ausgesetzt, und um erfolgreich zu sein, müssen sie mit diesen Umgehen», sagt Burger. An die eigene Erwartungshaltung, die Beachtung durch die Öffentlichkeit, die Medienansprüche, das ganze Drumherum denkt er. Einen Eindruck vermitteln darauf, womit die Schützen in Rio auf vergleichbare Weise konfrontiert werden dürften, soll diese Aktion.

Wachsendes Kribbeln

Jan Lochbihler nutzt jede Gelegenheit, um das gewünschte Level bis Mitte August und seine Einsätze im 50-m-Liegendschiessen am 12. August und 50-m-3-Stellungs-Match am 14. August zu nutzen. «Die Anspannung steigt, das Kribbeln kommt immer stärker auf», sagt er. Diese Entwicklung reizt ihn. «Ich erreiche einen Zustand, in dem ich mich noch exakter spüre, noch stärker kontrolliere», sagt er, «Körper und Geist bilden eine Einheit und gelangen auf eine ganz spezielle Ebene.»

Nach Rio, um zu gewinnen

Dass ihm dies auch bei Olympia, beim Wettkampf aller Wettkämpfe, gelingen dürfte, davon geht der zweifache Junioren-Europameister und letztjährige Elfte am Weltcup in Rio aus. Denn für den Hochtalentierten ist klar: «Nach Rio reise ich nicht, um zu einer neuen Erfahrung zu kommen, in Rio will ich die bestmögliche Leistung abrufen.» Der Holderbanker will um die Medaillen schiessen.

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