Härkingen

«Religion ist mehr als der Glaube an Gott» – Künstler verschmelzen Kunst mit Religion

Von lins: Pierre-Alain Münger und Simon Berger mit ihren Werken, vorerst im Aussenbereich der Alten Kirche.

Von lins: Pierre-Alain Münger und Simon Berger mit ihren Werken, vorerst im Aussenbereich der Alten Kirche.

Pierre-Alain Münger und Simon Berger eröffnen mit Ausseninstallation die neue Saison in der Alten Kirche in Härkingen.

«Religion ist mehr als der Glaube an Gott», sagt Pierre-Alain Münger mit Blick auf seine aus bunten Einkaufskörben und zwei Einkaufswagen bestehende Skulptur in Form eines Kreuzes vor der Alten Kirche in Härkingen. Aufgebaut hat er diese zur Eröffnung der neuen Saison, welche er zusammen mit dem Künstlerkollegen Simon Berger aus Niederönz zum Thema Religion und Kirche bestreitet. Die Ausseninstallation bildet den Auftakt für die vom 2. bis 18. November 2018 folgende Ausstellung der beiden Künstler im Innenraum der Alten Kirche.

Der Crash-Kunst-verfallen

Mit dieser provokanten Skulptur wolle er abbilden, dass auch Einkaufen, respektive der Konsum für viele Menschen heute eine Art Religion ist, sagt Münger. Dasselbe gelte für Handys, welche oft fast religiöse Züge annehmen oder zum Kunstobjekt werden könnten.

Der Solothurner Künstler ist selbst einer Religion verfallen, die ihn seit Kindsbeinen verfolgt. Als Junge schlug er mit einem Hammer auf seine Matchbox Spielzeugautos aus Aluminium ein. Die kleinen Modellautos habe er damit nicht zerstört, sondern ihnen lediglich eine neue Form gegeben. Die am schönsten verformten Spielzeugautos habe er behalten.

Inzwischen hat der 40-jährige Künstler seine ungewöhnliche Leidenschaft zur Kunstform erhoben. Statt Spielzeugautos lässt Münger ausgewachsene Fahrzeuge mit hohem Tempo auf eine Metallplatte auffahren. Den Abdruck, den die Front des Autos dabei auf der Platte hinterlässt, nennt Münger Faces. Über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde der eigenwillige Künstler, als ihm der deutsche Sender Pro 7 im Jahr 2013 bei einem minuziös vorbereiteten Crash eines Cadillacs begleitete.

In der Folge wurde in unzähligen Medien über seine Crash-Kunst berichtet. Zuletzt im Juli 2016, als die Tagesschau von SRF zeigte, wie der Solothurner für ein Crash-Face einen ausgedienten Bentley mit Jahrgang 1988 in die vorbereitete Metallplatte donnern liess. In Härkingen will Münger bei der Erweiterung der Ausstellung in den Innenraum der Alten Kirche Skulpturen zeigen, darunter auch Transformiertes aus Metall.

Berger baut Gesichter zusammen

Mit feiner Hand und einem ausgeprägten Gespür für das Räumliche arbeitet Simon Berger, bekannt unter dem Namen «Dr Simon». Kreativ betätigt habe er sich schon im Kindergarten. «Ich war meist in der Malecke zu finden», so Berger. Seine Begabung lebte der heute 42-Jährige zuerst als Streetkünstler aus. Als gelernter Schreiner habe er das Sprayen von Gesichtern weiterentwickelt, indem er dazu übergegangen sei, Porträts aus festen Materialen zu fertigen.

Dafür verwendet der Oberaargauer vor allem Restmaterialen wie Stoff, Holz, Blech und Glas. Eines seiner eindrücklichsten Werke schuf Berger für die Firma Motorex in Langenthal zu deren 100-Jahr-Jubiläum: Aus alten Auto- und Töffteilen, Fahrrädern, dem Kotflügel eines Ferraris, der Cockpitverkleidung von Tom Lüthis Töff und einer Felge von Dominiks Aegerter Motorrad schuf er ein 40 Quadradmeter grosses Porträt von Albert Einstein.

Aus der Distanz sichtbar

In Härkingen ist Berger mit einer Skulptur aus Holzlatten präsent. Dies versinnbildliche den Baum der Erkenntnis. Der einzelne Apfel daran erinnere an die Geschichte von Adam und Eva im Paradies, meint Berger zu seinem Werk. Diese Betrachtung zielt allerdings an dem vorbei, was der Künstler wirklich zeigen will.

Nämlich auch hier ein Porträt, wie in allen seinen Werken. Sichtbar wird dieses erst, wenn die Skulptur aus genügender Distanz, von der anderen Strassenseite her, betrachtet wird. Zu erkennen ist dann das Gesicht einer Frau; der erwähnte Apfel wird zu ihrem Ohrring. Berger hat auf dem Trottoir einen Apfel als Markierung aufgesprayt, von welcher aus das Gesicht der Frau erkennbar sein soll.

Auch Berger hat eine Affinität zu Autos. Sichtbar macht er diese auf der Rückseite der Alten Kirche aus, wo er alte Autoscheiben in einem Metallrahmen zu einer Skulptur zusammengeschraubt hat. Bei näherer Betrachtung wird eine Frauengestalt mit Flügeln sichtbar. Geschaffen hat Berger sie im Glas mit Hammerschlägen und Hilfswerkzeugen. Dabei handle es sich um die Rolls-Royce-Figur Emily, bemerkt der Künstler.

Kirche soll neu aufleben

«Wir werden den Innenraum der Alten Kirche mit unseren teilweise provokativen Werken wieder zur Kirche machen», versprechen Simon Berger und Pierre-Alain Münger. Dies werde aber mit dem nötigen Respekt zum einstigen sakralen Raum geschehen. Übrigens: Von Pierre-Alain Müngers Crash-Kunst ist bei der Alten Kirche jetzt schon ein Müsterchen zu sehen. Ein vorne eingedrückter Kastenwagen steht vor Mauer der Kirche. Die grosse Delle stammt von Müngers Vorschlaghammer. Dienen wird das Auto als «Plakat», welches für die Ausstellung werben wird.

Simon Berger und Pierre-Alain Münger bespielen zum Thema Religion und Kirche den Aussenraum der Alten Kirche Härkingen. Vom 2.– 18. November 2018 mit Ausstellung im Innenraum.

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