Für den Staat und insbesondere Institutionen im Pflegebereich stellt der Kampf gegen den Pflegepersonal-Notstand eine Herkulesaufgabe dar. Mit dem im letzten Jahr erarbeiteten Umsetzungskonzept des Ausbildungsverpflichtungsgesetzes geht es für Spitäler, Heime und Spitex bereits dieses Jahr ans Eingemachte: Mit dem Gesetz kann der Kanton Leistungserbringer dazu verpflichten, eine bestimmte Anzahl Pflegende auszubilden.

Das im Mai letzten Jahres erarbeitete Umsetzungskonzept sieht vor, dass die vorgenannten Institutionen bereits Ende 2014 ein Drittel ihres nach Anzahl der Vollzeitstellen berechneten Ausbildungs-Solls erfüllen müssen. Bis im 2016 sollen dann die restlichen zwei Drittel erreicht sein.

«Schon immer Leute ausgebildet»

In Sachen Ausbildung ist die Genossenschaft für Altersversorgung und Pflege Gäu (GAG) mit Standorten in Egerkingen, Niederbuchsiten und ab Juni dieses Jahres auch in Oensingen, ein alter Hase.

Sie ist eine von 33 Institutionen im Kanton, die heute Ausbildungsplätze anbieten: Dies habe man schon immer getan, erklärt Daniel Bolliger, Bereichsleitung Human Resources und Administration.

«Im August 2013 etwa starteten drei Personen ihre Lehre in einem Pflegeberuf, dieses Jahr werden es deren fünf sein.» Über alle Lehrjahre betrachtet, gebe es bei der GAG ab August neun Lernende in der Pflege. Gina Kunst, Bereichsleitung Pflege und Betreuung, kann deshalb gelassen auf das Ausbildungs-Soll blicken: «Wir erfüllen es jetzt schon.»

Nicht alles in Butter

Während die GAG mit der FaGe-Lehre (Fachmannn/-frau Gesundheit) gute Erfahrungen macht, beisst sie sich an der Ausbildung zum/r Pflegefachmann/-frau HF (Höhere Fachschule) schon eher die Zähne aus: «Die an einen Betrieb erteilten Auflagen sind sehr hoch. Nur eine Person, die über 600 Stunden pädagogische Ausbildung verfügt, darf selbst ausbilden», so Kunst.

Da die GAG eine gewisse Grösse aufweist, besteht bei Bedarf allerdings die Möglichkeit dazu. Denn trotz vorhandenem Angebot könne fürs Jahr 2014 die Zahl der Bewerbungen gegen null beziffert werden, schildert Bolliger. Er fordert, dass der Dachverband «Gemeinschaft Solothurner Alters- und Pflegeheime» (GSA) mehr Werbung für die HF-Ausbildung in Altersinstitutionen machen sollte. «In diesem Zusammenhang wird oft nur von Spitälern gesprochen.»

(vl.): Barbara Lauber (Geschäftsleiterin Spitex Untergäu), Gina Kunst (Leitung Pflegedienst Alterszentrum GAG) und Daniel Bolliger (Bereichsleitung Human Resources und Administration Alterszentrum GAG)

(vl.): Barbara Lauber (Geschäftsleiterin Spitex Untergäu), Gina Kunst (Leitung Pflegedienst Alterszentrum GAG) und Daniel Bolliger (Bereichsleitung Human Resources und Administration Alterszentrum GAG)

Verbesserungsbedarf besteht hier in der Tat. Schliesslich sollen gemäss Berechnung der GSA bis ins Jahr 2016 insgesamt 20 Ausbildungsplätze des HF-Pflegeberufs angeboten werden. Die GAG jedenfalls wird heuer zum ersten Mal eine verkürzte HF-Lehre anbieten, die nach der abgeschlossenen FaGe-Lehre möglich ist; «eine Herausforderung», wie Bolliger betont.

Zwei Franken reichen nicht

Die Ausbildung von Pflegenden sei in erster Linie aber eine Win-Win-Situation, glaubt Kunst. «Das Ziel muss sein, dass ein Teil der Leute nach abgeschlossener Lehre bleibt, was bei der GAG der Fall ist. Für uns ist Ausbildung ein Auftrag.»

Aus finanzieller Sicht hingegen sei die Angelegenheit immer «defizitär»: «Der in einen entsprechenden Fonds fliessende Ausbildungsbeitrag des Kantons von zwei Franken pro Person und Tag reicht nicht», bilanziert Kunst. Zusammen mit Bolliger sieht sie darin einen Schwachpunkt des Konzepts: «Mit dem Gesetz werden diese Gelder an die Ausbildung von Pflegepersonal gebunden», so Kunst.

Lehrstellen für angehende Köche, Kaufleute oder Fachleute Hauswirtschaft, welche die GAG ebenfalls anbietet, würden nicht subventioniert und könnten somit auf der Strecke bleiben.

In monetärer Hinsicht gibt es Weiteres zu bemängeln: Gina Kunst merkt an, dass einige Heime bereit dazu wären, lieber eine Strafe zu zahlen (das Nichterfüllen des Solls wird mit einem Malus sanktioniert) statt Leute auszubilden – dies wohl aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen. Somit wäre der Pflegepersonal-Notstand nicht vom Tisch.

Drohen Qualitätseinbussen?

Entscheidet sich ein Heim für die Ausbildung, führt Geschäftsleiter Rüdiger Niederer andere Bedenken an: «Wenn ein Ausbildungszwang besteht, ist die Qualität dann noch gewährleistet? Oder nimmt man einfach den Nächstbesten?»

Er sehe die Lösung eher in einem Anreizsystem, wozu für ihn der oben genannte finanzielle Zustupf des Kantons gehört. «Ausbildung von Pflegepersonal gehört zum Selbstverständnis des Anbieters», findet Niderer. Den Zwang dagegen empfindet er als stossend.

Während er Regulierung generell anprangert, ist nach Ansicht von Kunst und Bolliger die mit dem Konzept einhergehende Selbstregulierung problematisch: «Im Kanton sind 52 Heime vom Gesetz betroffen.

Anstatt eine Strategie gemeinsam aufzugleisen, macht jeder etwas für sich. Insbesondere für kleinere Institutionen wäre es wünschenswert, diese neue Herausforderung gemeinsam anzugehen», bedauert Bolliger.

Es erstaunt in Anbetracht der angeführten Argumente nicht, dass die GAG dem Konzept kritisch gegenübersteht. Mehr noch: Bolliger macht grundlegende Fehler im Vorgehen aus.

«Man hätte vorher schon darum bemüht sein sollen, Pflegeberufe für Ausbildungsbetriebe und Lehrstellensuchende attraktiver zu machen, bevor man überhaupt eine Pflichtübung startet.»

Denn das Schaffen von Ausbildungsplätzen ist das eine, Nachwuchs zu finden das andere. Deshalb fragt Niederer: «Gibt es überhaupt genug Leute, die den Beruf erlernen wollen?»