Der Nebel hängt noch tief in den Baumwipfeln und die Dunkelheit weicht langsam dem neuen Tag. Aus dem Kamin der Waldhütte der Jagdgesellschaft St. Stephan im Gebiet Eimerech in Wolfwil steigt Rauch in den Himmel. Entfacht hat das Feuer Hüttenwart Kurt Grecchi. Er ist zuständig für Verpflegung der Waidmänner und Treiber, welche an diesem Donnerstag die Jagdsaison im Revier 40 eröffnen werden. Dieses umfasst 560 Hektaren in den Wäldern von Neuendorf, Wolfwil und Niederbuchsiten, wie Jagdleiter Emil Lämmle erwähnt.

Als um 8 Uhr morgens der Tradition folgend die Jagdhörner ertönen, zählt Lämmle insgesamt 14 Flinten von Jägern vom eigenen Revier und Gästen von benachbarten Revieren. Darunter auch der Ex-Radprofi Dieter Runkel vom Revier Egerkingen. «Ich bin im zweiten Jahr als Jäger unterwegs», sagt der 48-jährige Neuendörfer. Ihn fasziniere vor allem die Natur, die er schon als Radquer-Rennfahrer intensiv erlebt habe.

Bereits ganz aufgeregt ist Jürg Grütter, Präsident der Jagdgesellschaft Homberg Wangen. «Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal auf der Herbstjagd, die Saison in unserem Revier hat noch nicht begonnen», erwähnt der 61-Jährige. Aus Leidenschaft dabei ist Gast Thomas Bürgi aus Hägendorf. Er sei schon als Kind bei seinem Vater mit der Jagd in Berührung gekommen. Auf die Pirsch gehe er mit Freude. «Da kann ich abschalten und mich vom Alltag erholen», sagt der 39-jährige Liegenschaftsverwalter und Leiter des Säliparks in Olten. Auf die Jagd gingen heute Leute aus allen Schichten, wie etwa auch sein Kollege aus der Guggenmusik. 

Nicht geändert haben sich die Verantwortung und die Sorgfaltspflicht, die von Jägern erwartet werden. Daran erinnert Jagdleiter Emil Lämmle, als er den im Halbkreis versammelten Waidmännern bekannt gibt, dass heute Fuchs und Reh bejagt werden. Auf den Hirsch dürfe nicht geschossen werden, das sei im Kanton Solothurn verboten. Jeder sei für sich selbst dafür verantwortlich, dass bei der Jagd keine Personen wie etwa Wanderer, Jogger, Pilzsammler gefährdet würden. 

Bevor sich die Jäger auf die vom Jagdleiter im Vorfeld bestimmten Stände im Wald begeben, werden die fünf anwesenden Treiber mit eigens für diesen Jagdgang erstellen Karten über die Standorte der Jäger und den Ablauf der Treibjagd informiert. «Die Sicherheit hat oberste Priorität», betont Lämmle.

Beim ersten Trieb um etwa 8.30 Uhr im Gebiet Neuban auf Wolfwiler Boden passiert zuerst gar nichts. Zwar schlagen die Hunde an, in der Jägersprache Stechen genannt, und die mit lauten Rufen und Hornsignalen durchs Dickicht kämpfenden Treiber sind zu hören. Danach ist es wieder ruhig, Vogelgezwitscher ist zu hören und ein Eichelhäher macht sich mit lauten Rufen bemerkbar.

Um 9.36 Uhr zerreisst der peitschende Knall einer Schrotflinte die Stille, gefolgt von drei Hornstössen. «Das Signal, dass ein Reh erlegt wurde», kommentiert Lämmle. Minuten später taucht im Rücken des Jagdleiters ein Reh auf, um Sekunden später wieder im Dickicht unterzutauchen. «Ich hatte nicht nur keine Chance, die Flinte anzulegen, sondern hätte auch nicht abdrücken dürfen, weil der nahe gelegene Waldweg aus meiner Position nicht einsehbar war», bemerkt Lämmle. Und einfach einem Tier hinterherzuschiessen komme erst recht nicht infrage. Wer nicht sicher ist, ob er das Tier richtig trifft, dürfe nicht schiessen. «Wir wollen kein angeschossenes Wild.» Entfernt ist ein zweiter Schuss zu hören. Ob ein weiterer Treffer zu verzeichnen ist, lässt wegen der grossen Distanz nicht sagen. Ein Hornsignal ist nicht zuhören.

Der erste Trieb wird um 9.50 Uhr mittels der mitgeführten Hörner abgeblasen und von den Jägern in ihren Ständen mit einem Hornstoss quittiert. Jetzt darf nicht mehr geschossen werden, auch wenn einem ein Reh genau vor die Flinte läuft», sagt Bruno Fürst. Er hatte das Glück, das erste Reh des Tages mit einem sauberen Blattschuss zu erlegen. Während die Kollegen den auch als Jagdaufseher wirkenden Landwirt aus Gunzgen mit einem «Weidmannsheil» zum Abschuss beglückwünschen, kommt auf dem Waldweg ein Auto in Sichtweite. Am Steuer sitzt der Präsident der Jagdgesellschaft St. Stephan, Roland Flury. Ihm ist der Abschuss eines zweiten Rehs gelungen, «Weidmannsheil» und Händeschütteln inklusive.

Lobende Worte findet Jagdleiter Emil Lämmle bei der anschliessenden Besprechung. «Zwei Schüsse und zwei Treffer, das ist vorbildlich», meint er. Beim zweiten Trieb entlang der Grenze zum Kanton Bern bei Schwarzhäusern kommt es zu keinem weiteren Abschuss, obwohl ein paar Rehe gesichtet werden. So auch beim Stand von Bruno Fürst. Das Reh wäre ihm fast vor den Lauf seiner Flinte gelaufen, schlug aber unmittelbar vor einer möglichen Schussabgabe einen scharfen Haken und verschwand danach aus dem Sichtfeld des Jägers. Ein Laufhund folgt ein paar Minuten später aufgeregt der Spur des Wildes, kann dieses aber nicht mehr aufspüren.

«Rehe sind den Jägern keineswegs einfach ausgeliefert», meint Fürst mit dem Verweis, dass das Tier wohl seine Witterung aufgenommen habe. Auch Bewegung würden von Rehen wahrgenommen. Ganz im Gegensatz zu den Hunden. Diese würden das Wild ausschliesslich über ihre gute Nase aufspüren und in Bewegung setzen. Älteren und erfahrenen Rehen gelinge es immer wieder, sich für Hund und Jäger quasi unsichtbar zu machen. Etwa indem das Tier einen hohen Sprung auf die Seite mache. Nicht selten verliere der Jagdhund so die Spur.

Die Jagd habe auch nicht zum Ziel, möglichst viele Tiere zu schiessen. Vielmehr gehe es darum, die Bestände auf einem für die Grösse des Reviers verträglichen Rahmen zu halten. Gebe es zu viele Rehe, machten sich diese gegenseitig das Futter streitig und auch der Verbiss an jungen Bäumen im Wald sei dann sehr hoch. Erhebungen zufolge leben in Revier 40 derzeit rund 160 Rehe. Rund 90 davon sollen bei der bis 8. Dezember dauernden Jagdsaison erlegt werden. Bei den Aktivitäten der Jäger stünden Hege und Schutz von Pflanzen und Tieren im Vordergrund. «Artenreiche und gesunde Wildbestände sind unsere Zielsetzungen», so Fürst.

Gegen 11 Uhr wird auch der zweite Trieb abgeblasen und die Jäger verschieben mit den zwei erlegten Rehen zurück zur Waldhütte in Wolfwil. Dort werden die Tiere aufgebrochen. Darunter verstehen Jäger das Ausnehmen und Ausbluten lassen. Das Zerlegen der Tiere übernimmt die Metzgerei Mühle in Härkingen, wo das Wild auch in den Verkauf gelangt. Der Erlös geht in die Kasse der Jagdgesellschaft St. Stephan.

Zur Tradition der Jäger gehört auch die Kameradschaft, welche beim Mittagessen oder dem sogenannten Aser mit Erbsensuppe und Wienerli ausgiebig gepflegt wird. Am Nachmittag geht es weiter mit der Treibjagd in Niederbuchsiten. Drei weitere Rehe erlegen die Jäger im Schweissacker und im Gebiet Tschuppel. «Wir können zufrieden sein», meint Jagdleiter Emil Lämmle am Abend bei der Schlussbesprechung.

Der 73-jährige Neuendörfer ist seit 31 Jahren Mitglied in der Jagdgesellschaft St. Stephan, die er auch einige Jahre präsidierte. Nicht zuletzt deshalb hegt er die Hoffnung, bei der Jagd im nächsten Jahr als «normaler» Jäger auf die Pirsch gehen zu können. Als neuen Jagdleiter haben Lämmle und andere Waidmänner Bruno Fürst im Auge. «Er wäre der ideale Mann», sagt Lämmle. Fürst könnte sich das durchaus vorstellen, wenn ihn Lämmle beim Administrativen unterstütze, meint der 56-Jährige darauf angesprochen. Diese Schützenhilfe will Lämmle noch so gerne leisten, «damit wir einen guten neuen Jagdleiter bekommen».