Aus Gäuer Sicht
Robidog und Verschwörungsgläubigkeit

Beat Nützi, Wolfwil
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«Das ist schon fast eine Provokation»: So kommentierte eine Hundehalterin den Haufen Rossäpfel, der zwischen Wolfwil und Neuendorf just vor einem Robidog lag. Sich erniedrigt fühlend, nahm sie ihr Säcklein mit gesammeltem Hundekot von der Leine, warf es in den dafür vorgesehenen grünen Behälter und seufzte: «Wir Hundehalter sind eben keine noblen Reiter, welche die Welt vom hohen Ross aus betrachten.» Und ein Hund wie der ihrige sei kein stolzes Pferd, sondern quasi ein «Sans-Papiers» – ein Mischling ohne Papiere. Deshalb werde sie «ihrem Stand entsprechend» angehalten, die Kacke ihres Vierbeiners eigenhändig zu entsorgen, während akzeptiert werde, dass ein Reiter die Hinterlassenschaft seines Pferdes liegen lassen dürfe. Diese Regelung sei nicht korrekt, monierte die Hundehalterin und betonte, alle Tierhalter sollten gleich behandelt werden.

Ich war perplex und versuchte die Hundehalterin zu beschwichtigen. Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass nicht nur der Kot von Sans-Papiers im Robidog entsorgt werden müsse, sondern auch jener edler Rassehunde. Oder mit der Bemerkung, die Exkremente von Pflanzenfressern, wie zum Beispiel Pferden, seien unbedenklicher als jene von Fleischfressern, zu denen Hunde gehörten. Pferdemist sei sogar nützlich, nicht nur als Gartendünger, sondern auch als Nahrung oder Brutstätte für Insekten. Es liege somit kein «Standesproblem» und keine Ungerechtigkeit vor. «Das mag alles zutreffen, aber Pferdeäpfel gehören wie Hundekot nicht auf Wege und Strassen, basta!», erwiderte die Hundehalterin barsch. Und eigentlich lag sie mit dieser Meinung gar nicht so falsch. Doch irgendwie glaubte ich zu spüren, dass bei der Hundehalterin der Begriff vom «hohen Ross» als Metapher für Obrigkeit wirkte. Schliesslich stammt die Redensart «Auf dem hohen Ross sitzen» aus dem Mittelalter, als sich nur der Adel- und Fürstenstand das Reiten leisten konnte. Wer also hoch zu Ross daher kam, war immer ein Befehlshaber, zu dem das niedere Volk aufzuschauen hatte.

Glücklicherweise sei das heute nicht mehr der Fall, gab ich der Hundehalterin zu verstehen: «Das Reiten steht heute allen offen.» Doch die Hundehalterin hatte für solche Bemerkungen kein Gehör und entgegnete: «Es gibt nach wie vor ‹Mehrbessere›, die meinen, sie hätten mehr Rechte und könnten über uns Normalbürger bestimmen.» So habe etwa die neue Chefin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), Anne Lévy, bei Amtsantritt bestimmt, dass ihr Wauwau und andere Hunde in ihrem Bundesamt künftig ins Büro mitgebracht werden dürften. «Ich hatte noch nie das Privileg, meinen Vierbeiner an den Arbeitsplatz mitzunehmen», konstatierte die Hundehalterin konsterniert. Weiter stellte sie seufzend fest: «Zurzeit komme ich wegen der Vorgaben des BAG und des Bundesrates kaum über die Runden, weil ich als Angestellte im Gastrobereich nicht arbeiten darf.» Jetzt glaubte ich, den Grund für das Verhalten und den Frust der Hundehalterin gefunden zu haben.

Gedankenversunken machte ich mich auf den Heimweg. Nachdenklich darüber, wie sich Kleinigkeiten, die als Ungerechtigkeiten empfunden werden, auf das Selbstgefühl und die Urteilsfähigkeit von Menschen auswirken können. Dass sich immer mehr Menschen als Verlierer sehen, widerspiegelt sich auch in den vor allem in der westlichen Welt grassierenden Verschwörungstheorien, die allmählich zu einer Gefahr für die Demokratie werden, nicht nur in den USA. Verschwörungstheorien leben von Unsicherheit, die während der Coronapandemie besonders gross ist. Je mehr Menschen das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren – sei es über die soziale, politische, gesundheitliche oder finanzielle Lage –, desto empfänglicher werden sie für Verschwörungstheorien. Menschen, die sich nur noch als Verlierer sehen, bekommen den Eindruck, dass sich alles gegen sie verschworen habe. Und dieses Gefühl wird durch gewisse Kreise insbesondere über das Internet und die sozialen Netzwerke bewusst befeuert. Doch das ist nur möglich, weil die Vertrauensbasis zwischen Politik, Wirtschaft und dem Volk brüchig geworden ist. In den Bruchstellen entwickelt sich zusehends Nährboden für politischen und gesellschaftlichen Wildwuchs, der das Gefüge der Demokratie zu überwuchern droht. Dieser Gefahr gilt es zu begegnen – mit vertrauensbildendem, glaubwürdigem und menschenbezogenem Wirken von Politik und Wirtschaft. Das gibt Gewähr, dass Verschwörungsgläubigkeit nicht Überhand nimmt und die demokratische Wertebasis nicht zerfällt beziehungsweise auf den Hund kommt. Der Robidog lässt grüssen...