Welschenrohr

Mistgabel oder Traktor – alles kommt weg: Gant auf dem Hinter Brandberg zog Hunderte Menschen an

Des Pächters Leid ist des Landwirtes Freud: Auf dem Hof Hinter Brandberg bei Welschenrohr wurde am Samstag eine grosse Menge landwirtschaftliches Inventar versteigert. Vor allem die Traktoren waren ein Publikumsmagnet.

Am liebsten möchte Nicole Ringger nichts sagen. Auf dem Hinter Brandberg verwirklichte sie sich ihren Traum: Wirten und Bauern fernab der Zivilisation. «Das machst du nur, wenn du dies wirklich willst», sagt sie. Rund acht Autokilometer von Welschenrohr entfernt auf 1100 Metern über Meer.

Das kleine Strässchen schlängelt sich unterhalb der Kalk-Höhlen durch, verschwindet in der schattigen Wolfschlucht, um wieder auf die hohen Juraweiden anzusteigen. Die Abgeschiedenheit entschädigt. Weit öffnet sich die Sicht in die Jurahügel.

Marktschreier Bruno Furrer installiert draussen auf dem Platz die Mikrofone, während die Autos auf den Hinter Brandberg hochrollen. Keine zwei Wochen ist es her, da schloss der Berggasthof per sofort. Das Vieh ist weg. Die landwirtschaftlichen Maschinen stehen um den Hof aneinandergereiht zur Schau.

Versteigerung Hinter Brandberg

Impressionen von der Versteigerung auf dem Hinter Brandenberg.

     

Mit dem Luzerner Bruno Furrer wird einer der bekanntesten Gantrufer der Schweiz an diesem Vormittag versuchen, die bestmöglichen Preise herauszuschlagen. Alles soll weg. Hierfür ist mit Furrer einer von bloss fünf professionellen Marktschreiern in der Deutschschweiz gekommen.

Nicole Ringger hat sich zurückgezogen. Ein letztes Mal steht sie als Gastgeberin in der Küche des Bauernhofs. Der Traum auf der Alp endet abrupt. «Aus persönlichen Gründen», wie sie sagt. Die Wege des Pächterpaars haben sich getrennt, wie sie in einer öffentlichen Mitteilung schreiben.

Harry Maurer ist am Samstagmorgen nicht mehr auf der Alp. Im Mai 2018 hatten die beiden begonnen, auf dem Hinter Brandberg zu wirten. Der Wunsch, die Bergwirtschaft zu übernehmen wuchs, als Harry Maurer und Nicole Ringger einst als Gäste einkehrten. «Im Sommer mussten wir feststellen, dass das gesamte Projekt mehr abverlangt, als wir im Vorfeld dachten», schrieben die abtretenden Pächter auf ihrer Website.

Schon im Februar hatten sie Hilfe beigezogen. Alfons Spirig aus Kerns OW ist Berater für Kleinbetriebe. Er kam im Winter erstmals auf den Hof. Als Stütze in buchhalterischen Belangen sollte er das Pächterpaar entlasten.

Traum geplatzt: Versteigerung auf dem Berghof Hinter Brandberg

Traum geplatzt: Versteigerung auf dem Berghof Hinter Brandberg

Der Berghof oberhalb Welschenrohr wird nicht mehr weiterbetrieben. Darum wurde das landwirtschaftliche Inventar versteigert. Rund 750 Personen reisten dafür an.

Die Idee einer Gant erwuchs in einer Nacht

Im Oktober ist Berater Spirig auf dem Hinter Brandberg an allen Ecken gefragt. Er koordiniert und organisiert die Versteigerung. Das Volksfest der Landwirte. «Zunächst sind wir nicht auf die Idee gekommen, eine Gant durchzuführen», erzählt Spirig. Sein Plan war es, die Maschinen ab Platz zu verkaufen.

Als ein Kaufinteressent für den fünf Tonnen schweren Bagger jedoch bloss 5000 Franken bezahlen wollte, habe er gemerkt, dass es eine andere Lösung braucht. In einer Nacht kam Spirig die Idee: eine Gant als Abschlussfest. Es war in der Not die beste Lösung. «Es wäre undenkbar gewesen, dass der Nachfolger das gesamte Inventar aufkauft», sagt Spirig.

Mit flinker Zunge beginnt Gantrufer Furrer Bruno auf dem Palett-Podest zu verkaufen, was der mit Werkzeugen und anderen Dingen gefüllte Umzugswagen hinter ihm hergibt. Er betont, dass es sich um eine freiwillige Versteigerung handelt. Ruft dazu auf, zu marktgerechten Preisen zu kaufen. Dann legt er los.

Eine Motorsäge samt Kiste und Zubehör für 500 Franken. Ein Dutzend Gabeln – Heugabeln, Grabgabeln, Mistgabeln. Eine Handvoll Besen. «An der Gant gehört der Stumpen doch auch dazu, gell Ferdi?», ruft Furrer zwischen zwei versteigerte Güter. Ferdi lacht und zieht am Stumpen.

Eine Kiste mit Spannsets kommt unter den Hammer. «Dr Stucki Chrigu het di gliche Hoseträger», lässt Furrer einen Spruch raus. Er sitzt, die grosse Menschentraube lacht. Der dazwischen gestreute Humor gehört an der Gant dazu. Er ist das subtile Mittel, um die Bietenden zu animieren, den Preis zu erhöhen.

2500 bis 3000 Gants habe er bereits gemacht, erzählt Bruno Furrer, nachdem er eineinhalb Stunden lang Kleingegenstände an die Leute gebracht hat. Bevor die grossen Maschinen an die Reihe kommen, nimmt er sich Zeit für ein kurzes Fernsehinterview mitten in der Menschenmenge.

In diesem kleinen Kosmos ist er ein Star. «Ich sorge an der Steigerung dafür, dass Stimmung aufkommt», sagt Furrer. Wenn der Profi-Marktschreier Humor einschiebt, lässt er gerne auch Sticheleien gegen die bietende Person einfliessen. Dabei hat Furrer eine Maxime: «Was ich selbst nicht ertrage, sage ich auch nicht.»

Das eine oder andere Schnäppchen geschlagen

Der Gantrufer ist bei den grösseren Maschinen angelangt und preist ein 14-jähriges Mähwerk an. «Es wurde nur im Sommer gebraucht. Also ist es bloss 7-jährig für jene, die schnell rechnen können», witzelt Furrer weiter. Ein älterer Herr kauft sich das Mähwerk für 1500 Franken. Er habe den Vorteil, dass er es mit der AHV zahlen könne, stichelt der Marktschreier.

Innert kurzer Zeit gehen die landwirtschaftlichen Maschinen an neue Besitzer. «Die ernsthaft Interessierten sollten langsam erwachen», ruft Furrer, wenn es mal harzig läuft. «Am Samstag musst du Güllen, dann lehren sie dich kennen.» Die Landwirte grölen.

Auch der Güllen-Anhänger kommt weg. Den krönenden Abschluss machen drei Traktoren und ein Bagger. Organisator Alfons Spirig ist am Ende der Versteigerung zufrieden mit dem Umsatz. «Der Eine oder Andere hat ein Schnäppchen geschlagen, die anderen Dinge konnten wir gut verkaufen», bilanziert Spirig zufrieden.

Nach dem Rummel am Samstag wird es auf dem Hinter Brandberg vorerst ruhig. Durch die Gant ist der Weg für neue Pächter und einen Neustart frei für Bauernhof und Berggasthof. Die Suche der Genossenschaft Brandberggemeinde läuft.

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