Die gesamte Parzelle verkaufen? Nur die bestehenden Gebäude an einen Investoren abtreten und das freiliegende Areal behalten? Die simple Ausgangslage vor der ausserordentlichen Gemeindeversammlung am Montagabend war nach dem Kaufangebot des Oensingers Othmar Hofstetter acht Tage vor der Versammlung unerwartet komplex.

Ursprünglich hätten die Anwesenden nur bestimmen sollen, ob sie das grosszügige Grundstück mit der historischen Häuserzeile an der Hauptstrasse an Zürcher Investoren verkaufen wollen. Ein Kaufangebot des einheimischen Investors Hofstetter sorgte in letzter Minute für eine neue Dynamik und verlangte vom Gemeinderat «geistige Flexibilität», wie Gemeindepräsident Fabian Gloor am Montagabend sagte.

Über das Wochenende hatte Oensingens Exekutive ihre Antragsliste auf den Kopf gestellt. Der neue Plan: Ein Gremium aus der Mitte der Gemeindeversammlung soll in den kommenden Monaten den bestmöglichen Käufer ausmachen. «Unsere Ausgangslage ist nicht schlechter, sondern viel besser geworden», sagte Gloor. Nichtstun sei im Unterdorf eine schlechte Option. «Wenn wir das machen, entsteht eine verfallende Brache.»

Ja zum Verkauf, aber...

Auch Gloors grosser Gegenspieler Kuno Blaser, der sich unermüdlich für den Erhalt des Unterdorfs eingesetzt hatte, stellte den Verkauf der Häuserzeile nie infrage. Dennoch setzte Blaser zu einer flammenden Rede an, um die Oensinger im gut besetzten Bienken-Saal dafür zu gewinnen, die Überbauung auf dem grossen Areal hinter der Hauptstrasse zu verhindern. Entgegen den Vorschriften sprach Blaser zunächst aus der Saalmitte ohne Mikrofon und wurde von den Anwesenden zurechtgewiesen.

Über die Lautsprecher machte er zum wiederholten Mal auf den Bauboom aufmerksam, dem Oensingen ausgesetzt sei. Wer den leichten Einwohnerzahlrückgang im vergangenen Jahr als Massstab nehme, messe den Puls in der Halbzeitpause, sagte Blaser. «Was in der ersten Halbzeit passiert ist, sehen wir im Dorf und jetzt kommt die zweite Halbzeit.» Die Bauprofile – «der Stangenwald» – im Leuenfeld würde die Fortsetzung des Wachstums ankündigen, so Blaser. Er stellte den Antrag, nur das Grundstück der bestehenden Gebäude an Investoren zu verkaufen und die unbebaute Fläche der Gemeinde zu belassen.

Die Gemeindeversammlung bevorzugte Blasers Variante gegenüber jener des Gemeinderates. Sie hätte nach wie vor den Verkauf der gesamten Parzelle (ohne Schulhaus Unterdorf) offengelassen. Statt den knapp 4700 Quadratmetern will die Gemeinde also nur einen Teil des Grundstücks verkaufen. Die Gemeinde wird durch den Verkauf kaum den anvisierten Zustupf von 2,7 Millionen Franken erreichen. Dieser Ertrag wäre beim Verkauf der gesamten Fläche für 580 Franken pro Quadratmeter zustande gekommen.

Ob die Zürcher Investoren unter diesen Bedingungen ihr Interesse zurückziehen? Ein Vertreter der Nüesch Development AG sagt auf Anfrage, es sei zu früh für eine Einschätzung. Die neue Situation ergebe «hundert offene Fragen». Kuno Blaser war nach der Gemeindeversammlung sichtlich gelöst und sagte: «Ich bin überzeugt, dass die Liegenschaften nun an Herrn Hofstetter gehen werden.» Der Oensinger Investor selbst hatte vor einer Woche gegenüber dieser Zeitung gesagt: «Am liebsten würde ich nur die Liegenschaften kaufen.» Dank Blaser sind für ihn die idealen Bedingungen geschaffen.

Wie gross das Grundstück sein wird, das die Gemeinde verkaufen soll, muss ein 13-köpfiges Gremium bestimmen. Der Gemeinderat hatte eine 7 Personen umfassende Arbeitsgruppe vorgeschlagen. Jedoch sprachen sich die Oensinger auf Antrag von Ursula Meise für ein grösseres Gremium aus. Gleich 15 Anwesende wollten denn auch an der Zukunft des Unterdorfs mitwirken. Aufgrund der neuen Ausgangslage dürfte der Prozess länger dauern. «Ich gehe davon aus, dass wir an der Gemeindeversammlung im Juni keinen Entscheid fällen können», sagt Gemeindepräsident Gloor.