Matzendorf
Mit jeder Uhr stellt sich dem Uhrmacher ein neues Rätsel

Andreas Fluri beschäftigt sich als Uhrmacher selten mit dem Jetzt. In Matzendorf kann er die Zeit so drehen, wie ihm behagt.

Yann Schlegel
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Bei Uhrmacher Andreas Fluri
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Viele Einzelteile ergeben ein Ganzes: die Uhr.
Blick ins Uhrwerk: Das Uhrenatelier hat musealen Charakter.
Uhren aller Provenienzen an der Hausfassade des 300-jährigen Bauernhauses.

Bei Uhrmacher Andreas Fluri

Bruno Kissling

Seine Lebensweise versteht er als Gesellschaftskritik. In einer Zeit, in welcher alles irgendwie ersetzbar erscheint, verbringt er seine Tage damit, bis zu 500 Jahre alten Uhren wieder Leben zu geben. «Sie sind für die Ewigkeit gebaut. Als man diese Uhren schuf, existierte der Gedanke, einmal würden sie weggeworfen, noch nicht», sagt Andreas Fluri. Er lebt bewusst in einer anderen Zeit. «Eine Uhr ist nur die Vergangenheit – ist nie der jetzige Moment.» Mit seinen 39 Jahren versteht er sich als Gegensatz zur grossen Masse. «Ich bin ein völliges Auslaufmodell.»

Während andere in seinem Alter in eine moderne Siedlung ziehen, wollte Andreas Fluri schon als 18-Jähriger ein «archaisches Haus», wie er sagt. Mit Holzheizung, altem Gebälk. Gefunden hat er die Bleibe seiner Wünsche in direkter Nachbarschaft zu seinem Elternhaus. Auf dem Land, eingebettet in den sanften Jurahügeln. Hier hat er seine Ruhe, seinen Rückzugsort gefunden, um seiner Berufung nachzugehen. Die grosse Turmuhr im rund 300 Jahre alten Bauernhaus zeigt von weit her an; in diesem kleinen Kosmos dreht sich alles um das Zifferblatt und was sich dahinter verbirgt. Ein jahrhunderte-altes Handwerk, das die aus Frankreich geflüchteten Hugenotten in die Schweiz und insbesondere in den Jura mitbrachten.

Uhrhandwerk in den Adern

Wenn Andreas Fluri sagt, «ich habe das Uhrhandwerk in den Adern», ist es keine Plattitüde. Schon die Eltern arbeiteten auf dem Uhrmacher-Beruf. Die Vorfahren seiner Mutter zählten vor sechs Generationen zu jenen Pionieren, die das Schmuck- und Uhrhandwerk beherrschten und aus Frankreich mitbrachten. Bis spät ins 20. Jahrhundert waren die Uhrenfirmen im Thal ein bedeutender Wirtschaftszweig. Heute steht Andreas Fluri als klassischer Uhrmacher in der Region Solothurn fast alleine da.

Aber er tut dies überzeugt und begibt sich bewusst auf die Spuren seiner Vorfahren. Als er seinen heutigen Arbeitsplatz im Haus einrichtete, stiess er auf ein Uhrenatelier, das bis vor 100 Jahren Bestand gehabt hatte. Die Uhrmacherei war damals vielfach ein Nebenerwerb zum Bauern – für die dunkle Jahreszeit. Der Matzendörfer kann ihnen nachfühlen, denn am liebsten arbeitet er an einem Regentag oder wenn es schneit. Oder aber in der Nacht, wenn die Ruhe einkehrt.

Er hört heraus, wenn mit einer Uhr etwas nicht stimmt

Andreas Fluri mit dem sanften Gesicht und den faltigen Händen eines Handwerkers ist dann allein – umgeben von den tickenden und schlagenden Uhren. Jeder Besucher staunt, wenn er das Atelier im Lindenhof betritt, das mehr an ein Museum als an eine Arbeitsstätte mahnt. Rundherum zieren sie die Wände. Fluri lächelt nur – nein, die Uhren hat er nicht angeworfen, weil die Zeitung zu Besuch ist. «Das ist meine Musik, die hier spielt», sagt er. Der Gong der Uhren verschluckt viertelstündlich seine Stimme.

Selbst in der Nacht höre er das Ticken noch wie ein innerer Herzschlag. «Aber das ist nicht so schlimm», sagt Fluri. Der stete Sekundentakt ist jedoch nicht nur seine Musik, sondern teil seines Berufs. Jede Uhr unterzieht er nach der Reparatur einer zwei- bis dreiwöchigen Testphase. Um dem Kunden eine möglichst präzise Uhr zurückzugeben, reguliert er diese jeweils ein.

Bei gewissen Uhren dreht sich das Rad einmal pro Woche. Kürzlich reparierte Andreas Fluri eine Uhr mit einem ewigen Kalender, welche die Schaltjahre automatisch berücksichtigt. «Ich konnte nicht ausbedingen, die Uhr vier Jahre zu behalten», sagt Fluri lachend. Mit dem Schaltjahr kam aber die Nachricht des Kunden mit einem Whatsapp-Foto der Uhr: Das Datum stimmte.

Uhrne mit Geheimnissen

Mit jeder Uhr stellt sich dem Uhrmacher ein neues Rätsel. Jede Uhr beinhaltet ein neues Geheimnis. «Praktisch ist jede Uhr ein neuer Lehrplätz», sagt Fluri. Lösen kann er fast jeden Defekt. Die Reparatur scheitert fast nie, solange sich die Uhr noch öffnen lässt. Fehlen Teile, baut er diese selbst nach. «Mit jeder Uhr kommt eine Geschichte mit, weil sie in den allermeisten Fällen einen emotionalen Wert haben.»

Inmitten der tickenden Uhren erzählt der Matzendörfer, wie eines Tages eine Engländerin anrief und sagte, sie habe eine 400-jährige Wanduhr aus Deutschland, die sie bei ihm reparieren möchte. Am vereinbarten Tag fuhr vor dem Lindenhof ein rechtsgesteuertes Auto vor – besagte Uhr landete in Fluris Atelier. Als die Kundin Monate danach zurückkehrte und die intakte Uhr zu Gesicht bekam, war sie überwältigt und musste weinen. Sie hatte die Uhr ihres Grossvaters noch nie schlagen hören.

Der Uhrmacher hat mehr Zeit als Geld

«Das ist ein unbezahlbarer Lohn», sagt Andreas Fluri. Eine Form von Dankbarkeit, die er in der Industrie nicht erfuhr, als er nach der Uhrmacherschule in Solothurn für eine Uhrenfirma wirkte. Nach einem Jahr wusste er, dass er etwas anderes sucht. Fluri begab sich in die Selbstständigkeit und führte als junger 20-jähriger einen Uhrenladen in Olten und später während fünf Jahre in Balsthal. Finanziell bedeutete dies ein Leben am Limit und so beschloss er, sich ganz auf die Reparaturen und den Handel mit alten Uhren zu beschränken – Fluri zog sich nach Matzendorf zurück. «Es wurde zu meiner Lebensphilosophie, mit der Decke zu leben, die ich habe», sagt er. Mittlerweile ist der Matzendörfer über die Region hinaus als Uhrmacher etabliert. Im Atelier warten Dutzende Uhren auf neues Leben. Wenn Andreas Fluri sie öffnet, begibt er sich in die Welt des Handwerkers, der sie vor zwei oder drei Jahrhunderten schuf. Dann liegt es an ihm, mit Feile und Säge die defekten Teile zu reparieren. Das Handwerk hat sich nämlich nicht verändert. Uhrmacher sein bedeutet auch, mit der ewigen Geschichte der Uhren mitzugehen. «Wenn ich eine Uhr repariere, gebe ich auf viel Persönliches mit rein – und immer ein Stück Lebensenergie», sagt Andreas Fluri. Denn jede Uhr, die auf der Werkbank in Matzendorf gelegen hat, erhält das Signet des Uhrmachers.

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