Der Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe, Martin Neff, referierte im gutgefüllten Bienkensaal in Oensingen. Die Bank-Genossenschafter und Kunden der Raiffeisenbank Gäu-Bipperamt und der Raiffeisenbank Untergäu kamen in den Genuss einer faszinierenden «Tour d’Horizon» durch aktuelle Wirtschaftsfragen. In einem 45 Minuten dauernden Referat blickte Neff unter dem Titel «Wirtschaftliche Lagebeurteilung» hinter die Kulissen der internationalen sowie nationalen Wirtschaft.

Laut Neff lässt die globale Wirtschaftsdynamik nach. Dies als Folge politischer Einflüsse, protektionistischer Massnahmen und den damit verbundenen Handelskonflikten. Er spielte dabei – neben Problemen in der Eurozone – insbesondere auf die von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle an. Diese betreffen vor allem Importe aus China, «und wenn China schwächelt» – so Neff – «dann neigt die Welt dazu, in Panik zu verfallen.» Über Trump meinte er: «Dieser betrachtet sich als Master of the Universe und ist für mich derzeit das grösste Risiko für die Weltwirtschaft.»

Die Schweiz mache ihre Hausaufgaben gut, habe eine starke industrielle Basis, gute Exportquoten und weise nicht zuletzt dank der Pharmaindustrie einen erfreulichen Handelsbilanz-Überschuss auf. Sie dürfte wegen ihres fulminanten Wirtschaftswachstums stark bleiben, könne sich aber den aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen natürlich nicht entziehen, so Neff weiter. Das zeigt gemäss Neff ein Blick auf den in diesem Jahr im Minus stehenden Schweizer Aktienindex. «Da sehen sie, dass aktuell etwas Sand im Getriebe ist.»
Dennoch sind Aktien für Neff «langfristig alternativlos», und er erinnerte an die durchschnittliche jährliche Rendite von 6,9 Prozent seit 1935. Trotz der aktuellen Börsenbaisse und der wirtschaftlichen Unsicherheiten empfiehlt Neff deshalb, weiterhin in Aktien einzusteigen – allerdings gestaffelt.

«Zinsen stark angestiegen»

Da die Raiffeisenbanken stark im Hypothekargeschäft engagiert sind, waren die Besucher des Kundenanlasses in Oensingen besonders auf Neffs Ausführungen zum Immobilienmarkt gespannt. Mit pointierten Aussagen entkräftete er die sporadischen Warnungen, der Schweiz drohe eine Immobilienkrise, wenn die Zinsen markant ansteigen würden. «Klar hat die Schweiz die höchste Hypothekarverschuldung der Welt, aber diese ist gedeckt, durch dreimal so hohe Vermögenswerte – das ist Weltrekord!»

Mit Blick auf die Zinsen betonte Neff, dass diese nie innerhalb kurzer Zeit stark angestiegen seien. Zudem gäbe im Vergleich zu früheren, von höherer Inflation geprägten Jahren heute keine automatische Lohn-Preis-Spirale mehr. «Wenn sich die Leute also heute verstärkt für die eigenen vier Wände entscheiden, handeln sie nicht unvernünftig, sondern sie stellen einfach fest, dass Wohneigentum günstiger kommt als Mieten.» (ma)