Einige bezeichnen sie als Kunst, andere als Schmierereien. Die Wahrnehmung von Graffitis mag zwar individuell sein, in den meisten Fällen ist das Besprayen von Wänden jedoch sicher eines: illegal. Wegen solchen Graffitis musste sich Pascal L.* am Dienstag vor dem Amtsgericht Thal-Gäu verantworten. «Mehrfache Sachbeschädigung» lautete die Anklage der Staatsanwaltschaft, vertreten durch Staatsanwältin Claudia Scartazzini.

In der Zeit von Januar 2011 bis Januar 2013 soll der Angeklagte in Balsthal, Oensingen, Solothurn und Zuchwil mehrere sogenannte «Tags» an fremdem Eigentum angebracht haben. Bei einigen war Pascal L. geständig, andere stritt er ab. Deshalb wurde Graffiti-Experte Stefan Wagner von der Stadtpolizei Winterthur als Sachverständiger beigezogen.

Kopfgeld-Sprayer vor Gericht

Ein 32-jähriger Graffiti-Sprayer musste heute wegen 85 Beschädigungen vor Gericht. Die Staatsanwältin fordert eine teilbedingte Gefängnisstrafe.

«Tags» als Unterschrift von Sprayern

Die Meinungen des Experten und die Aussagen des Angeklagten gingen teilweise auseinander. Pascal L. gab zu, Mitglied einer Crew gewesen zu sein, innerhalb welcher es normal gewesen sei, teilweise die Tags, also die Unterschrift eines Anderen zu verwenden. Deshalb seien nicht alle dieser Tags von ihm selbst.

Wagner erklärte jedoch, dass die Tags wie die Fingerabdrücke eines Sprayers seien. «Es macht keinen Sinn, den Tag eines Anderen zu benutzen», erklärte er. Damit laufe man nur Gefahr, erwischt zu werden, ernte aber keinen Ruhm.

«Es geht ja auch darum, das Revier zu markieren», führte Staatsanwältin Scartazzini aus. «Das ist keine Kunst. Das sind nichts als schweinische Schmierereien.» Sie warf dem Angeklagten auch vor, mehrere Male seine Aussagen geändert zu haben. Pascal L. nannte als Grund dafür den Ehrenkodex der Sprayer: «Da wird niemand verpfiffen. Ich wollte alles auf mich nehmen, aber es wurde zu viel.»

Auch wenn der Angeklagte nicht alle vorgewiesenen Tags selbst verursachte, habe er sich schuldig gemacht. Dies bestritt Verteidiger Christian Werner nicht, forderte das Gericht aber auf, im Urteil die Einsicht seines Klienten zu berücksichtigen. «Ich weiss, dass ich einen Seich gemacht habe», sagt dieser.

Er habe mit dem Sprayen seither aufgehört. «Ich zeichne nur noch legal bei mir zu Hause.» Sein Klient habe seit geraumer Zeit Arbeit als Dachdecker gefunden und möchte seine Vergangenheit hinter sich lassen. Er zeige Reue und habe eine zweite Chance verdient.

Körperverletzung und Drohung

Ebenfalls wurde Pascal L. der einfachen Körperverletzung mit einhergehender Sachbeschädigung, Drohung und Beschimpfung angeklagt. Am 8. August 2012 habe sich der Angeklagte mit einer Drittperson gestritten. Ein weiterer Mann wollte schlichten, geriet aber selbst unter Beschuss. Durch einen Schubs des Sprayers fiel dieser auf den Bahnsteig und zog sich Verletzungen auf der Nase zu.

Dabei fiel dem vor Gericht als Privatkläger auftretenden Mann das Handy aus der Tasche, wobei das Display beschädigt wurde. Verteidigung und Staatsanwaltschaft stritten sich zwar über den Wert des Handys, der Tathergang wurde jedoch vom Beschuldigten so bestätigt. Er wendete sich direkt an sein damaliges Opfer: «Es tut mir leid, ich wollte Dich nicht verletzen.»

Weiter wurde dem Angeklagten vorgeworfen einem Ex-Freund mit Mord gedroht zu haben. Dieser erschien jedoch nicht vor Gericht und der Angeklagte bestritt, solche ehrverletzende und drohende Aussagen gemacht zu haben.

Forderungen gehen auseinander

Da Pascal L. grösstenteils geständig war, forderte sein Verteidiger eine milde Strafe. Ausserdem seien seit der ersten Einvernahme mehr als fünf Jahre vergangen, was eine Verletzung des Beschleunigungsgebotes darstelle. Der Verteidiger fordert für seinen Klienten eine bedingte Geldstrafe von 13'605 Franken als Schadenersatz für die Graffitis. Die Gerichtskosten sollen anteilsmässig dem Staat auferlegt werden.

Staatsanwältin Scartazzini hingegen forderte eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten, davon mindestens 6 Monate bedingt. Ausserdem forderte sie eine Geldstrafe von 10 Tagessätzen und die Übernahme der Gerichtskosten. Das Urteil wird am 24. November bekannt gegeben.