1050-Jahre Oensingen
«Öppis zum schnöigge» ist das Buch zur Dorfgeschichte

Wieso Oensingen genau in diesem Jahr Geburtstag feiert, wie weit die ältesten Spuren menschlichen Lebens zurückgehen und welche Ereignisse das Dorf nachhaltig prägten in 11 Fakten.

Sarah Kunz
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Dorfchronik Oensingen
15 Bilder
Urkunde von 968 n. Chr.
Die Belegschaft von Roll im Jahr 1900.
Die Dünnernkorrektur in Bad Klus im Jahr 1933.
Die Sagerei Zaugg im Unterdorf im Jahr 1918.
Hochwasser in Bad Klus im Jahr 1940.
Hochwasser in Bad Klus im Jahr 1940.
Hochwasser in Bad Klus im Jahr 1940.
Übersicht von den Ausgrabungen der Gräber.
Ausgrabung eines weibliches Skelett im Jahr 2017.
Ausgrabung eines weibliches Skelett im Jahr 2017.
Ausgrabung eines männliches Skelett im Jahr 2017.
Ausgrabung eines männliches Skelett im Jahr 2017.
Grabung Schlossbach im Jahr 2017.
Topfhenkel mit Antlitz.

Dorfchronik Oensingen

zvg

Heute wird sie getauft, die Oensinger Dorfgeschichte, welche ein Autorenteam um Thomas Hug während vier Jahren zusammengestellt hat. Die Taufe ist gleichzeitig auch Auftakt zur 1050-Jahr-Feier an diesem Wochenende. «Wir hatten die Idee, die Chronik wie ein Schiff mit einer Champagner-Flasche zu taufen», erzählt Gemeindepräsident Fabian Gloor und lacht. «Aber das wäre ja schade um das schöne Buch.» Auf 226 Seiten ist die Geschichte der Gemeinde zusammengetragen. Und doch sei es keine reine Textwüste. Es sei «Öppis zum Schnöigge», etwas Nachhaltiges für die Zukunft, etwas, vor dem man mehr als nur einen Hut ziehen müsse. Das sagt auf jeden Fall der Gemeindepräsident. Hier sind 11 Fakten über Oensingen, die den Leser «gluschtig» machen sollen auf diese Dorfgeschichte.

Festprogramm im Bienken-Saal:

Samstag
10.30 Uhr: Beginn Festakt; anschl. Buchtaufe
14 Uhr: Aufführung der Primarschule
17.30 Uhr: Musikgesellschaft Oensingen
Ab 18.15: Musik und Unterhaltung
19 Uhr: Fussballkünstler Tado Grgic

Sonntag
10 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst; anschl.
Apéro der Kirchgemeinden
14 Uhr: Filmvorführung der Kreisschule
Bechburg
16.30 Uhr: Preisverleihungen und Schlussakt

Durchgehend am Samstag und Sonntag:
Spiel und Spass für Kinder, Buchverkauf,
Verpflegung

1 Wieso feiert Oensingen in diesem Jahr Geburtstag?

In einer Urkunde aus dem Jahr 968 n. Chr. stellte König Konrad von Burgund die Abtei Münster-Granfelden wieder her und bestätigt deren Besitztümer. Darunter befindet sich das Textstück «Oingesingin cum ecclesia», was zweifelsohne «Oensingen und seine Kirche» bedeuten muss. Erkennbar sind auch die Namen Luiperestorf (Laupersdorf) und Mazendorf (Matzendorf). Es ist die erste namentliche Erwähnung des Dorfes und liegt... Richtig, genau 1050 Jahre zurück. Diese Urkunde ist der Grund für das zweitägige Fest.

2 Wieso gab es in Oensingen so viele Burgen?

Autor Thomas Hug beschreibt die markanten Felsen der Ravelle und der Lehnfluh als steinerne Eingangswächter. Die Höhlen und Nischen in diesen Felsen könnten bereits vor Tausenden von Jahren als Unterschlüpfe gedient haben. An der Dünnern hatten die Bewohner bereits damals eine natürliche Frischwasserquelle und in den Wäldern herrschte sicher ein grosser Wildbestand. Strategisch gesehen, ist die Lage von Oensingen hervorragend. Das beweist auch die grosse Dichte an Ruinen und Burgen aus dem Mittelalter. So wurde um das 10. und 11. Jahrhundert die Erlinsburg durch die Froburger auf dem westlichen Teil der Lehnfluh erbaut. Heute zeugen nur noch Ruinen von der einst prächtigen Burg. Um 1280 folgte dann die Neu-Bechburg durch die Freiherren von Bechburg, die heute einer eigens gegründeten Stiftung gehört.

Das wohl prächtigste Wahrzeichen von Oensingen: Die um 1280 erbaute Neu-Bechburg.

Das wohl prächtigste Wahrzeichen von Oensingen: Die um 1280 erbaute Neu-Bechburg.

Aldis

3 Wer entdeckte die ältesten Spuren menschlichen Lebens?

1969 wurden in der Rislisberghöhle Werkzeuge aus Feuerstein und Knochen gefunden, die der altsteinzeitlichen Kultur angehörten. 10'000 bis 14'000 Jahre alt waren die Funde zu dieser Zeit. Doch nicht gelehrten Archäologen oder Wissenschaftern gelang dieser Fund, sondern drei jungen Schulknaben. Lehrerin Marianne Nünlist behandelte nämlich damals die Steinzeit mit ihrer Klasse, woraufhin die Jungen nach einem abenteuerlichen Ausflug in den Wald mit einigen Gegenständen zurückkehrten und meinten: «Fräulein, wir haben solche Knochen und Steine gefunden, wie Sie uns beschrieben haben.»

4 Wie haben die Kelten früher die Sterne gedeutet?

Auf den ersten Blick mag der Schalenstein beim Aufstieg von der «Ebni» südöstlich der Ravelle entlang in Richtung Neu-Bechburg unscheinbar wirken, so wie jeder andere Stein eben. Doch wer genauer hinschaut, erkennt Grübchen und Rinnen, die von Menschenhand stammen. Die Muster erinnern an Schalen und könnten von keltischen Druiden stammen, die solche Heidensteine als Weg- oder Sternkarten benutzt haben könnten. Die Theorien für diese Rinnenmuster reichen aber auch hin bis zum Opferstein, weshalb der Schalenstein auch heute noch Rätsel aufgibt. Damit aber jeder, der heute an diesem historischen Felsen vorbeikommt, seine eigene Theorie aufstellen kann, steht der Schalenstein heute unter Denkmalschutz.

5 Auf welche hochstehende Kultur deuten weitere Funde?

Aber nicht nur die Kelten hinterliessen in Oensingen ihre Spuren. Auch die alten Römer hielten Einzug in das Dorf, wie beispielsweise ein gut erhaltenes Stück der historischen Römerstrasse auf dem Oberen Hauenstein beweist, die von Oensingen durch die Klus via Balsthal bis nach Augusta Raurica, heute Kaiseraugst genannt, führte. Auch zwei Gutshöfe konnten durch die Kantonsarchäologie Solothurn nachgewiesen werden. Im «Chrüzacher» östlich des Schützenhauses fanden sich auf einer Fläche von rund 250 Quadratmetern zahlreiche Mauerzüge eines Herrenhauses, dem Wohnhaus des Besitzers oder Verwalters. Anhand der prachtvollen Funde, die auf eine hochstehende Kultur hindeuteten, konnte dann die Zeit des Gebäudes festgestellt werden: Die Siedlung musste im 2. und 3. Jahrhundert bestanden haben.

6 Was legten die frühen Oensinger mit in ihre Gräber?

Nicht nur Gebäude und Werkzeuge erinnern an die Spuren früheren menschlichen Lebens. 22 Gräber aus dem Frühmittelalter lagen im Hof des römischen Gebäudes. Die Fachleute vor Ort datierten das Alter dieser Gräber in das 7. Jahrhundert. Spannend zu sehen ist, dass die Gräber allesamt in Reihen angelegt waren. Die Toten wurden in gestreckter Rückenlagenlage mit dem Kopf gegen Westen, den Blick aber gegen Osten gerichtet beerdigt. Unter den Toten befanden sich Männer und Frauen, aber auch Skelette von Kindern und Jugendlichen. In den Gräbern fanden sich auch Spuren von Kurzschwertern, Gürtelschnallen oder gar Schmuck, die den Toten mit auf die letzte Reise gegeben wurden.

7 Welche Firma prägte das Dorfbild nachhaltig?

Der industrielle Aufschwung der «Schmelzi» hatte einen grossen Einfluss auf die Entwicklung Oensingens. «Es ist faszinierend, wie eine einzige Firma ein ganzes Dorf prägen kann», sagt Thomas Hug. In den Jahren 1811 bis 1814 erbaute Ludwig von Roll das erste Verhüttungswerk in der Klus. Dies war zu einer Zeit, als die Bevölkerung der Region grösstenteils noch von der Landwirtschaft und kleinem Handwerk lebte. Doch mit dem neuen Eisenwerk boten sich neue Möglichkeiten, die auch auswärtige Arbeiter anlockten. Deshalb wurden wenig später Wohnblöcke für die Arbeiter gebaut. Noch heute, 100 Jahre später, werden die 1918 erbauten Bauten «von Roll-Blöcke» genannt.

8 Was veränderte die Verkehrssituation am stärksten?

Die Verbesserung des Strassennetzes durch den Autobahnbau zeugt nicht nur vom industriellen Aufschwung in Oensingen, sondern zeigt auch auf, wie wichtig die Lage der Gemeinde als Tor zum Jura ist. Im Mai 1962 wurde ein erstes Teilstück der N1 (West-Ost-Achse) eröffnet. Im Jahr 1966 war der Autobahnanschluss fertig. Der 21 Kilometer lange Abschnitt verbindet Oensingen seither in Richtung Bern–Solothurn sowie in Richtung Basel–Zürich. Am 10. Mai 1967 folgte dann der grosse Festakt, an welchem Bundesrat Hans-Peter Tschudi das rot-weisse Band durchschnitt und somit einen Tross von Oldtimern auf die Strassen liess. Zu diesem Zeitpunkt war das Schweizervolk positiv auf den Ausbau des Strassennetzes eingestellt. Heute ist man dem gegenüber eher skeptisch, vor allem im Dorf Oensingen, das tagtäglich den Verkehr tragen und oftmals mit Stau leben muss.

9 Welche Bedeutung hat die Dünnern für das Dorf?

Und woher kommt eigentlich der Name der Dünnern? Auch dieser Frage geht das Autorenteam um Thomas Hug in der Dorfgeschichte nach. Ob «Dünron», «Thunre» oder «Tuenren», das Gewässer war für Oensingen seit je sowohl Fluch als auch Segen. Segen, weil sie Trinkwasser bot und die Oensinger schnell die Kraft des Gewässers zu nutzen wussten. Schon früh wurden deshalb Gewerbebetriebe entlang der Dünnern gebaut. Auch für die Landwirtschaft stellte das Gewässer natürliche Lebensadern dar. Denn die Gräben stellten die ganze Flurbewässerung sicher. Fluch ist die Dünnern jedoch, weil sie mehr als nur einmal Hochwasser trug und das Dorf überschwemmte. 1940 erlebte Oensingen das letzte Hochwasser, kurz vor der Fertigstellung der 1933 begonnenen Dünnern-Korrektion. Seit die Dünnern nun ihr eigenes künstliches Flussbett erhalten hat, gehören überschwemmte Strassen und gebrochene Dämme der Vergangenheit an.

10 Warum gibt es den Zibelimäret?

Wer in Oensingen kennt sie nicht, die traditionellen Zibelizöpfe, die es am Zibelimäret zu kaufen gibt? Es ist jährlich eines der Highlights des Dorfes, an welchem die gesamte Dorfbevölkerung zusammenkommt und feiert. Vor genau 50 Jahren wurde der Zibelimäret im Zeichen der 1000-Jahr-Feier erstmals durchgeführt. Ursprünglich ein Herbstmarkt, erlangte der Anlass den Namen angelehnt an die lange Tradition des Zwiebelanbaus in Oensingen. Wo früher aber hauptsächlich Zwiebeln aus dem Eigenanbau verkauft wurden, gibt es heute vermehrt Verpflegungs-Stände, Festzelte und sogar einen Lunapark. Doch zum Glück findet man die Zöpfe auch heute noch. Denn was wäre ein Zibelimäret ohne Zibeli?

11 Welcher alte Brauch wird auch heute noch gefeiert?

Ist der Zibelimäret alljährliches Highlight, gibt es alle 3 Jahre sogar ein noch grösseres Fest: die Sonnwendfeier. Mit eindrücklichem Himmelsspektakel liefern sich der Ravellen-Club und der Vogelherd-Club im Drei-Jahres-Rhythmus einen regelrechten Lichterkampf. Auch dieser Brauch ist auf den keltischen Kulturkreis zurückzuführen, feierten die Vorfahren die Zeit der Sonnenwende doch mit Höhenfeuern. Heute ist die Rivalität zwischen den beiden Vereinen freundschaftlich und zeigt den Zusammenhalt der Oensinger Dorfbevölkerung auf. Auch an diesem Anlass heisst es «Vom Dorf, fürs Dorf», ein Motto, das auch die 1050-Jahr-Feier prägt.