Gäu/Untergäu
Reformierter Pfarrer Joel Keller will die Gläubigen in ihr Potenzial führen

Joel Keller wurde vor gut 100 Tagen offiziell als Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Gäu installiert. Er stellt die Glaubensarbeit ins Zentrum seiner Tätigkeit als Pfarrer.

Philipp Felber
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Joel Keller in der reformierten Kirche in Egerkingen, von wo aus er seine Pfarrtätigkeit ausübt.

Joel Keller in der reformierten Kirche in Egerkingen, von wo aus er seine Pfarrtätigkeit ausübt.

Bruno Kissling

27 Jahre lang war die reformierte Kirche in Egerkingen fest in den Händen von Mario Geiser. Vor gut 100 Tagen übernahm Joel Keller das Amt. Zeit genug also, um im Gäu anzukommen? «Es geht sehr schnell, bis man hier erkannt wird», sagt Joel Keller.

Er habe zu Anfang grosse Beerdigungen begleitet, und auch mit dem Engagement in Altersheimen oder etwa auch an den Feierlichkeiten während des 750-Jahr-Jubiläums in Wolfwil stieg seine Bekanntheit sofort. Wobei der letzte Punkt auf etwas hinweist: So ganz als Unbekannter ist Joel Keller seine neue Stelle nicht angetreten, arbeitet er doch seit September 2015 in Egerkingen.

Nach einer Phase des Einarbeitens wurde er im Oktober des letzten Jahres nun öffentlich eingesetzt. Zudem war Joel Keller bereits 2012 für einige Monate als Stellvertretung in Egerkingen zu Werke.

Der 34-Jährige ist im Baselbiet aufgewachsen und hat auch seine ersten Schritte im Pfarrberuf in dieser Region gemacht. In Frenkendorf-Füllinsdorf war er 21⁄2 Jahre tätig, bevor er ins Gäu wechselte. Neben der Pfarrtätigkeit habe er zu Beginn noch in der Arbeitsintegration gearbeitet.

«Ich wollte rausfinden, ob das Pfarramt für mich das Richtige ist», erklärt Keller und ergänzt, «und im Moment ist es das». Ob er gleich für die nächsten 27 Jahre wie sein Vorgänger in Egerkingen bleibe, wisse er nicht. «So weit denke ich nicht voraus», lacht er.

Generationenwechsel vor der Tür

In den sieben der reformierten Kirchgemeinde Gäu angeschlossenen Gemeinden sind momentan gegen 2400 Gläubige zu Hause. Historisch gesehen waren sie im Gäu immer eine Minderheit. Dies führte wohl auch dazu, dass die reformierte Kirchgemeinde von aussen als verschworene Truppe wahrgenommen wird. Dass es einen starken Kern gibt, bestätigt auch Keller.

«Doch ich war bereits mit einem weiten Teil der Bevölkerung in Kontakt», sagt Keller.
Einerseits einen starken Kern an Gläubigen, andererseits die Verbindung in breite Bevölkerungsschichten mache für ihn auch den Reiz aus, warum er in Egerkingen das Pfarramt übernahm.

Bis er übrigens die breiten Bevölkerungsschichten kennen werde, da gingen als Faustregel schon so drei Jahre ins Land. «Das ergibt sich mit der Zeit», ist Keller überzeugt.
Ein weiterer Reiz sei der spürbare Generationenwechsel, der momentan stattfinde. «Deshalb ist es auch möglich, den Kern etwas aufzufächern und etwa auch Neuzuzüger in die Kirche zu bringen.»

Und gerade die letztgenannten seien für die reformierte Kirchgemeinde ein Segen. «Traditionell sind in Egerkingen und der Umgebung weniger Reformierte als Katholiken, durch die Bautätigkeit kommen jedoch mehr, was uns hilft. Unter dem Strich sind so trotz Kirchenaustritten gleich viele Reformierte im Gäu zu Hause. Wir sind also noch nicht in einer Phase, in der wir reduzieren müssten.»

Doch müssten sich die Landeskirchen in Zukunft auf zusätzliche finanzielle Standbeine abstützen können und nicht nur auf die Kirchensteuer, ist Keller überzeugt. In Egerkingen bestehe bereits im kleinen Rahmen ein Förderverein für die Kirche, welcher gewisse Projekte mitträgt.

Glaubensinhalte im Zentrum

Doch wie will Keller dem in Zukunft trotz allem drohenden Mitgliederschwund entgegentreten? «Wenn ich ein allgemeingültiges Rezept hätte, wäre dies schön», winkt Keller ab. Doch für die Egerkinger Pfarrei steht vor allem eins im Zentrum: «Wenn ich es schaffe, dass die Leute untereinander vertraut sind, wenn ein Sozialnetz da ist, welches die Gläubigen tragen kann, dann bin ich zufrieden.»

Eine Chance, dieses Beziehungsnetz weiterzuknüpfen, besteht in diesem Jahr mit dem Reformationsjubiläum. Dies gebe die Möglichkeit, breite Bevölkerungsschichten über die Reformation zu informieren. Zudem nehme er sich mit einer Gruppe von Gläubigen die Bibel vor, denn: «Die Bibel stand bei Luther im Zentrum, warum also nicht sie wiedermal ins Bewusstsein rufen?».

Harte Glaubensarbeit also. Gepaart mit dem Schaffen von Möglichkeiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen und sich über Glaubensinhalte auszutauschen, so lässt sich Kellers Auffassung von Pfarrtätigkeit zusammenfassen. «Der Glaube geht über die Psychologie raus. Er kann den Menschen halt geben, sie dazu bewegen, sich zu verändern. Wenn es mir gelingt, Menschen in ihr Potenzial reinzuführen, dann ist das für mich ein Erfolg.»

Ein Erfolg, der in Zeiten von vermehrt freikirchlicher Konkurrenz nötig ist? «Ich sehe dies keineswegs als Konkurrenz, sondern eher als Ergänzung», so Keller. Zum Teil merke man, dass Freikirchen ein Bedürfnis abdecken, welches die reformierte Kirche vielleicht verpasst habe. «Wenn wir unsere Arbeit aber gut machen, dann bin ich überzeugt, dass wir diese Bedürfnisse hier abdecken können.»

Nicht als Konkurrenz sieht er auch die katholische Kirche. «Wenn ich sehe, dass Religionsschüler Mühe haben, Unterschiede zwischen reformiert und katholisch aufzuzeigen, dann investiere ich am falschen Ort, wenn ich daran was ändern möchte», sagt Joel Keller.

Die Entwicklung sei eher dahingehend, dass die reformierte und katholische Kirche in den Augen der Bevölkerung grundsätzlich als eine Institution wahrgenommen werde. «Wenn wir uns nicht als verwandt anschauen, dann machen wir definitiv etwas falsch.»

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