Die drei Autos unserer siebenköpfigen Reisegruppe aus Deutschland quälen sich durch das Kurma-Gebirge im Osten von Usbekistan. Von Taschkent, der Hauptstadt, sind wir seit zwei Stunden unterwegs nach Kokand, einem ehemaligen Handelszentrum an der Seidenstrasse. Die Stadt liegt noch etwa 100 Kilometer weiter in südöstlicher Richtung im Fergana-Tal, der fruchtbarsten Tiefebene Zentralasiens.

Zwei Männer unterwegs in der trostlosen Steinwüste

In einer der letzten Serpentinen vor dem Kamchik-Pass (2268 Meter ü. Meer) glaube ich, meinen Augen nicht zu trauen: Auf der linken Fahrbahn in derselben Richtung steigen zwei Fussgänger den Berg hinauf, mitten im militärischen Sperrgebiet, das von bewaffneten Soldaten mit Stahlhelm und schwarzem Gesichtsschutz bewacht wird. Unser Fahrer fährt rechts ran, die Neugier ist gross: Was haben diese beiden einsamen Männer in dieser trostlosen Steinwüste zu suchen?

Christoph Obmascher (l.) und Simon Niggli sind schon weit gewandert.

Christoph Obmascher (l.) und Simon Niggli sind schon weit gewandert.

Zwei gestandene Mannsbilder stehen vor uns, beide winken uns freundlich zu: Simon Niggli (39) aus der Schweiz und der Österreicher Christoph Obmascher (46). Sie tragen mittelgrosse Rucksäcke (rund 15 Kilo schwer). Unterwegs duzt man sich ohne Förmlichkeiten. Der Tiroler Christoph trotz der Mittagshitze ohne Kopfbedeckung und Sonnenschutz, trägt lediglich leichte Sportschuhe, Simon aus dem solothurnischen Wolfwil in knöchelhohen Wanderstiefeln, die er «so alle 500 Kilometer von einheimischen Schuhmachern mit Gummi runderneuern» lässt.

Wir erfahren eine erstaunliche Geschichte: Beide haben sich 2009 auf dem Jakobsweg in Nordspanien kennen und schätzen gelernt und damals beschlossen, ein gemeinsames Abenteuer zu erleben, etwas «ganz Ungewöhnliches, Verrücktes».

Im Januar dieses Jahres war es dann so weit: Sie starteten in Wolfwil eine zwölf Monate lange Reise, die sie durch Österreich, Ungarn, den Balkan, die Türkei, schliesslich entlang der ehemaligen Seidenstrasse über Aserbaidschan und Kasachstan bis hier nach Usbekistan, im Herzen Zentralasiens, führte.

Als wir sieben deutschen Reisenden die Kameras zücken, um die aussergewöhnliche Begegnung zu dokumentieren, machen die Fernwanderer uns eindringlich darauf aufmerksam, dass es streng verboten sei, in diesem Sperrgebiet zu fotografieren. Die Posten am letzten Checkpoint hätten alle ihre digitalen Bilder kontrolliert und sie nur weiterziehen lassen, weil es nichts zu beanstanden gab.

In diesen Wochen führt ihr Weg weiter entlang der Seidenstrasse durchs Fergana-Tal wie der unsere, nur ihrer zu Fuss, unserer im Personenwagen. Sie allerdings wollen viel weiter: quer durch Kirgistan bis zum Ziel ihres Marsches, der Stadt Kaschgar, im Westen Chinas. Von hier im Kurama-Gebirge etwa 900 Kilometer entfernt. Dort wollen sie im Februar ankommen. Von Westchina geht es per Bus und Bahn nach Vietnam, durch Indien, Myanmar, Thailand und Laos. Orientiert haben sie sich unterwegs mithilfe eines Navigationsgeräts. Ein Zelt haben sie nicht dabei, sie übernachten in billigen Hotels, oft auch privat bei Familien. «Morgens weiss man nie, wo man abends zu Bett geht», sagen sie nur.

Simon, der Schweizer, erzählt, er habe sich die Anstrengungen und Langeweile auf der Strasse dadurch erleichtert, dass er per Kopfhörer die erforderlichen Sprachen Türkisch und Russisch gelernt habe, mit Englisch, Französisch oder gar Deutsch komme man in Zentralasien nicht weit.

Wandern und Schwitzen für einen guten Zweck

Im Gespräch taucht irgendwann die Frage nach dem Sinn ihrer fast 7000 Kilometer langen Wanderung auf. Simon antwortet ohne Zögern: Seit vielen Jahre unterstütze er zwei Projekte in einer armen Region in Vietnam. Sponsoren spenden für jeden zu Fuss gelaufenen Kilometer einen Geldbetrag. In diesen zwei Projekten werden vor allem vietnamesische Waisenkinder betreut, für die es in ihrer Heimat kaum Bildungschancen gebe. Schulen und Lehrer würden so finanziert.

Dieser «Walk-of-our-Life» scheint unter einem guten Stern zu stehen: Die Weltenbummler sind von Verletzungen und Überfällen verschont geblieben. Äusserste Vorsicht sei weiterhin geboten, denn ihre Route führt zumeist den Hauptautostrassen entlang, die Verkehrsteilnehmer in den Ländern Zentralasiens seien manchmal unberechenbar.

Mit vielen guten Wünschen für ihre restliche Reise verabschieden wir die zwei Abenteurer. Wir setzen unsere Fahrt in Richtung Kamchik-Pass fort, in unserem Auto ist es still: Der Mut und das Engagement der Fernwanderer haben uns sprachlos gemacht.

* Der Autor gehörte der Reisegruppe an.

So waren die beiden beim Start im Januar unterwegs.

So waren die beiden beim Start im Januar unterwegs.