Mümliswil-Ramiswil
Neues von den Glasern im Guldental – Ausgrabungen im Schelten-Gebiet

Ein Kapitel Industriegeschichte rückt mit der Sanierung der Scheltenstrasse ins Blickfeld. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde im Guldenthal Glas hergestellt. Nun hat man Ausgrabungen gemacht.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Ausgrabungen im Schelten-Gebiet
4 Bilder
Die Aussenmauern des vermutlichen Arbeiterwohnhaus, das am Hang stand.
Für die Sondiergrabung wurden einzelne «Schlitze» geöffnet.
Die Stücke werden minutiös geputzt.

Ausgrabungen im Schelten-Gebiet

Hanspeter Bärtschi

Im Zuge der Sanierung und Verlegung der Scheltenstrasse hat auch die Kantonsarchäologie Solothurn die Chance genutzt und Ausgrabungen im Schelten-Gebiet vorgenommen. Man weiss, dass im Bereich, wo die Strasse das Waldgebiet verlässt und Richtung Passhöhe ansteigt, eine Glashütte stand. Pierre Harb, der Kantonsarchäologe sagt dazu: «Man wusste aufgrund von Dokumenten und des Flurnamens, dass hier in früher Industrieller Form Glasherstellung betrieben wurde.

So ergriffen wir die Gelegenheit der Bauarbeiten und veranlassten Sondiergrabungen, noch bevor die Bauarbeiten dies dann unmöglich machen.» Es sei nämlich vorgesehen, auf der betreffenden kleinen Ebene einen Bauinstallationsplatz einzurichten. Die Grabung habe dann in etwa das zutage gebracht, was man auch erwartet hatte. Doch gab es auch Überraschungen, bestätigt Grabungsleiterin Simone Mayer. «Aufgrund alter Katasterpläne, die wir miteinander verglichen, konnten wir den Standort der Grundmauern der Glashütte feststellen.»

Tatsächlich wurden Grundmauern und Glasöfen zutage gebracht. Man stellte fest, dass die Ausdehnung des Betriebes relativ gross war; 34 Meter breit und 35 Meter in der Länge. Zudem sind viele Produktionsabfälle, Glasscherben, Glasfäden und Ofenfragmente gefunden worden. In einem Gebäude, welches rund 50 Meter entfernt im Hang gelegen sei, habe man Alltagskeramik gefunden. «Wir gehen davon aus, dass es sich um einen Wohntrakt der Arbeiter handelt», sagt Mayer. «Und als Überraschung: Weitere Grundmauerreste in kleinerer Dimension haben so etwas wie einen Keller ans Tageslicht gebracht. Von diesem Gebäude wusste man nichts.»

Alle Fundstücke werden zurzeit in Solothurn gesäubert und untersucht. Es gehe vor allem darum, mehr über die Glasherstellung damals herauszufinden, sagen Mayer und Harb. «Unter welchen Bedingungen die Arbeiten stattfanden und wie diese organisiert waren», zählt die Archäologin auf.

Gresslys im Guldental

Im Guldental ist im späten 18. und 19. Jahrhundert Glas hergestellt worden. Im Heimatbuch über Mümliswil-Ramiswil «Das Guldental» ist einiges über die Glasherstellung am Scheltenpass nachzulesen. Die bekannte Solothurner Glasmacherdynastie Gressly liess hier ganze 71 Jahre lang, zwischen 1777 und 1852, Glas fabrizieren.

Hier fand man alle Rohstoffe, die zur Glasherstellung nötig waren: Holz aus den Wäldern zur Befeuerung der Schmelzöfen, daraus die Pottasche, quarzhaltige Glassande, Kalk und Huppererde zum Bau der feuerfesten Öfen. Zudem konnte die Wasserkraft verschiedener Quellflüsse genutzt werden. Diese Zutaten und das richtige Mischverhältnis davon waren das Geheimnis eines erfolgreichen Glasers. Bis das Gemenge schmolz und man mit dem Glasblasen beginnen konnte, waren Ofentemperaturen von 1500 Grad während 10 bis 12 Stunden notwendig. Gearbeitet wurde bei 1200 Grad.

Vermutlich waren aber die Gressly nicht die ersten Glaser im Guldental. Aus einem Obrigkeitsschreiben von 1558 aus Solothurn an den Vogt von Falkenstein wird Glasern in Ramiswil erlaubt, «auch an schlechten Fyrtagen» nach dem Hochamt arbeiten zu dürfen. In Balsthal waren Glaser bereits um 1440 am Werk. Wegen Holzmangel wurde das Gewerbe im Thal aber aufgegeben. Ab 1585 sind keine Dokumente mehr darüber zu finden. Die Holzvorräte waren aufgebraucht und die Solothurner Regierung gab für Glaser keine Holzschläge mehr frei.

Erst fast 200 Jahre später, anno 1777 wurde im hinteren Guldental wieder eine Glashütte errichtet. Auf die Idee kam zunächst ein verschuldeter Bauer, namens Flück aus Bolken. Dieser wollte seine Schulden mit der Gründung einer Glaserei auf seinem «Berg im Guldental» tilgen. Zur Unterstützung holte er den Spross der damals schon bekannten Glasmacher-Dynastie Gressly, den aus dem Burgund stammenden Stephan Gressly ins Guldental. 1778 bewilligte die Solothurner Regierung diese Gründung, machte aber zur Auflage, dass nur Einheimische als Arbeiter einzustellen seien.

Schon ein paar Jahre später wurde das Holz knapp, trotzdem ersuchte Gressly, der mittlerweile alleine arbeitete, den Regierungsrat 1803 um eine Verlängerung der Konzession um 6 Jahre. 1806 starb er und seine Witwe Theresia übernahm den Betrieb. Sie verlangte 1810 nochmals die Verlängerung der Konzession um weitere 20 Jahre. Die Familie Gressly hat es über all die Jahre immer verstanden, mittels Holz- und Waldkäufen, Holzschlägen oder Zugrechte für Holzfuhren über genügend Holz für die Glasfabrikation zu verfügen. Mitte des 19. Jahrhunderts besassen sie 32 Wälder im Jura mit einem damals geschätzten Wert von 142000 Franken.

Sommer- und Winterbetrieb

Da das Holz im Guldental nicht ewig ausreichen würde, beschlossen die Gressly schon 1783, in Bärschwil ebenfalls Glasöfen einzurichten. So konnte eine Schonung der Wälder im Guldental erreicht werden. Man geht davon aus, dass im Sommer im Guldental gearbeitet wurde, danach wechselte die gesamte Belegschaft, rund 80 Personen, nach Bärschwil zur Winterproduktion. Im Frühling ging es dann wieder zurück ins Guldental.

Während der jeweiligen Abwesenheit der Glaser, rissen die Hafner die alten Öfen ab und bauten Neue auf, sodass diese wieder bereit waren, wenn die Glaser zurückkamen. In den 1850er Jahren kam es zu Qualitätsfehlern im Tafelglas. Auch gab es Billigkonkurrenz aus Belgien, Frankreich und Deutschland. 1852 wurde im Guldental zum letzten Mal Glas produziert. 1854 mietete der Besitzer der Glashütte Moutier die Gebäude am Scheltenpass. Doch er hatte nur Interesse an den Öfen und an feuerfesten Steinen. Diese wurden abtransportiert und der Rest der Gebäude dem Verfall überlassen...

Kantonsarchäologe Pierre Harb sagt, dass kürzlich auch Grabungen in Gänsbrunnen zu noch älteren Glasproduktionsstätten stattgefunden haben. Hier gab es ebenfalls interessante und bisher unbekannte Erkenntnisse.