Heuer feiert die Gemeinde Rickenbach ihr 725-jähriges Bestehen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1288, als die Grafen von Froburg vier Schupposen (à zehn bis zwölf Jucharten) zu Rickenbach an das Kloster St. Urban verkauften. Der Name «Rickenbach» ist mit Schluchtbach zu erklären und wurde zur Zeit der um 500 nach Christus abgeschlossenen, alemannischen Einwanderung vom Gewässer auf das Dorf übertragen. Wie Eduard Fischer in der Broschüre «Rickenbach, Dorf und Kapelle» festhielt, lagen «nicht mehr als ein Halbdutzend Grosshöfe» neben «kleineren Gütlein» vor allem am Abhang des Steckenbergs. «Aber bei der Enge des Gemeindebannes, der sich als schmales Band vom Born zum Homberg hinaufzieht, ist die Zahl von sechs Höfen mit 30 bis 40 Jucharten ansehnlich». Der Boden von Rickenbach sei fruchtbar und die Einwohner von Rickenbach seien «gute Landwirte und wohlhabend» gewesen.

Spuren der Kapelle und Ruine

Der Oltner Bodenforscher Theodor Schweizer und andere «Geschichtsbeflissene» hätten bei der Huppergrube im Born, zuoberst an der Schlucht im Weiherägertli, am Abhang Steckenberg–Bündtenrain sowie in der Burg steinzeitliche Funde gemacht, die auf 5000 vor Christus zurückgehen, so Fischer weiter. Zur Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert bildete das mit Hägendorf verbundene Rickenbach mit Wangen, Kappel Gunzgen und Boningen eine Pfarrgemeinde. 1598 fiel der Startschuss zur genaueren Festlegung von Nutzungsrechten und Grenzen.

1444 enthielt das bischöflich baslerische Liber Marcarum einen Eintrag über die erste Einsiedelei in der Klus, am Ausgang der Rickenbacher Schlucht. Im selben Jahr wurde im Hägendörfer Jahrzeitbuch der aus Wangen stammende «Cuontz Fürst» als erster «Bruder zuo Sanct Laurenten zuo Rickenbach» erwähnt. Danach muss es die St.-Laurentius-Kapelle vor 1444 an der Dorfstrasse gegeben haben. Über die Entstehung der Kapelle ist nur bekannt, dass dies nicht vor dem Jahr 258 nach Christus der Fall gewesen sein kann, da dann Laurentius den Märtyrertod erlitt. Zwischen 1575 und 1588 wurde sie an die alte Landstrasse versetzt, 1700 um Schiff und Chor vergrössert sowie zwischen 1764/65 und 1771 mit Vordach, Empore, Seitenaltären und Sakristei ergänzt. 1863 war die Glockenweihe. 1969/70 unterzog man die Kapelle einer Gesamtrenovation.

Diese Kapelle war aber nicht die erste in Rickenbach. Deren Standort und Herkunft liegen im Dunkeln. 1444 soll es eine Eremitenkapelle gegeben haben, deren Standort in den Ruinen der ehemaligen Burg vermutet wurde. Bei der zwischen dem neuen und dem alten Schulhaus gelegenen Ruine handelt es sich um die Überreste einer von 1050 bis 1150 erbauten Dynastenburg. Der Aushub des Halsgrabens wurde von Graf Kuno vom Haus Rheinfelden, ausgeführt, der Bau von Turm und Osttrakt von Bischof Burkhart. Der Siedlungsplatz wurde zwischen 1100 und 1150 allmählich aufgegeben, das Mauerwerk Mitte des 12. Jahrhunderts weggeräumt. Im 18. und 19. Jahrhundert befand sich auf dem Burghügel ein Bauernhaus, das 1909 abgerissen wurde. Zwischen 1969 und 1972 fanden Ausgrabungen und wissenschaftliche Untersuchungen statt. Die Gemeinde erhielt die restaurierten Mauerreste 1971 in Obhut. Seit Jahrzehnten wird die Ruine als Spielplatz genutzt.

Müller-Nachfahre wurde Bundesrat

Mit der Eisenbahn in Olten hielt die Industrie in der Region Einzug, was eine Steigerung der Einwohnerzahlen zur Folge hatte. 1850 beziehungsweise 1880 lebten 267 Personen in Rickenbach, 1970 waren es 543, per 2012 deren 898. «Der Mensch hatte die vorteilhaften Gegebenheiten in der Rickenbacher Gegend schon zur frühgeschichtlichen Zeit entdeckt», schrieb Eduard Fischer in der zusammen mit Pfarrer Franz Lüthi erarbeiteten Geschichtsschrift «Rickenbach und die Sankt-Laurentius-Kapelle» von 1970.

Das Industriezeitalter begann in Rickenbach vor über 50 Jahren mit dem Zuzug einer damals schon schweizweit bekannten Firma: 1961 erwarb Rig Rentsch von Viktor Glutz Bauland. Im neuen Fabrikgebäude der Finbox wurden Kappenschachteln produziert. Als der Kanton 1991 die Firmenliegenschaften in Trimbach zur Erweiterung des Kantonsspitals Olten erwarb, legte Rig Rentsch Verwaltung und Betrieb in Rickenbach zusammen und erstellte bis 1993 ein neues Verwaltungsgebäude, in dem sich seither der internationale Sitz von Rentsch befindet.

Das wohl bekannteste Objekt in der Rickenbacher Dorfgeschichte ist die von Mitte des 13. bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts bestehende Mühle an der Dünnern. Die Mühle wurde 1405 erstmals urkundlich erwähnt, als sie der Pfandherr des Fridaueramts, der Basler Zunftmeister Konrad von Laufen, an den Meltinger Müller Ludin Reger verpachtete. Ein älterer Zweig des folgenden Müller-Geschlechts Hammer liess sich in Olten nieder. Der Kantonsrat, Anwalt und spätere Berufsoffizier Bernhard Hammer war von 1853 bis 1856 Gerichtspräsident der Amtei Bucheggberg–Kriegstetten und ab 1868 als Schweizer Gesandter in Berlin tätig. 1875 wurde Hammer zum Bundesrat gewählt. Bis zu seiner Demission 1890 war er zwei Mal Bundespräsident (1879 und 1889). Danach war er mit fast
70 Jahren sechs Jahre lang Nationalrat.

Als letzter Müller nutzte Theodor Eder das Areal von 1860 bis 1870 als Mühle. Der folgende, letzte Besitzer Theodor Glutz wollte daraus eine chemische Fabrik machen, die von seinem Bruder Ludwig geleitet wurde. Dessen vorzeitiger Tod machte diesen Plan jedoch zunichte. Als 1926 deren Familienmitglieder ebenfalls rasch nacheinander das Zeitliche segneten, wurde die Mühle mit grossen Schritten stillgelegt. Nach der Dünnernkorrektur 1935, die ihr den Rest gab, wurde sie 1942 abgerissen, das Herrenhaus verkauft. Im selben Jahr fiel die Scheune einem Feuer zum Opfer. 1951 erwarb die Hunziker AG (Zementwerke Olten) die Liegenschaft und quartierte Angestellten ein. Der Künstler Markus Capirone kaufte das Herrenhaus 1981.

Eigene Schule ab 1779

Weil die Gemeinde die kleinen Kinder nicht mehr nach Hägendorf schicken wollte, startete sie 1779 ihre eigene Dorfschule. «Aus Spenden des Untervogtes Jakob Rötheli, der Gemeinde und aus dem Kapellenfonds konnte der erste Schulmeister angestellt werden», heisst es im Buch «Rickenbach im Zeitwandel» von Paul J. Kopp. Johann Borner erhielt das Amt vor allem, weil «er über eine genügend grosse Stube verfügte». In welchem Haus sich diese befand, ist unbekannt. 1804 verkaufte die Gemeinde Borner ein «halbes Haus und ein halbes Mannwerk Hofstatt». Das Haus stand an der Bergstrasse gegenüber dem alten Schul- und jetzigen Gemeindehaus. 1814 übernahm Johannes Borners Sohn Urs Viktor das Amt, worauf der Vater ihm ein neues Haus bauen liess, das später zum Restaurant Kreuz wurde. Der Saal im Obergeschoss diente als Schulzimmer. Damals wurde die Wirtschaft im Haus auf der anderen Strassenseite geführt, wo der Laupersdörfer Johann Brunner, Pintenwirt und Bäcker in Hägendorf, 1843 eine Pinte eröffnete. 1882 wurde sie auf die andere Strassenseite verlegt. Das Restaurant Borner erhielt um 1950 den Namen Kreuz.

Das erste «richtige» Schulhaus entstand 1834/35 auf dem letzten Felsen der Weissensteinkette. Im Erdgeschoss befand sich eine Wohnung, im OG ein Schulzimmer. 1927 wurde ein zweites Schulzimmer eingerichtet. Das Gebäude wurde bis 1973 als Schulhaus genutzt. Aus Platzgründen entstand bis 1973 am unteren Ende der Bergstrasse ein neues Schulhaus. Das alte wurde umgenutzt. Nach einer Übergangsfrist als Künstleratelier wurde das Gebäude um 1991 zum Gemeindehaus umgebaut.

Erste Schenke 1501 erwähnt

Im Gebäude an der Dorfstrasse 30 befand die erste, 1501 urkundlich erwähnte Dorfschenke. Sie wurde von 1869 bis 1878 geführt, die letzten Jahre von Friedrich Remund von Riedholz. Ihr Ende kam, als das Patent 1878 auf die neue Wirtschaft Borner – das heutige, 1814 von Schulmeister Johannes Borner erbaute Restaurant Kreuz – überging. Von 1878 bis 1892 befand sich im EG die Post. Von 1892 bis 1912 betrieb der Däniker Verein St. Josephs-Anstalt darin ein Waisenhaus. 1952 kaufte es der Consumverein Olten (heute Coop) und nutzte es als Mietwohnungsobjekt. 1984 kaufte und restaurierte es Architekt Daniel Robert.

Edmund Peier-Wyss baute 1934 das «Weberhaus» bei den Bushaltestellen. Von 1953 bis 1972 führten Paul und Miquette Peier-König darin Bäckerei, Tea Room, Lebensmittelladen und später auch Hotelzimmer. 1979 verkaufte Peier das Areal an die Pius-Bruderschaft, die den Komplex renovierte und dort ihre Verwaltung einrichtete.

Quellen: Buch «Rickenbach im Zeitwandel» von Paul J. Kopp (1994) sowie Geschichtsschrift «Rickenbach und die Sankt-Laurentius-Kapelle» von Eduard Fischer und Pfarrer Franz Lüthi (1970).