Seit drei Monaten ist Richard Bolli neuer Leiter Naturpark Thal. Der promovierte Botaniker hat als Lehrer und Exkursionsleiter gearbeitet, in der Qualitätskontrolle für Pflanzenarzneimittel und als Leiter in einem Biolandbau-Projekt in Brasilien. Bolli ist zertifizierter Fundraiser und arbeitete zuletzt bei Swissmedic. Zu Hause ist er in Tscheppach, wo er mit seiner Frau zusammen einen Obstgarten aufbaut. Die Erwartungen sind hoch an den neuen Leiter, hat doch sein Vorgänger den Posten nach einem knappen Jahr wieder verlassen.

Richard Bolli, wie haben Sie den Einstieg erlebt?

Richard Bolli: Der Start war fulminant. Sechzehn Projekte sind gleichzeitig am Laufen. Das Budget 2014 war zu erstellen. Und es sind sehr viele neue Leute auf mich zugekommen. Mit Wünschen und Ansprüchen, und um mich in ihr Netzwerk aufzunehmen.

Sie waren auf nationaler und internationaler Ebene tätig. Was hat Sie bewogen, ins Thal zu kommen?

Aus jedem Abschnitt meines Berufslebens im In- und Ausland bringe ich Erfahrungen mit, die ich hier verbinden kann zu einem Ganzen. Diese Synthese gefällt mir. Ich betone aber, dass das in jeder Hinsicht vielfältige und reichhaltige Thal alles andere ist als eine «kleine Welt». Den Naturpark empfinde ich als ein Gesamtkunstwerk, in dem die gesellschaftlichen und die wirtschaftlichen Herausforderungen zusammen mit den Fragen der natürlichen Ressourcen betrachtet, also mit den Themen Natur und Landschaft verknüpft werden.

Von einem Gesamtkunstwerk sieht man bis jetzt nur einzelne Punkte. Es scheint, die Thaler seien nach der ersten Euphorie ernüchtert.

Der Naturpark Thal wurde 2009 mit sehr viel Schwung und Enthusiasmus gestartet. Er gehörte zu den ersten in der Schweiz und hat das Label «Regionaler Naturpark von nationaler Bedeutung» als allererster Park im ordentlichen Bewerbungsverfahren erhalten. Wir stehen jetzt im fünften Jahr. Das ist keine lange Zeit für ein solches Projekt. Ich sehe auch bei anderen Naturparkprojekten, dass sie sich auf und ab bewegen. Aber es ist klar, wir hören es nicht gern, wenn gesagt wird: «Der Naturpark macht dies, unterlässt jenes, bewirkt wenig.» Wir wünschen uns die Stimmen, die sagen: «Wir machen mit, wir sind der Naturpark».

Wie gehen Sie dies konkret an?

Wir wollen uns nicht an Ideen und Projekten festklammern, die man vor vier Jahren festgelegt hat. Es wird eine zentrale Aufgabe für mich sein, zu den Leuten zu gehen, zu den Vereinen und Interessengruppen, zu den Firmen und zum Gewerbe, die das lebendige Thal schon jetzt ausmachen, und sie für Projekte ins Boot holen, die auch ihre sind. Der Naturpark muss sich mit den bestehenden Kräften und Initiativen im Thal verbinden und so eine Resonanz bekommen in der Bevölkerung. Die ersten Kontakte, die ich knüpfen konnte, sind vielversprechend.

Gibt es schon Pläne?

Im Kopf habe ich schon ganz viele Ideen. In der Pflicht ist auch der Vorstand Region Thal als strategisches Organ des Naturparks. Für die zweite Hälfte der Chartaperiode, die von 2009 bis 2019 dauert, müssen wir die neue Leistungsvereinbarung 2016-2019 gemeinsam erarbeiten. Da geht es um Ziele und Visionen: Wohin steuert der Naturpark, welche Programme gehören dazu, was wollen wir erreichen? Daran beginnen wir im nächsten Monat intensiv zu arbeiten zusammen mit dem neuen Vorstand.

Das tönt positiv. Gab es denn keine Vorbehalte?

Doch, es ist viel und auch starke Kritik vorhanden. Ich höre auch viel aus den Dörfern. Wobei ich versuche, dies als positives Mitdenken zu bewerten. Wir wissen im Naturparkteam, dass es Korrekturen braucht.

Was wird kritisiert?

Der Naturpark habe viele Projekte, die übers Thal hinausstrahlen, aber dem Thal und den Thalern nichts bringt. Wir hören: «Es fliesst viel Geld in die Projekte, aber nicht zu uns.» Das zeigt mir, dass wir erklären müssen, was wir tun und welche Mittel wir wo einsetzen. Und wir müssen die Resultate überprüfen und zeigen, was wir erreicht haben.

Was hätte anders laufen müssen?

Soweit ich es beurteilen kann, haben wir bisher kaum darüber gesprochen, was alles hinter den Kulissen des Naturparks läuft. Ein Beispiel: Neben den Geldern von Bund und Kanton beschaffen wir auch Drittmittel, um Projekte zu verwirklichen. Etwa für die Vogelberingungsstation Subigerberg. Da haben wir auf der Einnahmenseite dank zusätzlichen Stiftungsgeldern aus einem Bundesfranken mehr als zwei Franken gemacht. Auch die Trockenmauer auf dem Probstenberg mit einem Naturpark-Gastropartner in unmittelbarer Nähe konnte dank Drittmitteln verwirklicht werden.

Darüber haben wir aber ausführlich berichtet.

Ja, und das wissen wir auch zu schätzen. Aber diese Projekte sind halt weit hinten im Thal und nicht auf den ersten Blick sichtbar. Sie bringen nicht sofort einen Nutzen, haben aber viel Aufbauarbeit gekostet. Diese Infrastrukturen sind nun vorhanden und die gilt es zu bewirtschaften. Die Fragen aus der Bevölkerung, was das bringt, werden wir in den nächsten zwei Jahren beantworten, indem wir mit diesen Infrastrukturen arbeiten und Mehrwert generieren.

Wie soll sich der Naturpark in Bezug auf Tourismus entwickeln?

Wir fragen uns: Was tut eine Region, die nicht ein klassisches Tourismusgebiet sein kann? Das Thal hat Potenzial im Bereich Tagestourismus und Freizeit. Wanderer, Biker, Reiter, Gleitschirmflieger, Felsenkletterer, auch Ornithologen, Pilzsucher und Jäger, - alle nehmen den Naturraum auf ihre Art in Anspruch. Und nicht alle sehen das positiv. Hier ist es Aufgabe des Naturparks, diese verschiedenen Interessen auszubalancieren. Wir wollen alle Gruppen an einen Tisch bringen, damit wir Nutzungskonflikte vermeiden können.

Wie könnte das geschehen?

Wir werden nicht um eine Entflechtung herumkommen und stellen hier auf den Goodwill aller ab. Vielen ist nicht bewusst: In einem Naturpark werden keine neuen Regeln geschrieben oder zusätzliche Vorschriften gemacht. Es kann und soll deshalb Gebiete geben, in denen zum Beispiel Pferdefreunde ihre Routen bereiten können und Mountainbiker tolle Abfahrten finden. Auch die Frage der Parkplätze muss angeschaut werden.

Das sind klare Vorstellungen. Wie steht es mit diesen bei der Führung des Naturparks? Gegen aussen scheint nicht klar, ob der Naturparkleiter oder der Verein Region Thal das Sagen hat.

Die Kritik ist mir bekannt. Die Organisation wird als zu komplex wahrgenommen. Dass hier Strukturen bereinigt werden, ist auch der Wunsch des Vorstandes Region Thal, und in diesem Gremium hat man sich diesbezüglich auch bereits Gedanken gemacht. Es ist ein Prozess, der auf der strategischen Ebene stattfinden muss. Es muss klar sein, redet nun der Naturpark oder der Verein Region Thal.

Wurde schon etwas unternommen?

Ja, man hat vor einem Jahr eine neue Struktur geschaffen mit einem Dach, und dieses heisst Verein Region Thal. Der Naturpark ist keine Rechtspersönlichkeit, sondern ein Bereich, man könnte auch sagen ein Programm, innerhalb des Vereins Region Thal. Wir haben bei Region Thal drei Bereiche: Regionalentwicklung, Naturpark und Nachhaltigkeit, die unter diesem Dach vereint, stark verflochten sind und miteinander am selben Strick ziehen.

Dazu gehört ein starkes Mitarbeiterteam. Wie steht es damit?

Wir haben ein fachkundiges und sehr engagiertes Team. Ziel ist Konstanz, das heisst ein Team, das über einige Jahre gemeinsam die meist mehrjährigen Projekte aufbauen und betreuen kann. Das Team muss man im Thal kennen, damit die Zusammenarbeit greift, dass die Leute wissen, an wen sie sich wenden können. Es ist alles andere als optimal, wenn man innert kurzer Zeit drei Naturparkleiter erlebt. Da hoffe ich doch sehr, dass das nicht so weitergehen wird.

Nochmals zu den Zuständigkeiten: Wie sind diese nun geregelt?

Im Rahmen von Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement müssen wir nach den Vorgaben der Schweizer Pärke und des Bundes vorgehen. Das heisst, die Zuständigkeiten unter dem erwähnten Dach Verein Region Thal und innerhalb des Bereichs Naturpark müssen klar sein, und wo sie es noch nicht sind, geklärt werden. Das werden wir mit dem neuen Vorstand im kommenden Jahr intensiv angehen. Näheres kann ich dazu noch nicht sagen.

Wann rechnen Sie mit Resultaten?

Die Strategiediskussionen im Rahmen der Erneuerung der Leistungsvereinbarung, die wir bereits angesprochen haben, sind in der ersten Jahreshälfte angesiedelt. Die beantragten Schwerpunkte und Programme werden von Bund und Kanton im 2015 geprüft. Die Resultate greifen ab 2016. Da einige Aktivitäten die alte als auch die neue Leistungsvereinbarung betreffen, werden wir bereits im kommenden Jahr an Veränderungen arbeiten und diese einleiten.

Sie stehen vor einem grossen Aufgabenpaket. Wie ist Ihre Prognose?

Ich konnte viele Kontakte knüpfen und konstruktive Gespräche führen mit Vertretern von Gastgewerbe, Handwerk, Industrie und Gemeinden. Ich spüre eine Aufbruchsstimmung, habe initiative Menschen treffen dürfen. Dass diese Stimmen mehr und stärker werden, das wünsche ich mir. Das Thal hat ein grosses Potenzial, es schöpft aus der Verbindung von Tradition und Moderne. Wir gehen mit dem Naturpark Thal in eine ganz spannende und dynamische Zeit.