Es ist gesetzlich untersagt, Vögel aus ihren Nestern zu holen. Das weiss auch Hans Allemann vom Vogelschutzverein Herbetswil. Dennoch greift er in jedes einzelne der insgesamt 30 Nistkästen am Dach des Schulhauses im Dorf und holt die Mauerseglerkolonie aus der Ruhe. In einem Plastikkorb mit offenem Stoffdeckel reicht er die fragilen Jungvögel den faszinierten Kindern am Boden. Dort unten herrscht reger Betrieb: Zahlen werden hin und her gerufen, Kinder tragen Körbe zu und weg. Im Zentrum des Geschehens sitzen zwei Männer, für welche die Vögel gedacht sind. Sie sind ausgebildete und vom Bund anerkannte Beringer. Sie haben die Erlaubnis, die Tiere für Forschungszwecke aus ihren Nestern zu holen.

Vorsichtig nehmen sie die Mauersegler aus dem Korb und entfernen zuerst dutzende Lausfliegen aus dem Gefieder der Vögel. «Die saugen Blut», weiss Beringer Rolf Meyer vom Vogelschutzverein Balsthal. «Igitt», schallt es aus dem gespannten Publikum beim Anblick der Fliegen, die aussehen wie aufgequollene Zecken, die man von Haustieren kennt. Mit einer Zange und viel Feingefühl bringen die beiden Beringer einen kleinen nummerierten Aluminium-Ring am Bein der Tiere an. Anschliessend wägen sie die Vögel. «Bis sie flügge werden, verlieren die Jungen Gewicht», informiert Toni Vögeli, ebenfalls vom Vogelschutzverein Balsthal, die Schaulustigen. Ein grosses Junges wiege zwischen 50 und 60 Gramm. Ein Erwachsenes unter 50 Gramm. Währenddessen rufen sie die gewonnenen Kennzahlen der Helferin zu, welche sie auf einem Blatt Papier festhält. Zur Wiedererkennung der Vögel ist vor allem die Nummer am Ring von Bedeutung.

Mehr Tiere als im Vorjahr, ausser in Herbetswil

Rolf Meyer und Toni Vögeli kümmern sich seit vier Jahren um die Beringung der Mauersegler im ganzen Thal. Ziel des privaten Projektes, das in Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Sempach durchgeführt wird, ist das «Monitoring», also die Überwachung des Bestandes der Tiere in der Region. «Ausser hier in Herbetswil haben wir mehr Tiere als im Vorjahr gefunden», sagt Meyer. Worauf das zurückzuführen ist, wissen sie nicht genau. Doch Schwankungen im Bestand seien normal. Um die Anzahl der Tiere in den Thaler Gemeinden zu dokumentieren, bleibt Meyer und Vögeli lediglich ein Zeitfenster von etwa vier Wochen: Das ist die Zeit zwischen der Brut und dem Ausfliegen der Jungvögel. Danach ziehen die Flugjäger wieder weiter in Regionen mit wärmeren Temperaturen und dementsprechend vielen Insekten in der Luft. Landen würden sie nie, sagt Meyer. «Die Flügel sind im Verhältnis zu den Beinen viel zu lang», sagt er. Bis zu 180 Millimeter lang können die Flügel werden. So können die Vögel gar nicht genug hoch abspringen, um vom Boden abzuheben.

Eine Tätigkeit, die viel Wissen voraussetzt

Das Wissen der beiden Beringer über die Tiere ist erstaunlich. Jeden Handgriff erläutern sie mit fundiertem Fachwissen, das sie sich unter anderem an einem Grundkurs über die Anatomie der Tiere und die rechtlichen Grundlagen des Beringens angeeignet haben. So fühlt Vögeli beispielsweise die Brust der Vögel und kann anhand der Struktur erkennen, wie ausgeprägt die Flügelmuskulatur ist. «Von dieser zehren sie auf ihrer Reise», sagt er. Tausende Kilometer bringen die Tiere ohne Halt hinter sich und essen und schlafen im Flug. Nur im Sommer, wenn sie für die Brut in unsere Breitengrade kommen, suchen sie sich einen geeigneten Nistplatz und machen Halt. Vorzugsweise an Gebäuden oder Hausdächern. Und am liebsten dort, wo sie letztes Jahr bereits waren. Die Standorttreue bestätige sich auch bei der Beringung. «Kontrollfänge befinden sich meist in einem Umkreis von rund 15 Kilometern vom Geburtsort», weiss Vögeli. Kontrollfänge seien Vögel, die bereits in den Vorjahren beringt wurden. Dieses Jahr war nur einer der 49 untersuchten Vögel in Herbetswil ein Kontrollfang.

«Unser Ziel ist es, die Entwicklung des Bestandes zu beobachten. Man kann so zum Beispiel frühzeitig feststellen, wenn markante Schwankungen auftreten», erklärt Meyer ihr Projekt. Die gewonnenen Daten zur Belegung der Nistplätze, der Anzahl beringter Vögel und der durchschnittlichen Zahl der Jungen pro Brut liefern sie an die Vogelwarte in Sempach. Die zusätzlich erhobenen Daten wie beispielsweise das Gewicht, könne man vor Ort nicht auswerten, ergänzt er. Dennoch machen es freiwillig, aus Liebe zu den Vögeln. «Vielleicht kann man die Daten ja in Zukunft für eine grösser angelegte Untersuchung verwenden», sagt er zufrieden, während sich die Besucher langsam in Richtung zu Hause bewegen. Auch für Meyer und Vögeli ist Feierabend. Und die Vögel kehren wieder in ihre Nistkästen zurück.