Kestenholz

Schneemannbauen und sich draussen betätigen als «Husi»

Lehrerin Romy Cartier in ihrem Schulzimmer in Kestenholz, in dem sie fast 44 Jahre lang unterrichtete. Am 3. Februar hört sie auf.

Lehrerin Romy Cartier in ihrem Schulzimmer in Kestenholz, in dem sie fast 44 Jahre lang unterrichtete. Am 3. Februar hört sie auf.

Romy Cartier hört nach fast 44 Jahren im Schuldienst auf. Am 3. Februar wird sie zum letzten Mal ihr Schulzimmer im Primarschulhaus Kestenholz betreten. Wir befragten die engagierte Lehrerin über die Freuden und Leiden ihrer langen beruflichen Tätigkeit.

War es eigentlich immer Ihr Wunsch, Lehrerin zu sein?

Romy Cartier: Ja. Mein älterer Bruder besuchte schon das Lehrerseminar in Solothurn und da dachten meine Eltern und ich, das sei doch auch etwas für mich. Ich selbst habe auch keinen Moment an der Richtigkeit dieser Berufswahl gezweifelt – bis heute. 1973 schloss ich die Ausbildung im Lehrerseminar Solothurn ab.

Sie sind seit damals in Kestenholz tätig. Ihre Lebensstelle.

Während meiner Ausbildung in den Siebzigerjahren herrschte Lehrermangel und wir wurden schon als Seminaristen angeworben. Eine komfortable Situation. Da ich Oensingerin bin, fiel es mir nicht schwer, mich für das nahe Kestenholz zu entscheiden, und ich habe es bis heute nicht bereut.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, woanders hinzugehen?

Doch, einmal hab’ ich es versucht. Doch dann hiess es, Doppelverdienerinnen werden nicht gerne eingestellt. Ich war damals verheiratet. Also behielt ich meine sichere Stelle an der Unterstufe in Kestenholz, wo es mir ja auch immer gefiel. Heute bin ich froh, dass es so gekommen ist.

Was ist denn das Schöne am Lehrersein in einem Dorf wie Kestenholz?

Hier herrscht noch eine kleine und intakte Dorfgemeinschaft. Das gefällt mir. Und ich kenne hier viele gute Leute. In all den Jahren sind wohl um die 400 Kinder bei mir zur Schule gegangen.

Früher arbeitete man ja als Lehrer allein mit seiner Klasse. So haben Sie das sicher auch erlernt. Heute ist das nicht mehr so. Wie finden Sie das?

Wir haben hier in Kestenholz in diesem Schulhaus sieben Primarschulklassen und zwei Kindergärten und insgesamt 22 Lehrpersonen, das sagt schon alles. Ich bin nicht immer glücklich mit der integrativen Schule, obwohl sie vielen Kindern Vorteile bietet. Ich war zu Beginn der Einführung kritisch eingestellt und bin es heute noch zum Teil. Viele Kinder und Lehrer leiden unter dem jetzigen System. Eine gewisse Anzahl «Integrations-Kinder» ist für eine Klasse gut machbar, aber es kann auch zu viel werden. Die Förderlehrkräfte sind eine grosse Hilfe. Der individuelle Unterricht muss gut eingeführt werden, und das braucht Zeit und bringt Unruhe. Es gibt Tage, da geht es im Schulzimmer wie auf einem Bahnhof zu und her. Schüler kommen und gehen, zu dieser oder jener Förderung.

Der Unterricht bleibt also auf der Strecke?

Nicht unbedingt, das haben wir immer mehr im Griff! Wie erwähnt: Es gibt viele positive Aspekte der Integration, bei der Kinder gut gefördert werden können. Was mir zu schaffen macht, sind schwerwiegende Fälle von Verhaltensauffälligkeiten. Verstehen Sie mich recht: Ich war Neuem gegenüber immer aufgeschlossen. Doch zu viel ist zu viel. Dazu kommt, dass Abklärungen für bestimmte Probleme viel zu lange dauern. In dieser Zeit muss der Schulbetrieb laufen und ein Schuljahr ist schnell vorbei. Ich sage es ehrlich: Ich trauere der Einführungsklasse nach.

Unter solchen Bedingungen zu unterrichten, ist sicher nicht einfach. Da half Ihnen sicher Ihre längjährige Erfahrung und die Routine?

Ja, gottlob verfüge ich über viel Berufserfahrung und einen grossen Fundus an Materialien. Doch ich denke oft an meine jungen Kolleginnen und Kollegen. Sie arbeiten mit so viel Engagement unter diesen Umständen. Manchmal werden sie auch noch ungerechtfertigt von Eltern kritisiert. Ihr Start ins Berufsleben ist vermutlich schwieriger, als meiner es war.

Was war Ihnen denn im Lauf Ihrer Tätigkeit wichtig, den Kindern zu vermitteln?

Ich wollte immer, dass die Kinder selbstständig und selbstbewusst sind. Dass sie zu ihrer eigenen Meinung stehen und zu offenen Menschen werden.

Und was fällt Ihnen auf, welche Probleme haben die Kinder heute?

Viele sind weniger konzentriert. Es herrscht viel Unruhe überall und die wirkt sich auf die Kinder aus. Schlimm finde ich, wenn die Freizeit der Kinder immer mehr verplant wird. Sie kaum Zeit zum Spielen oder Rausgehen mehr haben. Heute, an diesem schönen Winternachmittag (das Interview fand am Montag, 16. 1., statt; die Redaktion), habe ich ihnen als Hausaufgabe aufgegeben, nach draussen zu gehen und einen Schneemann zu bauen oder sich sonst draussen zu betätigen. ‹Helikopter-Mütter oder -Väter›, die ihre Kinder total verplanen und meinen, sie auch in der Ferienzeit unendlich ‹fördern› zu müssen, kann ich nicht unterstützen.

Und was halten Sie vom
Lehrplan 21?

Er trägt Neuerungen und Veränderungen in der Gesellschaft Rechnung, ich bewerte ihn deshalb als positiv. Kein Lehrplan kann aber aus einem Margrithli eine Rose machen. Es geht darum, das Margrithli in seiner Schönheit zu achten. Wie die gesteckten Ziele im Lehrplan 21 zu erreichen sind, soll jede Schule und jede Lehrperson selbst entscheiden können. Dazu sind wir ja die Fachleute.

Kinder entwickeln sich eben nicht alle gleich zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung.

Ja, das ist ganz klar. Und wir müssen wieder lernen, den Kindern ihren nötigen Zeitraum zu geben, den sie für ihre Entwicklung brauchen.

Was waren Ihre schönsten Schulerlebnisse in all den Jahren?

Wenn ich dabei sein durfte, wenn Kinder sich entwickeln und Fortschritte machen. Ich habe immer sehr gerne mit der gesamten Schule an Theatern mitgearbeitet. Das waren die Highlights. Ich kann mich an eine einzigartige Zirkusinszenierung in der Turnhalle erinnern, wo meine Schüler Raubtiere darstellten. Unvergesslich.

Und schlechte Ereignisse?

Die gab es glücklicherweise nicht oft. Ich bin ein pragmatisch denkender Mensch und kann daher nach Schwierigkeiten immer wieder positiv in die Zukunft blicken.

Viele Leute kennen Sie nicht aus der Schule, sondern von Ihren Kolumnen im Thal-Gäu-Anzeiger.

Ja, das habe ich fünf Jahre lang gemacht. Heute schreibe ich nur noch für mich und habe auch einige Pläne.

Und was bringt die Zeit nach dem Schuldienst?

Ich freue mich, wieder mehr Zeit für mich und meine Hobbys zu haben: Lesen, Schreiben, Jassen, Nähen – meine Mutter war Schneiderin. Obwohl – ich denke, ich werde die Schule auch manchmal vermissen.

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