Treibjagd
Naturerlebnis und Beutemachen

Wir waren mit Jägern unterwegs auf einer Treibjagd im Revier Gäu. Eine solche ist gar nicht so einfach wie es zunächst den Anschein hat.

Roland Büttiker
Merken
Drucken
Teilen
Jagdleiter Stefan Probst (2.v.l.) ist für den gesamten Jagdbetrieb verantwortlich.

Jagdleiter Stefan Probst (2.v.l.) ist für den gesamten Jagdbetrieb verantwortlich.

Roland Büttiker

Die Uhr zeigt Punkt 8 Uhr. Um diese Zeit ist Jagdbeginn im Revier Gäu. Jagdbeginn heisst vorerst einmal, dass sich alle aufstellen. Die Flintenträgerin, Flintenträger bilden eine Reihe, und die acht Treiber haben sich gegenüber aufgestellt. Dann spielen die vier Jagdhornbläser das Begrüssungssignal. Präsident Otto Mühle begrüsst die Jagdkameraden kurz und gibt dann das Wort ab an den Jagdleiter Stefan Probst, der für den gesamten Jagdbetrieb verantwortlich ist.

Jagdethik

Die Treibjagd ist eine Form der Gesellschaftsjagd und wird vor allem auf Niederwild gemacht, Wildschweine werden jedoch auch geschossen. Zum Niederwild zählen: Reh, Rotfuchs, Hase, Dachs und Federwild (z. B. Fasan und Eichelhäher). Ziel der Treibjagd ist es, den Wildbestand auf eine optimale und dem Biotop angepasste Dichte zu reduzieren.

Sicherheit grossgeschrieben

Es ist der erste von insgesamt acht Jagdtagen 2016. Deshalb nimmt sich Stefan Probst etwas mehr Zeit als sonst, um den Ablauf der Jagd zu erläutern. Vor allem die Sicherheit ist dem Jagdleiter berechtigterweise sehr wichtig.

Er erklärt: «Jeder Jäger und Treiber trägt im Minimum eine Warnweste. Die Flinte ist, ausser auf dem Stand (Ort, an dem der Jäger auf das Wild wartet) gebrochen zu tragen. Auf die Schussdistanz sei zu achten. Und: «Vor Schussabgabe bitte überprüfen, ob sich kein Treiber, Wanderer, Hund in der Nähe befindet.»

Jeder Waffenträger sei schlussendlich für seinen Schuss selber verantwortlich. Diese Anweisungen des Jagdleiters sind strikte zu befolgen, da es bei der Sicherheit kein «Wenn und Aber» gibt. Der Jagdleiter erklärte weiter: «Geschossen werden Reh, Fuchs und Dachs sowie Wildschwein nach den gesetzlichen Vorgaben. Geschont werden Feldhase, Flugwild.» Übrigens: Im Revier Gäu wurde 1990 der letzte Feldhase geschossen. Seither wird er verschont.

Nachdem die Bläser das Jagdhornsignal «Aufbruch zur Jagd» gespielt haben, geht es gut 20 Minuten zu Fuss ins Gebiet Stierenban in Gunzgen. Die Jäger werden ihren Ständen zugeteilt, machen sich bereit und warten. Am Anfang des Triebes befinden sich die Treiber mit den Jagdhunden der Jäger auf einer Reihe verteilt.

Nun erfolgt der Start der Treibjagd mit einem langen Hornstoss des Jagdleiters. Danach gibt jeder Jäger ebenfalls einen Hornstoss ab. So weiss man, wo die Jäger sich etwa befinden. Die Treiberkette startet, die Hunde werden nach etwa 20 Metern losgelassen.

Das erste Reh nach 20 Minuten

Es dauerte etwa 20 Minuten, dann fällt ein einzelner Schuss. Mit drei Hornstössen gibt der Schütze das Signal, dass ein Reh liegt. Nach dem Trieb versammelt Jagdleiter Stefan Probst alle Jäger und Treiber zu sich und fragt jeden Waffenträger, was er gesehen hat. Ein Jäger konnte ein Rehkitz erlegen.

Er notiert sich alles, was berichtet wird. Ebenfalls wird akribisch eine Zählung der Schüsse gemacht, wenn mehrere fallen. Es folgte noch ein weiterer Trieb (Stierenban Ost), bei dem eine Geiss erlegt werden konnte. Danach ist der Vormittag vorbei und alle Beteiligten treffen sich zum Mittagsaser (Mittagessen). Am offenen Feuer wird gebrätelt und dazu viel diskutiert.

Am Nachmittag werden noch zwei weitere Triebe, die nach dem gleichen Schema ablaufen, durchgeführt. Dabei wird noch ein Bock erlegt. Somit besteht die Beute an diesem Tag aus drei Rehen.

Abnehmer der Rehe ist übrigens die Metzgerei Gebrüder Mühle, welche die Tiere am anderen Tag verarbeitet und das zarte Muskelfleisch in ihren Filialen in Aarburg und Härkingen verkauft. Die Metzgerei verarbeitet ebenfalls die Rehe der Jagdgesellschaften St. Peter Kestenholz und St. Stephan Wolfwil.

Verabschiedung der Tiere

Traditionsgemäss wird am Ende der Jagd die Strecke gelegt. Das heisst, die Tiere werden sorgfältig auf Tannenäste am Boden gelegt, wobei die männlichen Rehe zuerst kommen, danach die weiblichen Tiere. Mit dem Jagdhornsignal «Rehtod» werden sie verabschiedet. Aufgrund der heutigen Hygienevorschriften weicht die Jagdgesellschaft Gäu von dieser Tradition etwas ab und hängt die Tiere auf, um Kontaminierungen vom Boden zu vermeiden.

Danach rekapituliert der Jagdleiter noch einmal den Tag. Stefan Probst erklärt: «Mein Dank geht an alle Flintenträger für ihr diszipliniertes Verhalten. Ich bin sehr erfreut, dass für die erlegten Tiere jeweils nur ein Schuss genügte.» Danach wird den Schützen der Schützenbruch ausgehändigt. Das ist wiederum ein Brauchtum.

Den Schluss bilden wiederum die Jagdhornbläser, die mit dem Signal den «Aser», den geselligen Teil der Jagd, einleiten. Alle Anwesenden treffen sich ums offene Feuer und pflegen die Kameradschaft.

Eine Treibjagd ohne Jagdhunde ist nicht denkbar. Für diese Arbeit nützt der Jäger die feine Nase und die Jagdpassion seines Jagdhelfers. Stöberhunde gehen in den dichtesten Unterwuchs und jagen die Wildtiere heraus. Für das Nachsuchen werden Schweisshunde eingesetzt. Ihre hohe Intelligenz, ihre Reaktionsschnelligkeit, Laufgeschwindigkeit und Wendigkeit sind in der Kombination mit ihrem ausgeprägten Jagdinstinkt und ihrer geringen Körpergrösse die idealen Voraussetzungen, um beim Aufstöbern und Jagen erfolgreich zu sein.

Breites Wissen nötig

Jagdethik und Jagdmoral sind oft gebrauchte Begriffe. Zusammengefasst kann man Jagdethik und Jagdmoral auf eine Frage fokussieren: «Wie jagen wir?» Mit dem Wie können die Jäger das Warum legitimieren. Denn das Naturerlebnis und das Beutemachen sind nur dann berechtigt, wenn die Jäger mit dem entsprechenden Respekt vor dem Wild und der Schöpfung jagen.

Eine Herbstjagd ist komplex. Um Unfälle zu vermeiden, muss der Jäger Disziplin zeigen, Waffenkenntnisse haben, Übung mit dem Umgang der Waffe haben, die Umwelt kennen, die Tierarten kennen und das Jagdgesetz verinnerlicht haben. Vom Gesetz wird beispielsweise geregelt, welches die jagdbaren Wildarten sind oder was für Waffen und Munition zum Einsatz gelangen müssen.

Roland Büttiker ist Medienbeauftragter des Hegerings Olten-Gösgen-Gäu.