Oensingen
Samariterverein: Nach hundert Jahren kam das Ende

Immer weniger Mitglieder, ständig steigende Ansprüche: Der hundertjährige Oensinger Samariterverein musste aufgeben und wird per Ende dieses Jahres aufgelöst.

Rahel Bühler
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Damals: Im Jahre 1964, führte der Samariterverein noch Blutspendeaktionen durch im Schulhaus Oberdorf.

Damals: Im Jahre 1964, führte der Samariterverein noch Blutspendeaktionen durch im Schulhaus Oberdorf.

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«Unser Samariterverein wurde 1914 von ungefähr 30 Idealisten gegründet», erzählt die Präsidentin des Samaritervereins Oensingen, Antonia Jäggi. Zusammen mit Aktuarin Barbara Utz blickt sie auf eine 100-jährige Vereinsgeschichte zurück: Der Verein stellte sich damals die Aufgabe, durch Ausbildung von Samaritern die erste Hilfeleistung bei Unglücksfällen zu gewährleisten. Neben den obligatorischen Übungen wurden Krankenpflegekurse und später auch Blutspenden durchgeführt. In diesen Übungen lernten die Samariter, wie man korrekte Verbände macht oder wie man Wunden versorgt.

Jetzt ist Schluss: Sinkende Mitgliederzahlen und ständig steigende Anforderungen zwangen dazu, den Verein aufzulösen.

Wiedergeburt nach dem Krieg

Im gleichen Jahr folgte die Generalmobilmachung der Schweizer Armee, wofür der Samariterverein Liebesgaben im Wert von über 250 Franken einzog. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erlebte der Verein seine Wiedergeburt, da während des Krieges die Übungen nicht durchgeführt werden konnten. Doch bereits 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, litt das Vereinsgeschehen erneut unter dem Krieg, da infolge Militärdienstpflicht nicht über längere Zeit geplant werden konnte. Nach Kriegsende normalisierte sich das Geschehen wieder. In dieser Zeit entstand wahrscheinlich das Krankenmobilmagazin. Es diente dazu, Materialien wie Gehilfen oder Krücken an die Dorfbewohner auszuleihen. Dieses Magazin war zuerst bei einem Mitglied des Samaritervereins zu Hause, später dann im Keller des Vereinsarztes.

Grossanlass bei Schulhausweihe

In den 50er-Jahren konnten mit Feldübungen und Krankenpflegekursen über 25 neue Mitglieder dazugewonnen werden. 1975 wartete ein Grossanlass auf den Samariterverein. In diesem Jahr fand die Einweihung der Kreisschule Bechburg statt, bei welcher die Oensinger Samariter den Sanitätsdienst betreuten. Neben den Übungen, Kursen und Blutspendeaktionen wurden auch Vereinsreisen durchgeführt, wie zum Beispiel im Jahre 1994 ins Paraplegiker Zentrum Nottwil oder 2010 ins Tropenhaus Frutigen. Das Krankenmobilmagazin wurde 2000 aufgelöst. «Da nun die Spitex auch ein solches Lager hatte und zudem über neueres Material verfügte, machte es keinen Sinn mehr, dass wir unseres beibehielten», erklärt Aktuarin Barbara Utz. Immer wieder fanden auch Übungen mit anderen Samaritervereinen statt. So 2006 mit dem Verein aus Oberbuchsiten.

Ab dem Jahr 2010 kam es vermehrt zu Austritten und es konnten keine Neueintritte mehr verzeichnet werden. Dies machte vor allem die Einteilung beim Postendienst an Grossanlässen immer schwieriger. «Unser Grundproblem war, dass wir keine neuen Mitglieder mehr hatten. Auch die langjährigen Vorstandsmitglieder wollte niemand ersetzen», sagt Antonia Jäggi, die selber bereits seit 1998 im Amt ist. Zwar wurden wiederholt Schnupperübungen im Dorf durchgeführt, jedoch mit geringem Erfolg. «Zuletzt besuchten noch ungefähr zehn Mitglieder die Übungen, aktiv am Postendienst waren gar nur noch sechs Personen», erläutert die Präsidentin.

Die Gründe für die sinkenden Mitgliederzahlen sind vielfältig: Verstärktes berufliches Engagement, andere Interessen oder Umzüge. «Ein Samariter muss heute über viel mehr Symptome Bescheid wissen und sofort erkennen können als früher. Gerade ältere Mitglieder trauten sich diese Aufgaben nicht mehr zu.» Ausserdem verlangte die Gemeinde plötzlich Miete für das Theorielokal. «Auch wenn wir ausgebuchte Kurse, zum Beispiel Nothelfer- oder Reanimationskurse, durchführen konnten, machten wir am Ende gleichwohl rote Zahlen», erklärt Jäggi.

So sah sich der Vorstand gezwungen, per Ende 2014 eine rechtsgültige Auflösung des Vereins zu beantragen, welche an der diesjährigen Generalversammlung im März einstimmig angenommen wurde. An dieser Generalversammlung wurde auch das 100-Jahr-Jubiläum gefeiert.

Wenig Chancen für Fusion

Dass eine Auflösung nicht die einzig mögliche Option gewesen wäre, ist den beiden Vorstandsmitgliedern bewusst. Eine Fusion mit einem anderen, benachbarten Samariterverein wurde in den vergangenen Jahren auch thematisiert. Jedoch, darin sind sich Barbara Utz und Antonia Jäggi einig, hätten nur wenige Mitglieder in einen anderen Verein gewechselt. Auch hätte man den bestehenden Klub weiterführen können, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Denn bereits in den letzten Jahren konnten nur noch einmal im Jahr Blutspenden in Oensingen durchgeführt werden, weil zu wenig Helfer vorhanden waren.

Das restliche Material wird in der Samariterzeitung ausgeschrieben und es soll auch einen Schlussmarkt geben, der voraussichtlich im November stattfinden wird. Auch die Vereinskasse wird aufgelöst und das Geld wird gemeinnützigen Organisationen gespendet. «Wir haben nicht einfach so aufgegeben. Wir haben einen langsamen und seriösen Weg für die Auflösung gewählt. Sie war sicher keine Kurzschlussreaktion», ist sich Barbara Utz sicher.