Fremdenfeindlich
«Negritis» an der Fasnacht: Clique sorgt mit Flugblatt für Empörung

«Ihr effizienter Partner für eine saubere Schweiz»: Ein fremdenfeindliches Flugblatt im Solothurnischen ist mehr als geschmacklos. Wo liegt die Grenze des närrischen Humors?

Sven Altermatt
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Dieser Flyer wurde an der Fasnacht in Mümliswil verteilt.

Dieser Flyer wurde an der Fasnacht in Mümliswil verteilt.

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Es ist ein Satz, der nicht nur bei Verfechtern des ehrlichen Wortes beliebt ist: «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.» An der Fasnacht ist dieses Credo erst recht nicht wegzudenken. Das närrische Treiben bietet eine Ventilfunktion, um auf Sorgen der Bevölkerung hinzuweisen. Die Übergänge zwischen beissender Satire, banaler Geschmacklosigkeit und blanker Diskriminierung sind oft fliessend.

Aber wo hat der Humor seine Grenze? Ein aktueller Fall aus dem solothurnischen Mümliswil zeigt, wie mancherorts die Hemmschwelle gesunken ist, sich öffentlich gegen die Menschenwürde zu äussern. Am Wochenende sorgte hier das Flugblatt einer Clique für Empörung. Junge Männer zogen maskiert und als Putzmänner verkleidet durch die Fasnachtshochburg im Guldental. Die Gruppe nannte sich «Spastrim-Clean», Zeugen zufolge zählte sie sechs bis acht Mitglieder.

Das Motto der Clique: «Ihr effizienter Partner für eine saubere Schweiz.» Was das heisst, verdeutlicht der Flyer, den die Mitglieder vor den Fasnachtslokalen verteilten. Auf dem Papier ist die Rede von «Hauptkrankheiten»: «Syritis» etwa sei «häufig in Booten» anzutreffen, und «wegen Stacheldraht» seien die Kleider der Betroffenen meist zerschnitten. «Gefahren: Wollen Geld für ihre Anwesenheit.» Derweil sei «Negritis» («sehr grosser Lümmel») gefährlich, «da in der Nacht unsichtbar». Was tun dagegen? «Spastrim-Clean» verspricht Abhilfe: «Falls Sie so ein Exemplar sichten, bitte sofort bei uns melden.»

Verurteilung wegen Fasnachtsblatt

Das Guldentaler Fasnachtskomitee (GFK) organisiert die Feierlichkeiten im Mümliswil. Auf Anfrage der «Nordwestschweiz» betonen die Verantwortlichen: Man habe von der Verteilung des Flugblattes nichts mitbekommen, hätte die Aktion aber nicht toleriert. Zu den Urhebern ist dem GFK nichts bekannt.

Es gehört zur Fasnacht, mit Klischees zu spielen. Stereotype Kostüme haben Tradition. Verkleidungen im Stil von vermeintlich exotischen Völkern sind oft harmlos und zeugen eher von Fantasielosigkeit. Xenophobe Parolen wie auf den Flugblättern in Mümliswil gehen aus Sicht von Fachleuten allerdings zu weit.

Für Dominic Pugatsch von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus ist klar: «Eine gewisse Narrenfreiheit besteht. Eine solche Aktion aber ist geschmacklos und hässlich.» Die Fasnacht biete vielen ein Ventil, um ein Unbehagen auszudrücken. Aber dieses dürfe man nicht ausnützen, um Menschen zu diffamieren. Erst recht nicht, weil das Flugblatt «alte und dumpfe Klischees» bediene.

Felix Rudolf von Rohr hat sich wohl wie kein zweiter in der Schweiz mit der Narrenfreiheit und ihren Schranken beschäftigt. Der ehemalige Obmann des Fasnachts-Comités in Basel sagt, plumpe Beleidigungen und primitive Witze seien verpönt. Die Kernaufgabe der Fasnacht sei die Hofnarren-Rolle: «Sie muss auf politische Entwicklungen reagieren, persiflieren und den Spiegel vorhalten.»

Rassismus ist auch an der Fasnacht tabu. Zu diesem Schluss kam im Jahr 2003 das Baselbieter Strafgericht, als es die Macher einer Fasnachtszeitung wegen Verletzung der Anti-Rassismus-Strafnorm verurteilte. Über Asylsuchende war darin unter anderem zu lesen, sie kämen aus dem Dschungel. Der Text verletze so die Menschenwürde, fanden die Richter. Ein wegweisendes Urteil für Fasnächtler im ganzen Land.

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