«In Mümliswil hatten wir während meiner Jugendzeit gar keine anderen Möglichkeiten als das Skispringen», erinnert sich der heute 65-jährige Hans Schmid.

«Wir konnten nicht aus dem Dorf raus, weil wir kein Geld hatten. Es gab keinen Skilift, und Skiferien konnten sich die meisten Familien nicht leisten.» Ab seinem zwölften Lebensjahr eiferte er den Älteren nach, die im Dorf Schneeschanzen gebaut hatten. Hans Schmids grösstes Vorbild war sein sieben Jahre älterer Cousin Heribert Schmid, der dreimal den Schweizer-Meister-Titel errang.

Das Skispring-Fieber hatte Schmid schnell gepackt. «Ab und zu gab es eine Möglichkeit, Fernsehen zu schauen», erzählt er. «Ich kann mich noch an die Olympischen Spiele 1964 in Innsbruck erinnern. Der Finne Kankkonen und der Norweger Engan waren damals die ganz Grossen.»

Im folgenden Jahr legte Schmid den Grundstein dafür, dass er sich acht Jahre später selber im Kreis der Olympioniken wiederfand. Im Nachbarort Langenbruck holte sich Hans Schmid auf seiner Trainingsschanze als 16-Jähriger bei seinem ersten Wettkampf gleich den Schweizer-Meister-Titel bei den Junioren. «Von da an wusste ich, dass dies mein Sport ist», so Schmid.

«Ein bisschen Freizeit»

Während seiner vierjährigen Lehre hatte Hans Schmid weniger Zeit für den Sport, als ihm lieb war. Der Durchbruch gelang ihm erst nach seiner Ausbildung. «1969 gewann ich gleich die Schweizer Tournee und den Schweizer-Meister-Titel.» Er sei damals selber überrascht gewesen.

Es war der Startschuss in eine achtjährige internationale Karriere voller Höhepunkte: etliche nationale Meistertitel, Podestplätze an der Vierschanzentournee, ein Sieg am berüchtigten Holmenkollbakken in Oslo und natürlich die Olympiateilnahme 1972 in Sapporo.

«Wir waren vor allem mit unseren eigenen Trainings und Wettkämpfen beschäftigt», so Schmid, «aber es gab schon auch mal ein bisschen Freizeit, um ein Eishockeyspiel oder ein Skirennen zu besuchen. Von der Stadt dagegen habe ich nicht viel gesehen.»

Sprünge schwer abzuschätzen

In Japan erlebte Schmid aber auch eine seiner grössten sportlichen Enttäuschungen. Nach dem ersten Durchgang noch auf dem fünften Zwischenrang klassiert, begrub ein Sturz im zweiten Durchgang die Hoffnungen auf eine Spitzenklassierung. Stürze, Prellungen und Schürfungen waren damals im Skispringen an der Tagesordnung. «Wir konnten unsere Sprünge damals noch nicht so gut abschätzen», erklärt Schmid, «so kam es oft vor, dass wir zu weit gesprungen sind und die Landungen nicht mehr stehen konnten.»

Ein solcher Sturz vermasselte ihm zwei Jahre später, 1974 im schwedischen Falun, auch den Traum vom Weltmeistertitel. Er stürzte zwei Wochen vor der WM und erholte sich davon nicht bis zum Grossanlass: «Ich war in einer ausgezeichneten Form und einer der Favoriten. Doch so ein Sturz löst immer eine Art Blockade aus.»

Zwei gravierende Verletzungen sollten drei Jahre später auch zum Karriereende führen. Im Dezember 1976 brach sich Schmid in der Vorbereitung beim freien Skifahren in St. Moritz das Bein. Und im Sommer darauf geschah ihm dies im Konditionstraining erneut.

Türen standen offen

Dass er sich einen Namen im Spitzensport gemacht hatte, half Schmid bei seiner beruflichen Neuorientierung. Noch bevor sein zweiter Beinbruch auskuriert war, bekam er ein Angebot aus der Versicherungsbranche. Dieser blieb er nach seiner zweijährigen Umschulung über dreissig Jahre lang bis zu seiner Pensionierung treu. «Von meinem Namen habe ich sicher profitiert», wiegt Schmid ab, «ich musste natürlich auch arbeiten, niemand kam von sich aus zu mir. Doch die Türen standen mir schon sehr schnell offen.»

Mit der Skispringer-Szene blieb Schmid nach seinem Rücktritt nicht lange in Verbindung. Er habe zwar probiert, im Nachwuchsbereich etwas zu machen, doch das habe ihm nicht gelegen. Die Jungen hätten in seinen Augen zu wenig Willen und zu viel Bequemlichkeit an den Tag gelegt: «Man musste sie zu Hause abholen, wieder zurückbringen und alles nachtragen. Ich bin im Reckenkien, einem Weiler von Mümliswil, aufgewachsen. Von dort musste ich damals noch mit den Ski auf dem Buckel hinunter ins Dorf und rüber nach Langenbruck laufen.»

Im Fernsehen verfolgt Schmid die Wettkämpfe aber immer noch fieberhaft. «Es gab Zeiten, da habe ich praktisch jedes Springen zweimal geschaut, inklusive Wiederholung», lacht Schmid und fügt an, «die ganze Entwicklung mit den breiteren, leichteren Ski, den Anzügen oder auch die Technik der Springer ist einfach faszinierend.» Auf seine damalige Ausrüstung angesprochen, muss er wiederum schmunzeln: «Wir hatten Holz-Ski, 2,5 oder 2,6 Meter lang. Die Anzüge kamen erst später. Anfangs meiner Karriere trug ich eine Skihose, einen Pullover und Handschuhe – Helme gab es noch nicht.» Insgesamt beurteilt er die Entwicklung als sehr positiv, vor allem weil das Skispringen heute viel sicherer sei.

Natürlich wird Hans Schmid auch intensiv die Olympischen Spiele in Sotschi verfolgen. Was traut er dem vierfachen Goldmedaillengewinner Simon Ammann zu? «Er kann ganz vorne mitspringen», ist Hans Schmid überzeugt, «aber im Moment gibt es so viele gute Springer, da wird die Tagesform ein grosser Faktor sein – und auch das Glück.»