Balsthal
Raub der Flammen: Die lange Geschichte der Balsthaler Sagi

Einst wurde sie am Rand gebaut, dann lag sie mitten im Dorf: die in der Silvesternacht abgebrannte Sägerei Rütti AG.

Fränzi Zwahlen-Saner*
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Die Ausmasse der Sägerei Rütti in Balsthal zeigen sich auf dieser historischen Flugaufnahme von 1943 am besten. ill. : zvg/q.r.t. Meyer & x.i.n steck

Die Ausmasse der Sägerei Rütti in Balsthal zeigen sich auf dieser historischen Flugaufnahme von 1943 am besten. ill. : zvg/q.r.t. Meyer & x.i.n steck

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Obwohl in der Balsthaler Rütti AG schon lange keine Baumstämme mehr angeliefert und zersägt wurden, hat der Firmenbegriff «Sagi» für diese Firma bis heute überlebt. Präzis ist: Aus der einstigen «Sagi» ist die bis Ende September 2015 in Betrieb gewesene Firma Rütti AG Türencenter, Schreinerei und Reparaturservice geworden. Viele Sägen wurden früher ausserhalb des Dorfes errichtet, weil man den Folgen eines Sägereibrandes vorbeugen wollte. Das war auch bei diesem Betrieb vor gut hundert Jahren noch der Fall. Inzwischen lag die am Silvesterabend 2015 völlig abgebrannte Firma aber mitten im Dorf.

In Balsthal ist seit 1418 ein Sägereibetrieb – wahrscheinlich am gleichen Ort – nachzuweisen. Ein Hensli Musterli betrieb damals die Sagi bis 1440. Angetrieben wurde die Sägemühle in diesen Jahren durch das Wasser des Sagibaches. Dieser künstliche Bach, auch «Sagidich» (Sagikanal) genannt, wurde hinter dem Gasthaus Kreuz vom Augstbach abgezweigt. Damit immer etwa die gleiche Wassermenge im Sagibach zur Verfügung stand, wurde das Wasser des Augstbaches in einer sogenannten «Muerig» oder auch «Muorig» gestaut und gleichmässig in den Kanal abgeleitet.

Feuersbrunst in Balsthal zerstört ein Schreinerei-Areal Luftaufnahme vom Freitagmorgen: Von oben ist das Ausmass der Zerstörung ganz erkennbar.
40 Bilder
Blick auf das Areal der Schreinerei nach der Brandnacht.
Feuersbrunst in Balsthal zerstört Schreinerei-Areal
In Balsthal ist am Silvesterabend eine Schreinerei vollständig abgebrannt.
Die Schadenhöhe dürfte mehrere Millionen Franken betragen.
Verletzt wurde niemand.
Der Alarm ging bei der Kantonspolizei Solothurn am Donnerstag, 23 Uhr, ein.
Beim Eintreffen der Einsatzkräfte steht ein Gebäude schon in Vollbrand.
Dank taktisch richtigem Vorgehen gelang es den Feuerwehren, ein Übergreifen des Feuers auf das Wohnhaus und die umliegenden Gebäude zu verhindern.
Dieses hohe Gebäude konnte nicht gehalten werden. Es ist eingestürzt.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.
Impressionen von der Brandnacht.

Feuersbrunst in Balsthal zerstört ein Schreinerei-Areal Luftaufnahme vom Freitagmorgen: Von oben ist das Ausmass der Zerstörung ganz erkennbar.

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Später wurde der Sagibachkanal verlegt und der Kanal von der Papierfabrik her mit Wasser gespeist. Dies war dann eine Verlängerung des «Mühlediches» oder des Mühlekanals, denn die erste Mühle stand dort, wo lange die Administration der Papierfabrik untergebracht war. Dieser Mühlekanal oder «Papierikanal» wurde ähnlich wie der Sagibach vom Augstbach her abgezweigt. Später wurde der Sagibachkanal nach und nach überdeckt.

Im 20. Jahrhundert trieb anstelle des Wasserrades eine Turbine die lange Stahlachse an. An deren Ende war ein grosses Rad montiert, welches das Vollgatter über einen langen und dicken Lederriemen antrieb. Das Vollgatter, welches 1938 in der Sagi eingebaut wurde und damals als grosser Fortschritt galt, setzte sich aus vielen Sägeblättern zusammen, welche einen Baumstamm gleichzeitig in mehrere Bretter zersägen konnten. Die Turbine lief bis 1958. Dann wurde auch das Vollgatter, wie vorher schon der grösste Teil des Betriebes, elektrifiziert.

Nach dem ersten oben erwähnten Besitzer der «Sagi zu Ballstall», Hensli Musterli, können bis zur Ära Rütti elf weitere Sagi-Besitzer aufgezählt werden.

1886 erhielt Zimmermeister Bernhard Rütti nach einer Konkurssteigerung den Zuschlag für das Sägerei- und Zimmereigeschäft. Da seine Ehe kinderlos blieb, übergab er 1908 das Geschäft an seinen Neffen Adolf Rütti. Eine gute Konjunktur ermöglichte es, die Zimmerei, die Sägerei und den Holzhandel immer weiter zu entwickeln. Der Ehe von Adolf Rütti mit Rosa Mengisen entsprossen die Tochter Ida und die Söhne Willy und Paul. Die Firma wurde 1936 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, in die Adolf Rütti AG. Die Brüder Willy und Paul führten den Betrieb im Sinne ihres Vaters weiter. 1948 beschäftigte die Firma rund 40 Mitarbeiter.

Ein wichtiger Meilenstein in der Firmengeschichte war die Übernahme der Möbelschreinerei Benedikt Rütti AG im Jahr 1958. Diese Möbel- und Fensterschreinerei wurde 1876 an der Schmiedengasse gegründet. Eine Brandstiftungsserie zwischen 1957 und 1958 führte dazu, dass die Möbelschreinerei Benedikt Rütti ihren Betrieb einstellte und die Mitarbeiter von Adolf Rütti übernommen wurden.

Die Sägerei Rütti AG, inzwischen nicht mehr am Rande, sondern mitten im Dorf gelegen, war Anfang der 60er-Jahre wegen eines überalterten Maschinenparks und struktureller Probleme auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig. Adolf Rütti, der Sohn von Willy Rütti, übernahm 1966 die Leitung der Firma und kämpfte gegen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten an. 1973 trat Adolfs Bruder Max ebenfalls in die Firma ein. Zwei Jahre später wurde eine neue Fensterfabrikationsanlage in Betrieb genommen. Zur gleichen Zeit wurde die Zimmerei aufgelöst. Diese Umstrukturierungen hatte zur Folge, dass Adolf Rütti die Firma verliess.

Unter der Leitung von Lisa Rütti-Sieber, der Ehefrau von Max Rütti und Urs Altermatt wurden dann während 30 Jahren erfolgreich die bekannten «Rütti-Fenster» produziert. In diese Zeit fiel auch die Erweiterung der Schreinerei und des Holzhandels. Ab 1990 begann der Aufbau des Betriebszweiges «Türen». 2006 entschloss sich die Geschäftsleitung, die Fensterproduktion einzustellen, um sich auf das Türencenter, die Schreinerei, den Reparaturservice und den Bestattungsdienst zu konzentrieren.

Lisa und Max Rütti führten bis September 2015 mit sieben Mitarbeitern die Rütti AG weiter. Danach gaben beide bekannt, dass sie den Sagi-Betrieb aufgeben werden und man künftig unter dem Namen Rütti AG eine Immobilienfirma betreiben werde. Die diversen Räumlichkeiten der ehemaligen Sagi wurden an etliche Mieter vermietet.

* Grosse Teile dieses Textes erschienen in: «Bauschtler Gschichte 2013», div. Autoren.