Oensingen
Schönschreiben, Wolle spinnen und flechten: Fürs mittelalterliche Handwerk ist viel Geduld gefragt

Am Montag ist das SRF-Projekt «Leben wie vor 500 Jahren» gestartet. Damit fand auch gleich der erste Publikums-Event auf der Neu-Bechburg statt. Hier wird gezeigt, wie im Mittelalter zum Beispiel Faden und Körbe entstanden.

Rebekka Balzarini
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Rahmenprogramm zum SRF-Projekt Leben wie vor 500 Jahren auf dem Schloss Neu-Bechburg
16 Bilder
Marlis Dürst spinnt von Hand.
Christian Kühni beherrscht die mittelalterliche Schönschrift, die Kalligrafie.
Hier werden Körbe geflochten
Ursula Meise und Bruno Kölliker vom Kirchenchor Oensingen flechten Zwiebelzöpfe.
Indem man sie bindet, bleiben die Zwiebeln länger haltbar
Besucherinnen betrachten ein nach alter Technik angefertigtes Tuch.

Rahmenprogramm zum SRF-Projekt Leben wie vor 500 Jahren auf dem Schloss Neu-Bechburg

Remo Fröhlicher

Der Faden gleitet über das Rad. «Wo ist der Spitz?», fragt ein Junge, und betrachtet angestrengt das Spinnrad. «Welcher Spitz?», fragt seine Mutter verwundert. «Ja der Spitz. Am Rad. Da ist doch ein Spitz!», beharrt er. «Aber wieso ein Spitz?», fragt sie zurück. Dann plötzlich versteht sie. «Fragst du das wegen Dornröschen?». Der Junge nickt, die Zuschauer lachen.

Sie stehen im Lindenhof der Neu-Bechburg in Oensingen. Dort steht der Stand von Sandra Funk aus Bettenhausen und von Marlis Dürst aus Sumiswald. Funk kämmt und spinnt Wolle, Dürst verarbeitet Flachs. Beide beherrschen sie noch ein Handwerk, das schon im Mittelalter betrieben wurde.

An verschiedenen Publikum-Events auf der Neu-Bechburg können Zuschauer ihnen über die Schulter schauen und sie mit Fragen löchern, ergänzend zu der SRF Sendung «Leben vor 500 Jahren - Im Schatten der Burg» die in Oensingen gedreht wird. Das Programm auf der Burg soll den Besuchern mehr Wissen über das Mittelalter vermitteln.

Die Idee kommt gut an, die Besucher sind neugierig. «Wie wurde die Wolle so gelb?», fragt eine Besucherin mit einem grossen Sonnenhut. «Die wurde mit Zwiebeln gefärbt», erklärt Funk. Ihr gegenüber erzählt Dürst zwei Besucherinnen von ihrem neusten Projekt: Sie will ein Kleid herstellen, von A bis Z selber produziert. Der Flachs dafür wächst in ihrem Garten. Seit sieben Jahren arbeite sie bereits daran, erzählt sie. Bis jetzt habe sie 300 Gramm Faden hergestellt, sie brauche aber über ein Kilo.

Die Kunst des Schönschreibens

Im Musikzimmer sitzt der ehemalige Gemeindepräsident von Wolfwil, Christian Kühni. Der Mann mit Brille und grauem Bart arbeitet nicht mit Faden, sondern mit Feder und Tinte. Kühni beherrscht die Kalligrafie, die Kunst des Schönschreibens. Besucher können ihm dabei zusehen, wie er ihren Namen auf ein Buchzeichen schreibt. Erst mit schwarzer Tinte, dann, nach einer kurzen Zeit zum Trocknen, mit roter. Schwarz ist die Schrift, rot die Verzierung.

Publikums-Events

Drei Wochen lang können Besucher auf der Neu-Bechburg Handwerker beobachten, die mit Techniken aus dem Mittelalter arbeiten. Die verschiedenen Handwerker sind an unterschiedlichen Tagen zu Gast, dazu gibt es verschiedene Anlässe. Diese Woche stehen auf dem Programm:

18.07: Klöppeln, Kalligrafie, einen «Zibelizopf» flechten und Korben, Gespenster-Geschichten.
Interview: Musik im Mittelalter

19.07: «Zibelizopf» flechten, Imkerei, Korben.
Interview: Klöppeln

20.07: Kräuterkunde, Flachsen, Korben, Gespenster-Geschichten.
Interview: Flachs und Leinen

21.07: Kräterkunde, Uhrmacherei, Flachsen.
Interview: Wein im Mittelalter

22.07: «Zibelizopf» flechten, Uhrmacherei, Mittelaltermarkt
Kein Interview.

23.07: Schlosszmorge, Mittelaltermusik, Uhrmacherei, Gespenster-Geschichten, Korben. Kein Interview.

«Nicht in die Sonne legen!», warnt Kühni. «Die rote Tinte verblasst schnell». Er arbeitet sehr konzentriert. Ein falscher Strich ist schnell passiert. «Und leider kann ich dann nicht einfach die Löschtaste drücken», sagt Kühni, und lacht herzlich. Die Besucher sind beeindruckt von der Genauigkeit, mit der er arbeitet. «Da muss man sicher viel Geduld haben», sagt einer. «Die Kunst ist es», erklärt Kühni, «immer nur einen Strich auf einmal zu machen. Das verstehen viele nicht. Aber es muss sein».

Oensinger Traditionshandwerk

Geduld braucht es auch vor der Burg. Dort sitzen Ursula Meise und Bruno Kölliker vom Kirchenchor Oensingen und flechten Zwiebelzöpfe. Das Handwerk habe in Oensingen Tradition, erzählt Meise. «Der Boden in Oensingen eignet sich sehr gut dafür, weisse Zwiebeln anzupflanzen». Und sie nach der Ernte zu einem Zopf zu flechten sei sinnvoll, ergänzt Kölliker. «So bleiben die Zwiebeln viel länger haltbar».

Er zeigt, wie ein guter Zopf geflochten wird. Rund acht gleich grosse Zwiebeln nehmen, eine von ihnen mehrmals mit einer dicken und einer dünnen Schnur umwickeln. Dann eine Zweite dazu, diese ebenfalls umwickeln, und so weiter. «Wichtig ist es, dass man die Zwiebel immer in eine Lücke legt», erklärt Kölliker den Trick für einen schönen Zopf. «Und immer gut anziehen».

Schwer sei es nicht, wenn man den Dreh raus habe, betonen die beiden. «Aber es braucht ganz schön viel Kraft in den Fingern», so Meise. Kölliker hält den fertigen Zopf hoch: «Wenn man den jetzt an die Wand hängt, dann sind diese Zwiebeln sicher noch bis im nächsten Jahr haltbar».