Egerkingen
Papst Franziskus und den Vatikan hautnah erleben

Michael Studer wird im Februar als Schweizer Gardist seinen zweijährigen Dienst im Vatikan antreten. Er freut sich auf Papst Franziskus, sein neues Leben in Rom und die vielen Erfahrungen, die er dabei machen wird.

Anja Lanter
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Bald wird Michael Studer in einem grösseren Gotteshaus als dem Oltner Kloster beten – nämlich imPetersdom in Rom.

Bald wird Michael Studer in einem grösseren Gotteshaus als dem Oltner Kloster beten – nämlich imPetersdom in Rom.

Bruno Kissling

Verlangt werden sportliche, katholische Schweizer Männer mit einem einwandfreien Leumund, die mindestens 1,74 Meter gross und zwischen 19 und 30 Jahre alt sind, eine Mittel- oder Berufsschule sowie die Rekrutenschule der Schweizer Armee besucht haben. Voilà, somit wären die Anforderungen für einen Schweizer Gardisten auf dem Tisch.

Michael Studer aus Egerkingen erfüllt all diese Bedingungen und wird deshalb am 2. Februar nach Rom reisen, um seinen Dienst als Gardist im Vatikan anzutreten. Eine wohlüberlegte Entscheidung, wie es scheint: «Die Idee Gardist zu werden, hegte ich schon in der Oberstufe», so der 21-jährige Chemielaborant. Damals hatte es ihm der Vortrag eines ehemaligen Gardisten angetan und ihn inspiriert. Die im Jahr 2011 mit der Ministrantengruppe unternommene Reise nach Rom diente dann nicht mehr als Inspirationsquelle, sondern vielmehr als Bestätigung seines Bestrebens, Gardist zu werden. «Damals sah ich zum ersten Mal Rom und den Vatikan und beides gefiel mir sehr.»

Den Ernst der Sache erkennen

So weit, so gut. Nachdem er im April 2013 die Rekrutenschule beendet hatte, ging es ans Eingemachte: die Bewerbung. Nicht nur Dokumente wie Schul- und Arztzeugnisse oder der Strafregisterauszug mussten überzeugen, sondern vor allem auch Michael Studers Persönlichkeit. «Im Gespräch wollen die Verantwortlichen sehen, ob die Bewerber wissen, worum es beim Gardistensein wirklich geht und dieses nicht nur als ein Abenteuer betrachten», erklärt der Egerkinger.

Und, worum geht's wirklich? «Ich mache es wegen meines Glaubens», betont Studer und fügt hinzu: «Die Garde existiert schon seit 1506 und blickt auf eine lange Tradition zurück – das fasziniert mich.» Allerdings lösen auch bei einem überaus motivierten Mann wie Studer nicht alle Dinge ausschliesslich Faszination aus: das lange Stehen beim Wacheschieben zum Beispiel. Eine Schicht dauert zwei Stunden; Studer weiss aber nicht, wie viele er pro Tag absolvieren wird. «Im Militär musste ich eine Stunde lang nur dastehen, was sehr hart war. Deswegen mache ich mir schon Gedanken, wie es sein wird», gibt Studer zu, um im nächsten Augenblick zu relativieren: «Aber man gewöhnt sich sicherlich daran.»

Schnell wird klar, dass Michael Studer hauptsächlich mit freudiger Erwartung und nicht mit Sorgen auf seinen Aufenthalt im Vatikan blickt. Trotzdem: In den ersten fünf Wochen als Gardist stehen verschiedene Ausbildungen wie Italienischlernen, Selbstverteidigungs- und Personenschutzkurse auf dem Programm. Das Erlernte müssen die Gardisten dann bei der anschliessenden Prüfung unter Beweis stellen, was bei ihm ein mulmiges Gefühl im Bauch hervorruft. «Es kann natürlich sein, dass man bei Nichtbestehen der Prüfung nach Hause geschickt wird.» Seinen Fokus richtet der junge Mann jedoch lieber auf anderes. «Die absoluten Highlights werden die Vereidigung am 6. Mai und die anschliessende Audienz mit der ganzen Familie beim Papst sein.» Was bestimmt auch die Familie mit Freude erfüllen wird. Seine Eltern sind katholisch und die Mutter zudem als Religionslehrerin tätig. «Der Glaube begleitet mich schon von Kindsbeinen an», kommentiert der künftige Gardist seine Religiosität.

Begeistert von Papst Franziskus

Und sein Glaube werde auch nicht durch die Schandtaten einiger Kirchenmänner erschüttert, wie er betont. «Der schreckliche Kindesmissbrauch wirft ein negatives Licht auf die ganze Kirche. Man kann den Vorwurf aber nicht gegen alle erheben und mit der Religion an sich hat diese Sache ja nichts zu tun.» Trotzdem begrüsst er es, dass der neue Papst Franziskus «aufräumen möchte». Er könne sich mit Franziskus identifizieren und unterstütze dessen Bestreben, die Kirche zu reformieren, denn: «Sie muss offener werden, damit sich ihr wieder junge Leute zuwenden.»

Die Reformpläne des Papstes befürwortet er auch aus einem anderen Grund: Die Schilderung eines Ex-Gardisten in der «Schweiz am Sonntag» über die Schwulen-Lobby im Vatikan und deren Annäherungsversuche bei Gardisten machten Studer stutzig. «Wenn ich in einer solchen Lage wäre, wüsste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Bedenken dieser Art habe ich seit Veröffentlichung des Artikels schon im Hinterkopf.»

Alles unter einen Hut bringen.

Aber eben; Vorbehalte haben lediglich Platz am Rande – seine Gedanken sind vorwiegend von Positivem geprägt. «Ich blicke mit grosser Spannung auf mein künftiges Leben in Rom und die damit einhergehenden vielen Erfahrungen. Ein Teil der Garde zu sein und diese Tätigkeit mit meinem Glauben unter einen Hut zu bringen – dies stellt für mich den Reiz des Gardistenseins dar.» Und als kleine Motivationsspritze winkt zusätzlich das eidgenössisch anerkannte Diplom als Sicherheitsfachmann, welches nach zwei Jahren erworben werden kann und für seine berufliche Zukunft von Bedeutung sein könnte. «Ich liebäugle damit, nach meinem Dienst Polizist zu werden», so Studer.

Doch vorerst gilt seine Aufmerksamkeit dem geplanten Abschiedsfest – und dem Koffer packen. «Ich nehme nichts Spezielles mit; Laptop und iPod sind aber dabei.» Und natürlich der Glaube und die Vorfreude, welche unabdingbar für die bevorstehenden Aufgaben sind.