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Recht und Ordnung: Oensinger Polizistin ist auch Aufräumcoach

Ramona Wenger aus Oensingen ist Ordnungscoachin und zeigt uns ihren Kleiderschrank. Bei ihr zu Hause sei stets so aufgeräumt, dass jederzeit Besuch vorbeischneien könnte, erzählt sie.

Ramona Wenger aus Oensingen ist Ordnungscoachin und zeigt uns ihren Kleiderschrank. Bei ihr zu Hause sei stets so aufgeräumt, dass jederzeit Besuch vorbeischneien könnte, erzählt sie.

Als Kind war Ramona Wenger nicht wirklich ordentlich. Inzwischen ist sie aber eine richtige Ordnungsspezialistin. Die Oensingerin, die hauptberuflich Polizistin ist, untertützt nebenberuflich all diejenigen in der Region, die mit Ausmisten und Aufräumen Mühe haben. Damit lässt sich sogar Geld verdienen.

Ein überfüllter Kleiderschrank; zusammengeknüllte T-Shirts, Hosen über der Lehne eines Stuhls neben dem Schrank, einzelne Socken auf dem Boden. Da «chützelets» Ramona Wenger in den Fingern, wie sie sagt. Weil sie darauf brennt, aufzuräumen – eine neue Falttechnik einzuführen oder ein anderes System mit Kisten und Boxen.

Geordnet sieht es in Wengers Kleiderschrank aus. Fein säuberlich hängen Röcke und Blusen an einer Stange, der Rest liegt ordentlich gefaltet am richtigen Platz. Wenger, 32 Jahre alt, wohnt mit ihrem Partner in Oensingen. Sie hat lange braune Haare, Blumen ranken sich in einem Tattoo um ihren rechten Arm. Pflanzen gibt es auch in der Wohnung, in der alles genau seinen Platz zu haben scheint.

Möbel und Gegenstände nehmen nicht viel Raum ein, dafür wirkt alles aufeinander abgestimmt, einzelne Ecken sind dekoriert mit Fotos oder Schildchen. Es ist aber nicht die hier lebende Polizistin in Wenger – das macht sie hauptberuflich – die für Ordnung sorgt. Sondern die zweite «Leidenschaft» der gebürtigen Lohnerin, wie sie erklärt. Sie hat Freude am Aufräumen. Daraus hat sich Wenger sogar ein Geschäft gemacht.

Schon aufgeräumt, bevor die Trendwelle kam

«Miss orderly.» So nennt sich das 2020 ins Leben gerufene Angebot, bei dem mittlerweile auch eine Farbdesignerin aus Lohn mitarbeitet. Die Dienstleistung, die sie anbieten: Ordnung schaffen. «Das Angebot ist sehr individuell – es gibt nicht den einen Trick für Alle», wie Wenger erklärt. Was in der Regel dazu gehört: Ein Erstgespräch, in dem Wenger dem Anliegen der Kundschaft nachgeht, ein Besuch vor Ort, bei dem Wenger beim Aufräumen, Ausmisten und neu Einordnen coacht sowie eine Nachberatung, damit die Ordnung erhalten bleibt. «Ich habe absolut kein Problem damit, jemandem den Vorratsschrank aufzuräumen», sagt die Polizistin lachend. «Aber mein Ziel ist es, den Leuten System mitzugeben, damit sie es künftig selber können.» Systeme hat Wenger verschiedene; je nach Kundschaft kommt ein anderes zum Zug.

Ordnungscoaching ist im Trend, auf der Serien-Plattform Netflix gibt es ein Format mit einer Japanerin, die damit berühmt geworden ist, mittlerweile gibt es auch in der Schweiz Ausbildungsmöglichkeiten zum Aufräumcoach. Wenger hat so etwas nicht gemacht. Sie mag es einfach, aufzuräumen. «Als Kind war das definitiv noch nicht so. Das kam eigentlich erst, als ich ausgezogen bin.» Daneben spielt auch eine Rolle: «Ich bin neugierig. Wenn ich auf Besuch bin, schaue ich gerne in Schränke und Kommoden.» Finde sie dort ein «Puff», komme es auch vor, dass sie einfach mal «büschele». Von daher habe es niemanden in ihrem Umfeld überrascht, als sie entschloss, dies als Dienstleistung anzubieten.

Gegentrend zur Konsumgesellschaft

Bei 110 Franken liegt der Stundenansatz, wobei Wenger für einmal richtig Ordnung machen mit einem Tag rechnet. Das wird gebucht. Von Eltern mit überfüllten Kinderzimmern, aber auch älteren Personen mit Dachböden voller Erinnerungsstücke. «Es ist sicher auch eine Frage der Generation», sagt Wenger über die Haltung gegenüber Ordnung ihrer Kundschaft. «Früher hat man nichts weggeschmissen. Eine Hemmschwelle war da einfach schon mal das Geld, das man einmal für etwas ausgegeben hat.»

Gleichzeitig komme hier oft eine emotionale Bedeutung dazu, die vielleicht Spielsachen oder Erbstücke hätten, auch wenn diese schon lange nicht mehr gebraucht würden. Als Kontrast dazu: «Heute haben viele weniger Wertschätzung für das, was sie besitzen», schätzt Wenger. Sie spricht auch von «Konsumgesellschaft», von überfüllten Schränken voller Kleider, die gar nicht mehr getragen werden – was im ganzen Überfluss nicht auffällt.

Was ihr aber wichtig sei: «Ich würde nie jemanden verurteilen. Ich arbeite einfach mit dem, was die Kundschaft wünscht. Mit dem Ziel, dass sie sich zu Hause eine Oase schaffen, in der sie wohl sind, nach dem Feierabend nicht in jedem Ecken noch Arbeit sehen.» Ordnung sei der Anfang von Erholung, so laute ihr Motto. Sie wolle helfen, Ballast loszuwerden; mehr Erholungsraum zu schaffen zu Hause. «Die Kundschaft, die mich bucht, will das ja auch: ausmisten und aufräumen. Was auch ein schöner Gegentrend ist zur Konsumgesellschaft.»

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