Amtsgericht Thal-Gäu

Milchlaster über Bord: Fahrer handelte nicht fahrlässig

11. Juni 2012: Milchlaster und Anhänger liegen nahe der Passwangstrasse schwer beschädigt im Wiesland.

11. Juni 2012: Milchlaster und Anhänger liegen nahe der Passwangstrasse schwer beschädigt im Wiesland.

Der Chauffeur eines Milchlasters, der im Juni 2012 am Passwang verunfallte, wollte den Strafbefehl nicht auf sich sitzen lassen. Der Rekurs hat sich für ihn gelohnt, denn das Amtsgericht kam zum Schluss: Der Chauffeur handelte nicht fahrlässig.

Der Unfall auf der Passwangstrasse vom 11. Juni 2012 war spektakulär, die Bilder ebenso. Der Lenker eines Milchlasters hatte um 9.20 Uhr morgens bei der Talfahrt in Richtung Ramiswil in einer Linkskurve die Herrschaft über sein Fahrzeug verloren, welches in der Folge samt Anhänger von der Fahrbahn abkam und rund 80 Meter die steile Böschung hinunterstürzte.

Lastwagen und Anhänger, die sich beim Sturz mehrfach überschlugen, blieben rund 50 Meter voneinander entfernt schwer beschädigt im Wiesland liegen. Rund 25 000 Liter Milch im Wert von 20 000 Franken sind bei diesem Unfall ausgeflossen und im Erdreich versickert. Der Schaden an der Leitplanke wurde mit 1000 Franken beziffert, der Landschaden mit weiteren 1000 Franken.

«Nur» mittelschwer verletzt wurde glücklicherweise der heute 65-jährige Chauffeur, der sich am Donnerstag vor Amtsgerichtsstatthalterin Barbara Steiner vom Amtsgericht Thal-Gäu verantworten musste. Zur Diskussion stand der vom inzwischen pensionierten Chauffeur angefochtene Strafbefehl der Staatsanwaltschaft. Dieser verdonnerte den im Schwarzbubenland wohnhaften Mann wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln durch Nichtanpassen der Geschwindigkeit sowie wegen Nichtbeherrschen des Fahrzeugs zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen von je 160 Franken; bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren und einer Busse von 400 Franken sowie der Übernahme der Untersuchungskosten von 6000 Franken.

Bei der Beweisaufnahme erklärte der Beschuldigte, dass er auf dieser Strecke seit rund vier Monaten regelmässig unterwegs gewesen sei. Am Tag des Unfalls habe er die Kurve wie immer angefahren. «Plötzlich gab es einen Knall, als ob etwas kaputt gegangen wäre, und das Fahrzeug wurde ruckartig schneller», so der Mann. In der Folge sei die Hinterachse nach rechts ausgebrochen und das Fahrzeug unkontrollierbar geworden.

Ein aufgebotener Experte erklärte, dass die Auswertung des Fahrtenschreibers den Schluss zulasse, dass die voll beladene und rund 40 Tonnen schwere Komposition die Haarnadelkurve mit rund 20 km/h angefahren habe. «Vielleicht ein Tick zu schnell», wie der Experte auf Nachfrage der Amtsgerichtspräsidentin bemerkte.

Anwalt räumt Fehler ein

Rechtsanwalt Serge Flury, Aarau, erklärte im Namen des Chauffeurs, sein Mandant sei ein sehr verantwortungsvoller Verkehrsteilnehmer und habe auch in diesem Fall in keinster Weise grob fahrlässig gehandelt. Das belege auch die Auswertung des Fahrtenschreibers, welche zeige, dass sein Mandant bereits 170 Meter vor besagter Kurve das Tempo deutlich gedrosselt habe. Auch habe er sich gut auf die Durchfahrt der Kurve vorbereitet, indem er sich mit einem Kontrollblick davon überzeugt habe, dass unterhalb der Kurve nicht mit Gegenverkehr zu rechnen sei.

Flury schloss indes nicht aus, dass sein Mandant vielleicht eine Spur zu schnell unterwegs gewesen sei; aber nicht in fahrlässiger oder gar rücksichtloser Art. Bezüglich des vom Chauffeur erwähnten Defekts räumte der Anwalt ein, dass ein solcher bei der Untersuchung der Unfallfahrzeuge nicht festgestellt werden konnte. «Von der Lenkung konnte aber nur noch untersucht werden, was vom Unfall übrig blieb», so Flury.

Der Anwalt stellte in der Folge den Antrag, seinen Mandanten lediglich wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln zu verurteilen. Nicht bestritten sei hingegen der Tatbestand «Nichtbeherrschen des Fahrzeugs».

Noch nicht ausgestanden

Das Gericht folgte nach kurzer Beratung diesem Antrag und verurteilte den Chauffeur wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln sowie Nichtbeherrschen des Fahrzeugs zu einer Busse von 500 Franken oder ersatzweise fünf Tage Freiheitsentzug. Auferlegt wurden dem 65-Jährigen ferner die Untersuchungskosten im Betrag von 6000 Franken.

Nach der Verhandlung äusserte sich der Mann nur verhalten erleichtert. Noch ist die Sache nämlich nicht ausgestanden. Hängig ist noch der Entscheid der Administrativbehörde, welche darüber befinden wird, ob oder wie lange er seinen Führerschein abgeben muss. Wäre das Strafmass nicht reduziert worden, hätte ihm ein Entzug von drei Monaten geblüht. Nun besteht die Chance, mit einem Monat davon zu kommen.

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