Oensingen
Nach vier Generationen soll es im «Gasthof Rössli» einen Wechsel geben

Der Gasthof Rössli in Oensingen wird für 1,95 Millionen Franken verkauft. Dazu gehört auch die Grundstücksfläche von 1800 Quadratmeter.

Myriam Sperisen
Drucken
Teilen
Der Gasthof Rössli in Oensingen steht nach vier Baumgartner-Generationen zum Verkauf. Die Besitzer hüllen sich in Schweigen.

Der Gasthof Rössli in Oensingen steht nach vier Baumgartner-Generationen zum Verkauf. Die Besitzer hüllen sich in Schweigen.

Bruno Kissling

Für 1,95 Mio. Franken steht der Gasthof Rössli an der Oltnerstrasse 1 in Oensingen samt der Grundstücksfläche von 1800 m2 zum Verkauf. Laut einem Inserat des Anbieters Homegate ist die Liegenschaft ab 1. Juli des laufenden Jahres verfügbar. Der Beschrieb lautet: «Im grössten Dorf des Gäu, mit knapp 6500 Einwohnern, ist dieser schöne Gasthof zu verkaufen.» Weiter ist zu vernehmen, was der regelmässige Gast weiss.

Dass das «Rössli» im Erdgeschoss über 55 Sitzplätze verfügt und auf der gedeckten Terrasse über 35 Plätze. Insgesamt ist die Rede von rund 200 Sitzplätzen, rechnet man die erwähnten Säle dazu. Hinzu kommen noch einmal 200 Plätze, denn im Obergeschoss des Nord-Anbaus befindet sich ein weiterer Saal. Diese Säle werden sehr gerne gebucht, etwa von Vereinen oder für Feste, aber auch regelmässig für die Delegierten- und Parteiversversammlungen diverser Kantonalparteien. Ein klarer Standortvorteil. Allgemein ist bekannt, dass nebst dem guten Service auch die zentrale Lage ein Argument ist.

Ideen für Umbau

Aber das «Rössli» hat noch mehr zu bieten. Zum Beispiel die zwei Kegelbahnen und eine 4,5-Zimmer-Wohnung, «ohne Küche», wie dem Inserat zu entnehmen ist. Zudem finden sich Angaben über die Parkplatzsituation und die vorteilhafte Verkehrslage. Und natürlich werden auch die Bar und der Gewölbekeller erwähnt.

Bebildert ist das Online-Inserat mit einem Foto des Gebäudes und einem Situationsplan. Zudem bestehen bereits Pläne für zwei Ausbauvarianten, genannt «Variante Hotel» und «Variante Kleinwohnungen». Der Leser wird im Inserat mit dem Vermerk «Ideen für Ausbaupläne finden Sie in der Fotogalerie», darauf gelenkt.

Nachgefragt bei Bruno Dubach

Doch was ist der Grund für den Rössli-Verkauf? Und warum bestehen bereits Ideen und sogar Pläne für einen allfälligen Umbau? Von den Besitzern ist nicht viel zu erfahren: «Wozu müssen Sie das wissen? Wir sagen jetzt nichts», meinte Stefan Baumgartner bereits vor ein paar Wochen auf telefonische Anfrage leicht genervt. Baumgartner erklärt dies heute so: «Ich konnte damals die Fragen nicht beantworten, weil ich in den Verkaufsverhandlungen mit Bruno Dubach stand.»

«Rössli» in Oensingen gehört nicht mehr Stefan Baumgartner

Stefan Baumgartner war einmal Eigentümer dieser Liegenschaft. Der Gasthof Rössli befindet sich mittlerweile im Besitz der am 2. November 2018 gegründeten Rössli Immobilien AG Oensingen mit dem Verwaltungsratspräsidenten Bruno Dubach an der Spitze. Stefan Baumgartner gehört dieser Gesellschaft nicht an.

Nachgefragt bei Bruno Dubach, der im Immobilien-Inserat als Referenz unter dem Titel Rössli Immobilien angegeben wird, tönt es ähnlich. Zwar bestätigt er das Vorgehen grundsätzlich, aber er habe gerade Ferien. «Ich will mich nicht dazu äussern», so Dubach. Mehr sagte der Oensinger Garagist nicht.

Nach der vierten Generation in den Händen der Familie Baumgartner hat diese «Rössli»-Ära nun also ein Ende.

Die Liegenschaft ist laut Angaben in einem sehr guten Zustand. Es ist bekannt, dass Baumgartner stets viel Wert auf Qualität und Werterhalt legt, und dies nicht nur als Gastgeber. Im Jahr 2016 fanden rund drei Monate lang Renovationsarbeiten statt. Die Fassade und die Terrasse wurden erneuert, beziehungsweise modernisiert. Stolz meinte Baumgartner damals gegenüber dieser Zeitung, dass er Wert darauf lege, dass der Charakter des Hauses erhalten bleibe. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert und wurde anno 1423 erstmals urkundlich erwähnt.

Die längste Wirte-Tradition

Der Gasthof Rössli hat eine bewegte Geschichte und wurde im Jahr 1423 erstmals urkundlich erwähnt. Aufgrund der guten Verkehrslage wurde Im Jahr 1678 der Markt in Oensingen eingeführt. In der Oensinger Chronik «1050 Oensingen» (2018) wird eine weitere Amtshandlung im Zusammenhang mit dem Gasthof geschildert, die bereits mehrere hundert Jahre her ist: Anno 1693 wechselte die damalige Taverne im Zuge eines Tauschhandels ihre Besitzer. Wenig später kaufte die Familie Pfluger den Gasthof. Ein paar Jahre darauf wurde der Wirt Johann Jost Pfluger laut Recherchen des «1050 Jahre Oensingen»-Teams, aufgrund diverser Verstösse in Verwahrung genommen. Unter anderem lautete der Vorwurf auf Trunkenheit. Im Jahr 1776 sei das «Rössli» versteigert worden, der Weibel Urs Josef Baumgartner habe am meisten geboten. Doch auch er hatte diverse Probleme zu überwinden, bevor ihm dann von der Obrigkeit befohlen wurde, er solle sich gefälligst entscheiden: Entweder für das Amt als Weibel oder für jenes als Wirt.

Die Chronisten wissen: Baumgartner entschied sich für das Wirten. Um 1800 übernahm Josef Studer die Gaststätte, er war der Schwiegersohn des ehemaligen Weibels. Fast hundert Jahre lang lief es offenbar ohne grössere Zwischenfälle ab, zumal die Chronisten im genannten Buch keine Auffälligkeiten schildern, bis schliesslich anno 1891 Albert Baumgartner das Rössli kaufte. Das Besondere daran: Seither ist die Gaststätte ununterbrochen im Besitz der Familie Baumgartner. Kein anderes Gasthaus in Oensingen könne eine so lange Wirte-Tradition vorweisen, so die Chronisten. Das «Rössli» ist auch für seine Säle bekannt. Als 1937 ein Saal mit Bühne gebaut wurde, zog das Geschäft weiter an. In einer Zeit, als es noch keinen Fernseher, geschweige denn Handys gab, erfüllte die Gaststätte eine weitere wichtige Aufgabe. Die Chronisten von «1050 Oensingen» fanden als Beispiel eine Fotografie einer Aufführung des Stadttheaters Solothurn, als im «Rössli» 1950 die Operette «Hänsel und Gretel» aufgeführt wurde. Das «Rössli» zählt zu den Gebäuden, das von der Gemeinde Oensingen als erhaltenswert eingestuft wird. Ebenfalls von langer Tradition sind in Oensingen das Hotel Kreuz, das Restaurant Bad Klus sowie das Bergrestaurant Roggen. (my)

Aktuelle Nachrichten