Die Behauptung von Bojan K.*, am 17. Februar 2012 auf dem McDonald’s-Parkplatz in Egerkingen nicht absichtlich auf seinen damaligen Schwiegersohn geschossen zu haben, verfing nicht vor dem Amtsgericht Thal-Gäu. Es verurteilte den albanisch-stämmigen Schweizer mit Wohnsitz im luzernischen Entlebuch wegen versuchter vorsätzlichen Tötung, Gefährdung des Lebens, einfacher Körperverletzung und unerlaubtem Waffenbesitz zu einer Freiheitsstrafe von 61/2 Jahren.

Bojan K. habe sehr wohl die Absicht gehabt, seinen damaligen Schwiegersohn zu töten oder dies zumindest in Kauf genommen, führte Amtgerichtspräsident Guido Walser bei der mündlichen Eröffnung des Urteils aus. Am besagten Datum traf sich der 46-jährige Mann zusammen mit seiner damals 22-jährigen Tochter mit seinem Schwiegersohn und dessen Vater auf dem Parkplatz beim McDonald’s-Restaurant in Egerkingen.

Dabei sollten die unüberwindbaren Probleme des erst seit ein paar Tagen verheirateten und vor der Trennung stehenden Ehepaars erörtert werden. Die Pistole habe er damals nur mitgeführt, weil er im Vorfeld des Treffens bedroht worden sei, hatte Bojan K. dem Gericht erzählt. Unter anderem erwähnte er eine angedrohte Vergeltungsaktion durch die Mafia oder eine in albanischen Kreisen mögliche Blutrache. Zur Waffe gegriffen habe er erst, nachdem seine Tochter während dieses Gesprächs beleidigt und er angegriffen worden sei. Die drei Schüsse hätten sich beim anschliessenden Handgemenge aus Versehen aus der Waffe gelöst, hatte der Beschuldigte Ende November bei der Vernehmung im Gerichtssaal beteuert (wir berichteten).

Erfundene Geschichte aufgetischt

Das Gericht tat diese Darstellung als Schutzbehauptung ab. Eine solche Bedrohungssituation und den erwähnten Angriff habe es nie gegeben. Bojan K. habe vielmehr Mühe damit gehabt, als ihm der Vater seines damaligen Schwiegersohns eröffnet habe, dass seine Tochter nicht den Ansprüchen der Familie genüge und die Beziehung deshalb aufzulösen sei. Darauf habe der Angeklagte gedroht, sich selbst oder seinen Schwiegersohn zu erschiessen, falls dieser seine Tochter nicht heirate.

Bojan K. habe es als Schmach empfunden, die im Kosovo organisierte kirchliche Hochzeit nun absagen zu müssen. «Deshalb hat er zur Waffe gegriffen und zuerst einen Schuss auf den Boden und danach zwei weitere Schüsse auf seinen damaligen Schwiegersohn abgegeben», hielt Amtsgerichtspräsident Guido Walser fest. Dass es dabei nur zu einem Durchschuss am Gesäss des jungen Mannes gekommen sei, müsse als glücklicher Zufall gewertet werden. «Wer aus nächster Nähe auf eine Person schiesst, nimmt auch deren Tod in Kauf», so Walser.

Skrupellos und egoistisch

Das Vorgehen von Bojan K. erachtet das Gericht als rücksichtlos, skrupellos und egoistisch. Ihm sei es nur um seine eigene Ehre gegangen, obwohl es eigentlich Sache der damaligen Eheleute gewesen wäre, die Sache unter sich selbst zu regeln. Eine solche Lösung wäre möglich und zumutbar gewesen, befand das Gericht. Das Ausmass des Verschuldens wird wegen des relativ glimpflichen Ausgangs des Vorfalls als nicht allzu schwer gewertet. Auch könne nicht von keinem direkten Vorsatz ausgegangen werden. Eine verminderte Schuldfähigkeit wurde ebenfalls nicht in Betracht gezogen. Zugute hielt das Gericht dem Beschuldigten, dass er nicht das ganze Magazin der Waffe leer geschossen habe. Zudem habe er sich bisher nichts zuschulden kommen lassen.

Bei der Bemessung des Strafrahmens, der sich für versuchte vorsätzliche Tötung und einfache Körperverletzung (Schussverletzung) zwischen 5 und 20 Jahren Freiheitsentzug bewegt, blieb das Gericht aus den genannten Gründen mit 6 Jahren im unteren Bereich.

Weitere sechs Monate Freiheitsentzug kassierte der Vater von vier erwachsenen Kindern wegen Gefährdung des Lebens und wegen unerlaubtem Waffenbesitz. Das Gericht verurteilte Bojan K. ferner zur Übernahme der Gerichtskosten und der Anwaltskosten der als Privatkläger aufgetretenen Familie seines ehemaligen Schwiegersohns. Das Honorar vom Pflichtverteidiger des Verurteilten wird von der Staatskasse getragen.

Die Verurteilung von Bojan K. zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt 61/2 Jahren wurde vom Staatsanwalt mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. «Das Gericht ist meinen Anträgen in allen Anklagepunkten gefolgt», so Toni Blaser.

Der Anwalt von Bojan K. konnte noch nicht sagen, ob sein Mandant das Urteil weiterziehen wird. «Wir müssen uns zuerst beraten». Bojan K. nahm das Urteil ohne ersichtliche Gemütsregung entgegen.

* Name von der Redaktion geändert