Kestenholz

Mit «Stone and a Rose» schliesst sich für Irrwisch ein Kreis

Mund und Augen auf: Chris Bürgi (Gitarre), Steff Bürgi (Klavier) und Ueli Trautweiler (Mitte, im blauen Hemd) zeigen den Sängerinnen und Sängern des neuen Kanti-Schülerchors, wie man/frau beim Singen an Klang, Lautstärke und Ausstrahlung gewinnt.

Mund und Augen auf: Chris Bürgi (Gitarre), Steff Bürgi (Klavier) und Ueli Trautweiler (Mitte, im blauen Hemd) zeigen den Sängerinnen und Sängern des neuen Kanti-Schülerchors, wie man/frau beim Singen an Klang, Lautstärke und Ausstrahlung gewinnt.

Die Band Irrwisch aus Kestenholz feiert ihr 40-Jahr-Jubiläum. Im Interview erinnern sich die – nicht miteinander verwandten – Gründer Chris Bürgi und Steff Bürgi an alte Erfolge, jüngere Freiheiten und ihren Teenager-Traum.

Chris Bürgi und Steff Bürgi, 1968 gründeten Sie beide die erste Bandformation, aus der später Irrwisch wurde. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Chris Bürgi: Wir sind beide in Kestenholz aufgewachsen und haben uns mit elf, zwölf Jahren kennen gelernt. Mit etwa 14 Jahren ging die Sache mit der Band ernsthaft los. Wir komponierten von Anfang an unsere eigenen Songs, stark beeinflusst von unseren damaligen Idolen. Erst waren es die Beatles, dann kamen Deep Purple, Black Sabbath und viele andere Bands, die uns musikalisch begleiteten. Nach vielen Umbesetzungen und Namensänderungen war die Band 1975 komplett. Auch schon damals mit an Bord war unser Schlagzeuger Josef Kissling, der dritte Kestenholzer im Bund. In jenem Jahr fand unser erster öffentlicher Auftritt unter dem Namen Irrwisch statt. Das war in einem Jugendklub in Schaffhausen, wo Steffs Bruder in der Pfarrei tätig war. Der Auftritt kam recht gut an.

1979 habt ihr eine Schweizer Rockausscheidung in Augst gewonnen. Wie kam es dazu?

Steff Bürgi: Wir nahmen mit anderen Solothurner und Berner Bands im «Gaskessel» in Bern an einem Wettbewerb im Rahmen eines Rock- und Jazzfestivals teil und holten mit unserem Progressivrocksound den ersten Platz. Danach gewannen wir auch den nationalen Wettbewerb unter den letzten Ausgelesenen in Augst. Kein Mensch verstand damals diese sehr komplexe Musik. Doch sie kam offenbar sehr interessant rüber. Damals spielten wir ganz andere Musik als heute, vor allem monumentale, 15 Minuten lange Instrumentalstücke mit ein bisschen Gesang und wilden Übergängen, die in Richtung Jazzrock eingeordnet wurden. Damals waren wir sieben Leute auf der Bühne mit Trompete und Flöte.

Chris Bürgi: Wir hatten aber damals schon viele Stücke, die klassische Elemente enthielten. Die Affinität für das Feine, die Klassik, war bereits in unserer frühen Zeit vorhanden. Unser neues Projekt «Stone and a Rose» ist also nicht entstanden, weil Klassik zurzeit gerade «in» ist. Diese Kombination hat uns von jeher fasziniert: Deep Purple in Classic oder The Nice mit Keith Emerson waren damals grosse Vorbilder in diese Richtung.

Irrwisch mit First Time

Irrwisch mit First Time

Die Solothurner Band spielt ihre Hit-Ballade First Time, ausgestrahlt in der Sendung «Die grössten Schweizer Hits» am 2. Dezember 2007.

1979 seid ihr am Rock-/Jazz-Festival in Montreux aufgetreten. Wie kam das zustande?

Steff Bürgi: Der Auftritt am Jazz-Festival in Montreux war der Gewinn des Wettbewerbs in Augst. Wir durften damals ganz amtlich etwa eine Dreiviertelstunde lang auf der Hauptbühne spielen. Claude Nobs sagte uns an. Das war wirklich cool, ein Riesenerlebnis. Die berühmten «Brecker Brothers» traten ebenfalls auf. Wir spielten an einem Charlie-Mingus-Abend. Die Künstler erwiesen dabei dem berühmten Jazzbassisten die Ehre, der im Vorfeld gerade gestorben war.

1981 habt ihr eure erste LP«In Search of» aufgenommen. Wie gestaltete sich dies, vor allem technisch gesehen?

Steff Bürgi: Von der Technik her waren das noch ganz andere Welten im Vergleich zu heute. Da gabs noch keine CD, nur Vinyl. Auf 24-Spur-Bändern haben wir das Material im Studio in München in alter Methode geschnitten und kopiert. Jeder war zuständig für ein paar Kanäle. Dann hat man bestimmt, welche Rolle Gesang und Instrumente einnehmen, alles ganz genau aufgeschrieben und beim Mischen entsprechend gearbeitet. Wenn etwas danebenging, musste ein neuer Mix her. Man entschied sich damals aus verschiedensten Aufnahmen für die beste. Heutzutage gibt es über 100 Spuren, die computertechnisch gesteuert werden können. Doch 1981 waren wir 14 Tage in einem Studio, das wir buchen mussten. Da nahmen wir teilweise bis fünf Uhr morgens auf.

1988 wart ihr mit der CD «Countdown» Nummer 10 in den Charts? Wie war das für euch?

Steff Bürgi: Wir waren Anfang der 1980er-Jahre in Deutschland schon mit der Single «Living in a Fool’s Paradise» in den Hörercharts und auf Nummer 25 in den LP-Charts.
Chris Bürgi: Den nationalen Höhepunkt erreichten wir eigentlich 1988 mit «Countdown» auf Platz 10 in den Schweizer Charts, dem Auftritt als Vorgruppe von Marillion im Hallenstadion Zürich 1989 sowie mit dem anschliessenden Album «The Fish Came to the Surface» auf Platz 11 – ein grossartiges Gefühl damals. Wir spielten grosse Tourneen und überall in vollen Häusern. Als uns Anfang der 1990er-Jahre unsere Plattenfirma aus dem Vertrag entliess, weil kein Budget mehr für nationale Bands vorhanden war, gerieten wir in grosse Schwierigkeiten, und die Gruppe löste sich 1992 auf. Bald danach fingen Steff und ich langsam mit dem Wiederaufbau an. So begannen die zweiten 20 Jahre von Irrwisch. Mit dem neuen Projekt «Stone and a Rose» erleben wir meiner Ansicht nach nun einen Höhepunkt.

Ihr sprecht die Produktion und Veröffentlichung eures Ende 2015 erschienenen Doppelalbums «Stone and a Rose» an ...

Steff Bürgi: «Stone and a Rose» ist eine ganz aussergewöhnliche Sache. Ich habe das Gefühl, dass wir mit der ganzen Philosophie und in der Geschichte, die darin steckt, einen ziemlichen Wandel durchgemacht haben. Auf jeden Fall ist das Doppelalbum ein Werk, auf das wir extrem stolz sind. Es war eine Riesenarbeit und hat sich toll entwickelt, und zusammen mit den Orchesterkonzerten wird das Projekt nun vollkommen.
Chris Bürgi: Du hast mit deinen Fragen fast nur die ersten 20 Band-Jahre angesprochen ...

... ja, weil – ohne despektierlich klingen zu wollen – eure Erfolgszeiten als Vorgruppe von Gruppen wie Marillion oder Uriah Heep die Leserinnen und Lesern wohl besser in Erinnerung haben als die jüngere Zeit ...

Chris Bürgi: Die letzten 20 Jahre von Irrwisch bedeuten uns sehr viel. Diese Jahre waren für uns wie eine Befreiung. In der zweiten Hälfte unserer Geschichte hat sich die ganze Struktur total verändert. Am Anfang waren wir bis zu sieben Leute in der Gruppe. Jeder war gleichberechtigt und versuchte, sich einzubringen. Das waren schwierige Prozesse. Wir erlebten viel Positives und Schönes, doch dann kamen unvorhergesehene Entwicklungen, denen wir nicht gewachsen waren, und das Projekt «Irrwisch» fiel in sich zusammen. Steff und ich beschlossen, es wieder aufzubauen. Wir machten uns selbstständig und begannen, die Fäden selbst zu ziehen. Wir suchten uns keine Plattenfirma und kein Management mehr und gründeten eine eigene Produktionsfirma, Chestwood Music Productions. Dadurch gewannen wir wahnsinnig viel Freiheit. Wir stellten unsere Budgets selber auf und liessen uns viel Zeit bei den Aufnahmen. Für «Stone and a Rose» waren wir eigentlich zehn Jahre im Studio. Das Produkt entwickelte sich langsam. Das ist sein Geheimnis.

Die Jahre von 1995 bis heute waren für uns eine sehr lebendige Zeit – notabene mit fünf CD-Produktionen –, die wir sehr selbstbestimmt, selbstbewusst und authentisch erlebt haben. Wir hoffen, dass man das in der Musik auch heraushört. «Stone and a Rose» ist irgendwie unser «Opus magnus», unser reifstes Projekt. «In Search of» (der Name des ersten Irrwisch-Albums, Red.) – auf der Suche nach stilistischen Ausdrucksweisen – war immer unser Band-Motto. Mit «Stone and a Rose» sind wir angekommen, und es schliesst sich ein Kreis.

Vor einer Woche habt ihr «Stone and a Rose» in Olten als Neuveröffentlichung auf Vinyl präsentiert. Warum habt ihr das Album auch als Doppel-LP produziert?

Steff Bürgi: Die Vinyl-LP kam in den letzten Jahren wieder auf. Sie ist ein Trend, der sich durchsetzt. Viele Geschäfte, die bisher nur CDs verkauften, führen nun auch eine Schallplattenabteilung. Allerorten werden wieder Plattenspieler verkauft. Wir finden, dass unser Werk für dieses Format richtig prädestiniert ist.

Chris Bürgi: «Stone and a Rose» ist eine überformatige Spezialanfertigung. Allerdings mussten wir Kompromisse eingehen. Wir haben zwei Lieder weggelassen und einiges gekürzt. Die CD-Version umfasst 106 Minuten Musik. Die LP mit fast 100 Minuten auf zwei Scheiben ist nun wirklich voll mit Rillen. Sie wurde im deutschen Presswerk Pauler Acoustics qualitativ so behandelt, dass es optimal und audiophil klingt. Das Werk hat etwas Zeitloses, was auf Vinyl fast noch besser zur Geltung kommt als auf CD.

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