Egerkingen
Reformierter Pfarrer wagt nach Verabschiedung einen Neuanfang

Der reformierte Pfarrer Mario Gaiser wird nach 27 Jahren von der Gemeinde Egerkingen verabschiedet. Während dieser Zeit hat er viel erlebt und so blickt er auf einen schönen Lebensabschnitt zurück. Nun will er ein neues Kapitel aufschlagen.

Alice Guldimann
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Mario Gaiser vor der Kirche, in der er 27 Jahre lang gearbeitet hat.

Mario Gaiser vor der Kirche, in der er 27 Jahre lang gearbeitet hat.

Bruno Kissling

Mario Gaiser wuchs in Deutschland in der Nähe von Pforzheim auf. Während der technischen Matura kam anstatt seiner ursprünglichen Vorstellung, Architektur zu studieren, immer mehr der Wunsch in ihm auf, Pfarrer zu werden. Um diesen zu verwirklichen, musste er zuerst die alten Sprachen lernen, was er während seiner Gymnasium-Zeit versäumt hatte. So kam er 1980 zum ersten Mal in die Schweiz, an die freie Universität in Basel.

Als er 1987 seine Stelle in der Evangelisch-Reformierten Kirche Egerkingen antrat, stand die Gemeinde noch im Ruf, eine der ärmsten zu sein, wo es am meisten zu tun gibt, erzählt Gaiser. «Als ich vom Studium kam, war ich aber total enthusiastisch», lacht er, «ich wollte die Welt verändern». Er war damals 30 Jahre alt und voller Ideen und Visionen, von welchen er in den 27 Jahren in Egerkingen auch einige umsetzen konnte. «Ich gründe gerne neue Gruppen, und als ich in Egerkingen anfing, gab es noch ganz wenige.» Bis heute hat Mario Gaiser verschiedenste Gruppierungen ins Leben gerufen, eine Spielgruppe, die Jungschar, verschiedene Bands und vieles mehr. Auch karitative Projekte wie beispielsweise eine Kleidersammlung gehören dazu. «Die Gemeinde war stets sehr offen, etwas Neues mit mir zu wagen», freut sich der Pfarrer.

«Psychohygiene» für die Seele

Gaiser musste in den letzten Jahren aber auch feststellen, dass sich die Menschen in der Schweiz und in ganz Europa allgemein weniger der Kirche zuwenden. Dabei ist er überzeugt, dass der Glaube, der ihm selbst so guttut, auch allen anderen guttun würde. «Es gibt so viel Streit wegen Kleinigkeiten, was die Seele sehr belastet», so Gaiser. Vergebung ist für ihn das A und O, er nennt sie auch «Psychohygiene». «Ich vergebe grundsätzlich jedem, und bitte auch um Vergebung, wenn ich durch meine Direktheit ungewollt jemanden verletzt habe», erzählt der 57-Jährige. Auch wegen seinem «grossen Maul» sieht sich Gaiser auch nicht als einen typischen Pfarrer. Er sei nicht nur der Seelsorger, welcher stumm zuhört. Wenn ihn jemand angreife, gebe er zurück. «Ich schäme mich schliesslich nicht für das Evangelium.»

Spenden soll selbstverständlich sein

Gaiser spricht sich für eine schwache Kirche aus, insofern, dass sie keinen Druck machen, sondern den Menschen dienen soll. Er wünscht sich auch, dass es für die Christen in der Schweiz selbstverständlich ist, regelmässig zu spenden. «Wer hier lebt und wem es so gut geht, der soll auch den Schwächsten etwas geben.»

Überall auf der Welt explodiere das Christentum, meint Gaiser, ausser in Europa. «Ich glaube aber daran, dass die Kirche auch hier wieder stärker werden kann, wenn die Menschen lernen, Gott, sich selbst und andere zu lieben». Es brauche andere Lieder, fröhlichere Musik, die reformierte Kirche müsse wieder von der Kopf- zur Herzkirche werden.

Nochmals einen Neuanfang wagen

Nun zieht es den gebürtigen Deutschen weiter, nach Menziken im Kanton Aargau. «Ich bin ein Gründer und möchte noch einmal einen Neuanfang wagen», meint er, «aus der Schublade, in der ich stecke, ausbrechen». Er möchte auch jemand Neuem die Chance geben, in Egerkingen diejenigen Leute zu begeistern und anzusprechen, zu denen er selbst nicht durchgedrungen war. Er habe in den letzten 20 Jahren verschiedene Jobangebote bekommen, jedoch stets abgelehnt, auch wegen seiner Kinder, die damals noch zur Schule gingen.

«Nun habe ich mir eine neue Gemeinde gesucht, die mich zu ertragen bereit ist», lacht Gaiser. Eine Gemeinde, in der er seine Ideen einbringen und viele neue Menschen kennen lernen kann. «Ich mag Menschen sehr, auch heute noch», schmunzelt er, «ich kommuniziere gerne und gehe gerne auf sie zu.»

Verabschiedung am Sonntag

Mario Gaiser geht seinen Weg mit einem guten Gefühl weiter. «Ich bin zwar viel nüchterner als damals nach dem Studium, aber ich nehme viel mehr Hoffnung von Gott mit.» Am Sonntag um 10 Uhr wird er sich von seiner Gemeinde in einem letzten Gottesdienst verabschieden, dessen Ablauf für ihn selbst grösstenteils eine Überraschung sein wird.