Eine uralte Schreibmaschine stand auf Marcel Hubers Pult, als er am 1. August 1984 seine Arbeit als Amtschreiber für Thal und Gäu aufnahm. Dieser Tage ging eine super EDV-Anlage in Betrieb. Das ist nur ein Beispiel für die vielen massiven Veränderungen, die Marcel Huber in den letzten dreissig Jahren mitgemacht hat. Ende Jahr nun geht er in Pension, gestern Freitag hatte er seinen letzten Arbeitstag.

Herr Huber, wie erklären Sie, was der Amtschreiber macht?

Die Amtschreiberei ist das klassische Notariat, das der Staat führt. Der Bürger hat den Vorteil, vieles auf dem gleichen Amt zu erledigen. Da werden viele Rechtsgeschäfte über Vermögenswerte abgehandelt wie Liegenschaftenkäufe, Schuldbriefe, Erbschaften, Ehe-/ Erbverträge, Testamente etc. Leider gehören auch Betreibungen dazu.

Früher hatte man grossen Respekt vor dem Amt. Wie ist es heute?

Bei uns auf dem Land hat sich dies nicht sehr stark verändert. Wobei man doch je länger, je mehr begreift, dass wir ein Dienstleistungsbetrieb sind. Ich persönlich habe mich immer als Diener des Volkes empfunden. Das habe ich immer sehr hoch gelebt. In den mehr als dreissig Jahren als Amtschreiber habe ich zwischen zwanzig- und dreissigtausend persönliche Beratungen durchgeführt. Dabei habe ich alle möglichen und unmöglichen Sorgen entgegengenommen und sie zu lösen versucht. Von daher ist die Stellung des Amtschreibers bei uns in Thal und Gäu noch immer ein wenig eine andere als in den grossen Zentren.

Also in Solothurn zum Beispiel?

Die Amtsschreiberei Solothurn ist zuständig für vier Bezirke mit total etwa 118 000 Einwohner. Das ist eine ganz andere Dimension, da kann der Amtsschreiber unmöglich so viele Kunden direkt beraten. Thal und Gäu dagegen haben zusammen 34 000 Einwohner. Hinzu kommt, dass wir in unserer Region im Vergleich zu den Städten
sehr wenige Rechtsanwälte haben. Daher kommen die Leute mit ihren rechtlichen Anliegen zu uns. Man darf nicht vergessen, diese Amtschreiberei hier besteht seit 1803,
wir haben also eine zweihundertjährige Tradition, da besteht eine grosse Volksverbundenheit.

Wie gut weiss man, dass man wegen eines Rechtsstreites zum Amtschreiber gehen könnte?

Wir müssen unterscheiden, der Amtsschreiber ist die nicht streitige Gerichtsbarkeit. Wir beraten nur, und zwar dort, wo wir kompetent sind. Geht es um einen Prozess, so unternehmen wir gar nichts, es ist nicht unsere Hoheit. Bei uns geht es primär um vermögensrechtliche Angelegenheiten. Wenn jemand etwa ein Haus abtreten will, so weisen wir darauf hin, was alles aus rechtlicher Sicht zu beachten ist. Derzeit kommen sehr viele ältere Leute zu uns, wenn es darauf zugeht, dass sie ins Altersheim ziehen wollen oder müssen. Die Leute wollen wissen: Was geschieht mit dem Vermögen?

Erwartet man vom Amt eine Dienstleistung gratis oder zumindest eine günstigere? Man zahlt ja schliesslich Steuern.

Das ist kaum mehr der Fall. Wir haben klare Gebührentarife, die der Kantonsrat verabschiedet hat. Den einzigen Freiraum haben wir dort, wo es eine reine Beratung gibt, die anschliessend zu keinem Geschäft führt. Da können wir bis zu einer halben Stunde Beratung kostenlos anbieten. Davon wird aber eher weniger Gebrauch gemacht. Denn meistens folgt dann ein Geschäft, sei es ein Kauf, ein Inventar, ein Ehe- oder Erbvertrag, und dann wird ganz normal abgerechnet.

Das wird denn auch so akzeptiert?

Das muss man auch. Der Staat arbeitet nicht gratis. Seit 1996, damals als Pilotprojekt, ist die Amtschreiberei Thal-Gäu ein Profitcenter mit einem Globalbudget. Es muss keiner einen Steuerrappen bezahlen an die Amtsschreiberei, diese ist seit 1996 selbsttragend.

Besteht ein Unterschied, ob ich zur Amtsschreiberei gehe oder zu einem privaten Notar?

Bei den offenen Notariatsgeschäften wie Ehe-/Erbverträge, gesellschaftsrechtliche Urkunden besteht kein Unterschied, die Funktion ist dieselbe.

Wie stehts mit dem Honorar?

Wir sind preislich gleich wie der Durchschnitt der Notare, wir haben die Tarife bewusst abgeglichen.

Früher hat man etwa mit dem Gang aufs Amt gedroht. Wie ist es heute?

Eher weniger. Es kann etwa bei Familienstreitigkeiten vorkommen. Dann fordere ich dazu auf, dass sich die ganze Familie hier an einem Tisch versammelt. Dadurch haben alle – was sehr wichtig ist – denselben Informationsstand, und wir versuchen dann, den Fall zu lösen. Dieses Vorgehen habe ich seit Beginn meiner Amtszeit immer hochgehalten. So konnte grösstenteils verhindert werden, dass die Sache vor Gericht landet. Dasselbe gilt bei Erbschaften, da haben wir pro Jahr maximal einen Fall, der gerichtliche Folgen hat. So gesehen sind wir in der Funktion eines Mediators.

Seitenwechsel: Wird den Leuten auf dem Amt gedroht?

Heute ist tatsächlich ein hohes Bedrohungspotenzial vorhanden. Jede Amtsstelle verfügt über ein Bedrohungsmanagement, wie in bestimmten Fällen vorzugehen ist. Gerade jüngst haben wir wegen einer Erbschaftsverhandlung die Polizei aufgeboten. Heikel kann es beim Betreibungsamt werden. Vor dreissig Jahren liefen pro Jahr etwa 5000 Betreibungen, mittlerweile sind wir bei 16 000 angelangt. In mehr als der Hälfte der Fälle müssen wir Vermögen pfänden, heute primär Lohnpfändungen.

Heisst das, dass viele Leute über den Verhältnissen leben?

Das glaube ich schon, ja. Viele haben das Gefühl, alles haben zu müssen. Zum andern öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Die Zahl der Sozialfälle steigt. Markant aber ist der Anteil an Betreibungen von den Krankenkassen. Alles in allem müssen wir feststellen, wir sind langsam, aber sicher am Limit bei dem, was wir im Betreibungswesen noch zu verarbeiten imstand sind. Die Anforderungen sind riesig.

Wieso spielen die Krankenkassen eine so grosse Rolle bei den Betreibungen?

Da haben wir etwas ganz Erstaunliches entdeckt, und zwar im Zusammenhang mit den Steuerschulden, die sich in vielen Gemeinden anhäufen. Ich wollte genauer wissen, warum es nicht mehr für die Begleichung der Steuerrechnung reicht, und habe deshalb einige Pfändungen untersucht. Es gibt tatsächlich Leute, die bei zwei Krankenkassen versichert sind, vereinzelt sogar bei dreien. Das kommt vom Telefonterror, wenn die Leute einen neuen Vertrag abschliessen, aber vergessen, den bisherigen Vertrag zu kündigen. Und weil die Krankenkassen gemäss Gesetz privilegiert sind, müssen deren Rechnungen noch vor den Steuerrechnungen beglichen werden.

Wie gehen die Leute mit einem Entscheid um, den das Amt gefällt hat?

In aller Regel werden die Entscheide gut akzeptiert, manchmal braucht es etwas mehr Erklärungen. Ist jemand nicht zufrieden, so gibt es das Recht, sich beim Obergericht, dem wir fachlich unterstellt sind, zu beschweren. Das kam aber in den letzten sieben Jahren nicht mehr vor. Bei den Betreibungen gibts immer etwa wieder Beschwerden in Bezug auf die Berechnung des Existenzminimums. Da hat vielleicht eine Person eine Vierzimmerwohnung für 2000 Franken monatlich gemietet. Eine übermässige Miete müssen wir für die Berechnung des Existenzminimums dabei verhältnismässig kürzen. Das kann ein massiver Eingriff ins Private sein.

Bei all den Problemen und Anforderungen – geht das nicht an die Substanz?

Natürlich merke ich, dass ich älter geworden bin. Aber ich habe meine Arbeit nicht als eine Belastung empfunden, weil ich meinen Beruf zweihundertprozentig gelebt habe. Und wenn ich helfen konnte, war das die grosse Befriedigung. Erholung fand ich bei meiner Familie, im Garten und beim Wandern.

Was kommt jetzt nach der Pensionierung?

Darüber habe ich mir gar nicht gross Gedanken gemacht. Ich werde sicher versuchen, im kleineren Rahmen mein Wissen weiterzugeben und Leute zu beraten. Aber nicht, indem ich ein Büro eröffne.

Sie waren auch mal auf dem Sprung in die Politik.

Ja, ich war 16 Jahre lang im Gemeinderat Aedermannsdorf, wo ich aufgewachsen bin. 1979 kandidierte ich als 29-Jähriger für den Nationalrat und machte ein sehr gutes Resultat, 1982 wurde ich in den Verfassungsrat gewählt, und 1984 kam der Wahlkampf um den Posten des Amtsschreibers Thal-Gäu.

Dann war die Politik für Sie abgeschlossen?

Das ist so, ich wollte meine Arbeit über die Politik stellen und habe für die Bevölkerung und die Region geschaut. Ich bin mit Leib und Seele ein Thaler und Gäuer. Darum habe auch immer gekämpft für die Erhaltung der Amteiverwaltung mit Amtschreiberei, Oberamt und Veranlagungsbehörde. Es war auch meine Idee, aus dem Schmelzihof in der Klus ein Amthaus zu machen. Der damalige Regierungsrat und Baudirektor Walter Straumann war begeistert von dieser Idee, und er hat dann den Gesamtregierungsrat überzeugt. Der Schmelzihof mit rund 70 Arbeitsplätzen steht heute zum grossen Glück der Region im Eigentum des Kantons.

Ihr Nachfolger ist nicht mehr vom Volk gewählt worden wie Sie seinerzeit. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Es hat zwei Seiten. Eine Volkswahl kann auch ein Stück weit Angst machen. Man muss seine Haltung ausnivellieren, insbesondere bei den Parteien. Anderseits hat man als einer, der vom Volk gewählt worden ist, eine andere Position gegenüber der Zentralverwaltung in Solothurn. Weil hier im Thal und Gäu besonders wichtig ist, dass der Amtsschreiber Land und Leute kennt und auch wirklich gern hat, habe ich darauf hin gearbeitet, jemanden entsprechend aufzubauen. Mein Nachfolger Bernhard Meister kommt aus Matzendorf und ist seit 15 Jahren einer meiner Stellvertreter. Ich kann ihm das Amt mit einem sehr guten Gefühl übergeben.

Bei der Volksabstimmung 1999 wurde die Zentralisierung der regionalen Verwaltung und somit die Aufhebung des Schmelzihofs abgelehnt. Was, wenn der Kanton einen weiteren Anlauf unternähme?

Der Preis dafür wäre, dass die Bürgernähe verschwindet. Manchmal scheint mir, der Staat schätzt den Wert der dezentralen Ämter nicht richtig ein. Und zudem: Es können bei einer Zusammenlegung nie Kosten eingespart werden, das hat man bei der Zusammenlegung in Solothurn gesehen.

2001 wurde Ihnen das Konkursamt weggenommen, wie war das für Sie?

Es war insofern verkraftbar, weil Konkurse in der Region Thal und Gäu nicht sehr viel vorgekommen sind. Sehr wertvoll war hingegen, dass uns dann das kantonale Handelsregisteramt zugeteilt wurde. Das funktioniert gut.

Da wurden also zwei Ämter zentralisiert. Das heisst, Zentralisieren ist nicht grundsätzlich schlecht.

Man muss unterscheiden. Beim Konkursamt kann viel vom Büro aus erledigt werden, da sind Kundenkontakte bei weitem nicht so häufig wie bei der Amtsschreiberei, hier ist die Bürgernähe sehr wichtig. Die Amtschreiberei ist ein Bindeglied zwischen Bevölkerung und kantonaler Verwaltung. Pro Jahr kommen rund Fünfundzwanzig bis Dreissigtausend Bürgerinnen und Bürger zu uns in den Schmelzihof wegen einer Dienstleistung.

Und beim Handelsregisteramt? Da kommen ja viele Leute direkt hierher. Wäre Olten oder Solothurn nicht besser erreichbar?

Wir in der Klus sind im Kanton Solothurn geografisch ganz zentral gelegen. Von Dornach, von Grenchen oder von Schönenwerd haben alle gleich weit. Hier kann man vor dem Haus parkieren, in der Stadt muss man einen Parkplatz suchen.

Es sei denn, man kommt in den berüchtigten Kluser Stau.

Darauf reagieren wir sehr flexibel, indem wir auf Wunsch Termine ausserhalb der üblichen Bürozeiten vereinbaren. Ich persönlich zum Beispiel empfange sehr oft Leute zwischen morgens um sechs und acht Uhr, weil sie es arbeitstechnisch nicht anders einrichten können. Das mache aber nicht nur ich, sondern auch andere Abteilungen bieten diesen Service.

Ein erstaunlicher Service einer Amtsstelle.

Ich habe die flexiblen Termine eingeführt, als ich 1984 Amtschreiber geworden bin. Wir haben es auch anders versucht, indem wir zum Beispiel auf dem Betreibungsamt an einem Tag pro Woche abends bis sieben Uhr offen hatten. Glauben Sie, es wäre in der dreimonatigen Testphase auch nur eine Person gekommen? Wir haben den Versuch abgebrochen.

Sie erwähnten einmal, das kantonale Handelsregisteramt stehe gesamtschweizerisch punkto Qualität und Effizienz an der Spitze. Wer kann das so beurteilen?

Das sagen das eidgenössische Amt und unsere Kunden beziehungsweise die Anwälte, über die rund achtzig Prozent der Geschäfte laufen. Wir bieten im Handelsregisteramt seit Anfang des Jahres 2001 einen Service, der schweizweit einmalig sein dürfte: Wenn am Morgen alle notwendigen Dokumente korrekt ausgefüllt vorliegen, so ist der Eintrag im Handelsregister bis zum Abend desselben Tages erfolgt. Zum Vergleich: Es gibt in der Schweiz Ämter, da warten Sie bis zu sechs Wochen auf einen Eintrag.

Ist das so bekannt?

Ja, es werden Firmen teilweise vorübergehend im Kanton Solothurn eingetragen, weil es schneller geht. Oder wir erhalten Urkunden zur Vorprüfung der Eintragungsfähigkeit, die Firmen werden aber dann in einem anderen Kanton eingetragen. Für uns ist das ein recht gutes Geschäft. Wobei ich festhalten will, dass wir alle diese Rechtsgeschäfte im Verhältnis mit viel weniger Angestellten erledigen als andere Registerämter in der Schweiz.