Gemäss Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) ist Neuendorf eine von 36 Gemeinden im Kanton Solothurn, mit einem Dorfbild von nationaler Bedeutung. Freuen kann sich in der Gemeinde darüber aber niemand richtig. Zu gross ist der Unmut in weiten Teilen der Bevölkerung über die unschöne Bauruine an der Fulenbacher 40, die nicht selten auch als Schandfleck bezeichnet wird. Deutlich zum Ausdruck kam dies auch an der Podiumsdiskussion vor der Gemeindepräsidentenwahl Anfang September, wo unter anderem die fehlende Absicherung der seit Sommer 2012 stillgelegten Baustelle angeprangert wurde.

Die örtliche Baukommission hat Anfang Oktober die Absicherung der insbesondere für Kinder nicht ganz ungefährlichen Baustelle bei der Bauherrschaft, der Ciw AG Gümligen BE, eingefordert. Zudem wurde verlangt, dass rund um den Rohbau aufgeräumt werden muss», wie Baupräsident Guido Schenker dazu weiter ausführt.

Inzwischen präsentiert sich das Areal um den notdürftig mit Plastikfolie abgedeckten Bau, aus dem ein 12-Familien-Haus hätte werden sollen, etwas geordneter. Der um die Baustelle gezogene Lattenzaun erweist sich aber als nicht besonders standfest, ist an einigen Stellen bereits eingestürzt.

Bei der Aufräumaktion wurden übrigens zwei alte Sitzgruppen entdeckt, die offenbar von Jugendlichen in das Gebäude geschleppt worden sind, um dort ungestört ihre Freizeit verbringen zu können. Unbemerkt blieben die unerwünschten Besucher indessen nicht. Dem Vernehmen nach musste die Polizei bei den Jugendlichen für Ordnung sorgen.

Die Entsorgung der zwischenzeitlich aus dem Bau entfernten und auf dem Vorplatz deponierten Sofas sei Sache der Bauherrschaft, wie Schenker erwähnt. «Sonst machen wir das und stellen die anfallenden Kosten in Rechnung.» Wie es mit dem von der Witterung arg in Mitleidenschaft gezogenen Bau weitergeht, konnte Schenker nicht sagen. Er hoffe aber, dass sich bald eine gangbare Lösung abzeichne.

Eine solche kann die Bauherrschaft noch nicht präsentieren, wie Ciw-Projektleiter Armin Schmid auf Anfrage einräumt. «Wir konnten die Herstellerfirma der Holzbau-Fertigelement in Bosnien leider nicht dazu bewegen, die dort blockierten Lieferungen freizugeben, obwohl wir das mehrfach versucht haben», sagt Schmid. Auch eine Reise nach Bosnien habe daran nichts geändert.

Für den im Sommer 2012 erfolgten Lieferstopp macht Schmid eine im Kanton Zürich ansässige Firma verantwortlich, über welche das Geschäft abgewickelt worden sei. Diese Unternehmung habe den Werkvertrag mit der Ciw AG gekündigt, obwohl erst ein Drittel der vereinbarten Holzbau-Fertigelemente ausgeliefert worden war. «Dabei haben wir bei Vertragsabschluss 90 Prozent der gesamten Kosten bereits bezahlt», ereifert sich Schmid.

Auch ihren Plan, den Zürcher Zwischenhändler auf juristischem Weg zur Erfüllung des Werkvertrags zu zwingen, verfolgt die Ciw AG nicht weiter. Vor allem aus zeitlichen Gründen, wie Schmid dazu bemerkt. Die vom Amtsgericht Thal-Gäu auf Ersuchen der Ciw AG veranlasste vorsorgliche Beweisführung habe ergeben, dass keine Schweizer Firma eine Sanierung des Gebäudes auch nur in Betracht ziehen würde. Nun überlege man sich halt eine Strafanzeige.

Ans Aufgeben denkt die Bauherrschaft aus dem Kanton Bern aber nicht. «Wir möchten das Projekt auf jeden Fall fertigstellen», betont Schmid mit dem Verweis, dass derzeit mit der Bank Gespräche über das weitere Vorgehen geführt würden. Allerdings geschehe dies mit neuen Gesprächspartnern. Die Führung der Bank sei ausgewechselt worden, wohl nicht zuletzt auch wegen der angeblichen Bauruine in Neuendorf.

Schmid glaubt noch immer daran, dass Teile des im Rohbau stecken gebliebenen Mehrfamilienhauses weiterverwendet werden können. Deshalb könne er sich zwei mögliche Szenarien vorstellen. Bei der ersten Variante würden sämtliche Holzbauteile inklusive Isolation im Innern des Gebäudes ausgebaut und ersetzt. Bei einer allfälligen Umsetzung dieser Variante müsste umgehend ein Notdach über den Bau gezogen werden. Die wasserabweisend ausgeführten Holzbau-Fertigelemente der Aussenwände könnten laut Experten nach erfolgter Austrocknung und Desinfizierung weiterverwendet werden, versichert Schmid.

Bei dieser Variante würde bei Gesamtinvestitionen von 8 Mio. Franken ein Verlust von 600 000 Franken resultieren. Rund 1 Mio. Franken würde der Verlust betragen, wenn das gesamte Gebäude abgerissen und neu aufgebaut würde. Welche Variante zum Zug kommt oder ob die ganze Übung abgebrochen wird, soll in den nächsten Wochen entschieden werden. Die Bank liess bereits durchblicken, dass die Bauherrschaft ihrerseits mindestens 500 000 Franken in das Projekt investieren muss, wenn das 12-Familien-Haus doch noch realisiert werden soll.

Die Civ AG aus Gümligen BE erwarb das Landstück inklusive bewilligtem Bauprojekt für das 12-Familien-Haus an der Fulenbacherstrasse 40 in Neuendorf im Jahr 2011 vom Architekturbüro BF Berger & Frank aus Eich LU. Mit dem Bau wurde im März 2012 begonnen. Sechs Monate später mussten die Bauarbeiten wegen ausbleibender Lieferungen der Holzbau-Fertigelemente eingestellt werden. Verantwortliche der Civ AG versicherten damals gegenüber dieser Zeitung, dass der Rohbau umgehend mit einem Notdach versehen werde. Bis Mai 2013 würde das Haus voraussichtlich bezugsbereit sein, wurde in Aussicht gestellt

Im Frühling 2013 musste die Bauherrschaft einräumen, dass sich die Aufnahme der Arbeiten wegen eines Rechtsstreits mit der Lieferfirma der Holzbau-Fertigelemente, welche den Werkvertrag gekündigt habe, weiter verzögern wird. Die Ciw AG gab sich im März aber dennoch zuversichtlich, das Haus bis im Herbst fertigstellen zu können. Inzwischen ist auch dieser Termin verstrichen. Nicht einmal das Ende 2012 angekündigte Notdach wurde realisiert. Entsprechend desolat sieht der Bau aus. Nun haben die Ciw-Verantwortlichen ein weiteres Mal versprochen, das 12-Familien-Haus endlich fertigzustellen. Ob sich wirklich etwas tut, wird sich zeigen. «Wenn weiterhin nichts geschieht, ziehen wir eine Abrissverfügung in Erwägung», erklärt Gemeindepräsident Rolf Kissling.