Kolumne
Rücksichtslosigkeit verdient keine Rücksicht

Beat Nützi aus Wolfwil, Pensionierter Chefredaktor OT
Beat Nützi aus Wolfwil, Pensionierter Chefredaktor OT
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Im Gäu enthält das Trinkwasser Rückstände des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil. (Symbolbild)

Im Gäu enthält das Trinkwasser Rückstände des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil. (Symbolbild)

Reto Martin

Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung ist am Erstarken. Das widerspiegelt sich mitunter in den Wahlergebnissen grüner Parteien, die derzeit einen Höhenflug erleben. Damit geraten die grössten Schadenverursacher in den umweltrelevanten Bereichen unter Druck, auch in der Landwirtschaft. Gemeint sind Bauern, die unter dem Deckmantel der Wirtschaftlichkeit Böden mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Stoffen überbelasten.

Gewiss setzt eine rundum gesunde Landwirtschaft voraus, dass sie neben ökologischen auch ökonomischen Aspekten gerecht werden muss. Doch Wirtschaftlichkeit darf kein Freipass für den Einsatz giftiger Stoffe sein. Im Gegenteil: Krebserregende Pestizide wie Chlorothalonil gehören in den Giftschrank und nicht auf Felder, welche die Grundlage unserer Nahrungskette bilden. Dass durch umweltschonende Landwirtschaft Wirtschaftlichkeit erzielt werden kann, beweisen inzwischen viele Biobauern und konventionelle Betriebe, die sich ebenfalls bemühen, die Böden nicht zu stark zu belasten. Auch nicht durch zu viel nitrathaltige Gülle, die von zu grossen Viehbeständen stammt.

Es darf aber nicht übersehen werden, dass die Landwirtschaft in einem besonderen Dilemma steckt, weil sich durch die Siedlungsentwicklung die Produktionsflächen ständig verkleinern. Das führt zu intensiverer Bewirtschaftung durch effizientere Produktionsmethoden, was auch zu einer Belastung des Bodens führen kann. Im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Wirtschaftlichkeit steht ganz besonders die Landwirtschaft im Gäu, die in der Vergangenheit viel Land beziehungsweise Produktionsfläche hergeben musste. Vor allem für den Autobahnbau und die zahlreichen Logistikbetriebe, die auch noch viel umweltbelastenden Schwerverkehr ins Gäu brachten.

Weitere Landverluste sind vorgezeichnet: Für den Hochwasserschutz und die Renaturierung der Dünnern sowie für den 6-Spur-Ausbau der Autobahn A1 hat die Landwirtschaft im Gäu konkret mit einem Wegfall von bis zu 50 Hektaren zu rechnen. Und wenn die Logistikwalze nicht gebremst wird, gehen mittelfristig noch mehr landwirtschaftliche Produktionsflächen verloren. Dabei gilt es auch zu berücksichtigen, dass im Gäu mehr als die Hälfte des Landwirtschaftslandes nicht den Bauern gehört. Diese Tatsache relativiert etwa auch das Zugeständnis von Politik und Planern, der Ausbau der A1 dürfe zu keinem Flächenverlust für Bewirtschafter beim Eigenland führen.

Unerfreulich ist: Seit rund 20 Jahren weist das Gäu immer wieder zu hohe Nitrat-Werte aus. Und mit den rekordhohen Chlorothalonil-Belastungen im Trinkwasser sorgte das Gäu sogar landesweit für Schlagzeilen. Deshalb lässt sich nicht wegdiskutieren: Auch wenn viele Bauern auf Bio umgestellt oder im konventionellen Betrieb bei verschiedenen Kulturen den Einsatz chemischer Mittel drastisch reduziert haben, muss es noch immer etliche schwarze Schafe geben. Denn irgendwoher stammen die hohen Belastungen, die beweisen, dass zum Schutz von Boden und Trinkwasser Handlungsbedarf besteht. Nicht nur im Gäu, sondern im ganzen Mittelland. Deshalb wird auf politischer Ebene tüchtig Druck gemacht – mit Volksinitiativen und Vorstössen im Bundesparlament. Diese erhalten Schub durch die neusten Untersuchungen der ETH, die im Wasser noch höhere Pestizidrückstände als bisher ermittelt ausweisen.

Zum Handeln aufgefordert sind aber nicht nur die Bauern, sondern ebenfalls die politischen Instanzen auf allen Ebenen des Staates, die Wirtschaft und wir alle als Konsumenten. Zum Beispiel durch haushälterischen Umgang mit Boden und generelle Zurückhaltung beim Landverschleiss. Oder beim Konsum von Landwirtschaftserzeugnissen, indem mehr auf regionale und biologische Produkte gesetzt wird. Und es braucht eine nachhaltige Agrarpolitik, die eine auf Biodiversität, Landschaftsqualität und Ressourceneffizienz ausgerichtete Landwirtschaft fördert. Nicht primär durch Verbote, sondern vielmehr durch zielführende Unterstützung und Anreize. Der Bauer soll eigenverantwortlicher Unternehmer bleiben. Schwarze Schafe, die rücksichtslos unsere Lebensgrundlagen gefährden, verdienen keine Rücksicht. Gewissenlosigkeit darf nicht geschont werden. Auch im Interesse jener Bauern, die zum Boden Sorge tragen und zu Unrecht unter Generalverdacht stehen.

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