Hans Kuhn
Migros-Verteilbetrieb-Chef tritt ab: Die Logistik gehört zu seiner DNA

Hans Kuhn tritt als Chef der Migros Verteilbetrieb Neuendorf AG ab – 15 Jahre lang leitete er das schweizweit grösste Logistik-Zentrum.

franz schaible
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BRUNO KISSLING

Wie stets korrekt gekleidet – im klassischen, dunkelblauen Doppelreiher-Anzug mit roter Krawatte – erwartet uns Hans Kuhn in seinem geräumigen, aber nicht pompösen Büro.

Bald wird er sein Pult in der Migros Verteilbetrieb Neuendorf AG im Solothurner Gäu räumen. Der 64-Jährige geht auf den 1. Juli hin in Pension.

Draussen rauschen die Autos und Camions auf der Autobahn A1 vorbei, auf dem Firmenareal kurven Lastwagen um Lastwagen herum, liefern Ware und holen Waren ab.

Drinnen blickt Kuhn, der während 15 Jahren das grösste Logistik-Verteilzentrum der Schweiz leitete, zurück.

«In meiner Zeit als Geschäftsleiter wurden rund 500 bis 600 Millionen Franken in Landkäufe, Gebäude und Anlagen investiert», sagt er nicht ohne Stolz.

Das Gebäudevolumen habe sich seit 2001 verdoppelt. «Die Lagerkapazitäten in den Gebäuden entsprechen rund 5000 Einfamilienhäusern.»

Vorerst letzter Meilenstein war die Inbetriebnahme des Logistik-Centers Ost im vergangenen Oktober. Das Riesengebäude kostete gegen 70 Millionen Franken.

Und bald folgt der nächste Meilenstein. Die Migros konzentriert ihre gesamte Schweizer Tiefkühllogistik in Neuendorf. Derzeit wird dort das bestehende Tiefkühllager mit einem Neubau ergänzt. Darin werden, so Kuhn, 70 000 Paletten Platz finden. Der 120-Millionen-Franken-Bau soll am 6. Dezember 2016 eröffnet werden.

Sein Leben war die Logistik

Hans Kuhn hat die Logistik im Blut. Seine gesamte berufliche Karriere drehte sich um die An- und Ablieferung von Gütern, in seinem Fall von Lebensmitteln. Seine Eltern hätten in Ittigen bei Bern den ersten privaten Lebensmittel-Discounter der Schweiz betrieben.

«Ich hatte von Beginn an einen Bezug zum Handel mit Lebensmitteln», erinnert er sich. Als Geschäftsleitungsmitglied der damaligen Intermilch AG in Ostermundigen (heute eine Tochter von Emmi) war er verantwortlich für die Logistik des Milchverarbeiters.

Dort wurde das europaweit erste vollautomatische Molkereiprodukte-Hochregallager in Betrieb genommen. «Das war mein Gesellenstück», meint er schmunzelnd. Seine nächste Station führte ihn zur «Dritten Kraft» im Schweizer Detailhandel. Seine Aufgabe, die Logistik von Usego, Waro und Denner landesweit zusammenzuführen, konnte er aber nicht «erledigen». Die drei Partner haben sich kurz nach seiner Anstellung wieder getrennt.

Auf Kuhn folgt Waltenspühl

Nachfolger von Hans Kuhn als Geschäftsleiter der Migros Verteilbetrieb Neuendorf AG wird der 52-jährige Daniel Waltenspühl. Er ist seit 1990 in der Migros-Gruppe in unterschiedlichen Funktionen tätig. Seit 2004 leitet er das Migros Verteilzentrum Suhr AG, welches konzernintern für die Logistik des Trockensortiments (Getränke, Süsswaren, Konserven, Gebäck usw.) zuständig ist. Der studierte Maschinenbauingenieur und Absolvent eines General Executive MBA an der Hochschule St. Gallen wird sein Amt in Neuendorf am
1. Juli 2016 antreten. (fs)

«Migros-Abenteuer» Österreich

Das führte ihn dann 1991 zur ersten Station beim Migros-Konzern, genauer zur Migros Genossenschaft Bern mit Hauptsitz in Schönbühl. Eine schwierige, aber auch spannende Herausforderung wartete anschliessend auf Kuhn im Ausland.

«Das Abenteuer ‹Österreich› der Migros werde ich nie mehr vergessen», erzählt der Manager. 1993 kam es zu einer Kooperation zwischen Migros und der dortigen Konsumgruppe.

«Ich bezog ein Büro in Wien und war als operativer Projektleiter von Konsum/Migros zuständig für den Aufbau einer Logistikorganisation in ganz Österreich.»

Bekanntlich scheiterte die Kooperation nur zwei Jahre später. Kuhn «zügelte» in die Migros-Zentrale in Zürich als Transportchef für den gesamten Grossverteiler. Dann, 2001, hat sich sein grosser Wunsch erfüllt: «Es war immer mein Ziel gewesen, ein Unternehmen als Geschäftsleiter zu führen», berichtet Kuhn.

Er habe damals gehört, dass Jörg Schmid, sein Vorgänger bei der Migros Verteilbetrieb AG in Neuendorf, zurücktreten werde. «Kurzerhand habe ich mich um die Stelle beworben. Auf einem einzigen A4-Blatt», sagt er lachend.

Der Rest ist bekannt, und noch bis Anfang Juli ist Hans Kuhn Chef der grössten privaten Arbeitgeberin unter einem Dach im Kanton Solothurn.

Die 100-prozentige Migros-Tochter zählt über 1100 Mitarbeitende. Beim Antrittsbeginn waren es noch 1400. Obwohl die Leistungen des Verteilbetriebs stetig wachsen, nahm der Personalbestand ab. Kostendruck und Rationalisierungsmassnahmen hätten dazu geführt.

«Es kam aber zu keinen Entlassungen wegen der Automatisierung der Logistikabläufe.»

Der Abbau erfolge jeweils über die natürliche Fluktuation im ganzen Verteilzentrum. «Damit das klappt, braucht es eine Bedingung. Der Mitarbeitende muss flexibel genug sein, um seine Tätigkeit innerhalb des Betriebes zu ändern.»

Die Logistikmaschine läuft

Die Maschinerie in Neuendorf muss laufen, denn von hier aus werden landesweit alle rund 900 Migros-Läden inklusive Fachmärkte, Migrolino, Ex Libris, Interio, Drittkunden usw. mit Near- und Non-Food-Artikeln sowie Tiefkühlprodukten bedient.

Auf dem Rundgang durch einen Teil des weitläufigen Betriebes liefert Kuhn einige Zahlen. In Neuendorf werden 90 000 Artikel aktiv bewirtschaftet.

Rund 7000 Paletten werden jeden Tag angeliefert, jährlich knapp 2 Millionen Paletten an die Migros-Standorte ausgeliefert.

Den Umsatz zu Einstandspreisen beziffert er auf über 3 Milliarden Franken. Während die Ostschweiz, die Westschweiz und das Tessin zu 100 Prozent mit der Bahn beliefert werden, erfolge der Vertrieb im Mittelland mit den Grosszentren Zürich, Luzern und Bern sowie dem nahen Basel auf der Strasse.

Kritik an «Berufskollegen»

Nicht aufgeben wird Hans Kuhn sein Amt als Präsident der Solothurner Handelskammer. Dort scheut er sich nicht, auch seine Berufskollegen zu kritisieren.

So etwa geisselte er an der letzten Generalversammlung mit klaren Worten das Verhalten einzelner Unternehmensführer.

Namentlich erwähnte er das Management des Industriekonzerns Sulzer, welcher im Frühling wegen eines massiven Gewinneinbruchs den Abbau der letzten 90 Industriearbeitsplätze in Winterthur bekannt gab.

Gleichzeitig mit dem Stellenabbau habe der Sulzer-Mehrheitsaktionär an der Generalversammlung eine Startprämie von rund 3 Millionen Franken für den neuen CEO durchgedrückt.

Zudem habe er eine Sonder-Dividende von rund einer halben Milliarde Franken ausschütten lassen.

Über 300 Millionen davon seien an den Mehrheitsaktionär gegangen. «Als verantwortungsvoller Unternehmer kann ich das nicht gutheissen.»

Solche Aktionen könnten gar das freiheitliche Wirtschaftssystem bedrohen. «Dazu stehe ich auch heute», sagt Kuhn im Rückblick.

Er interpretiere die Rolle des Geschäftsführers als jene des Patrons, der versuche, Vorbild zu sein. «Demut und Bescheidenheit zeichnen solche Führungspersonen aus.»

Wenn man Hans Kuhn zuhört, ist nicht spürbar, dass er die Leitung des Migros-Betriebes bald abgeben wird. Hier laufe noch ein Projekt für einen weiteren Ausbau, dort wäre es möglich, weitere migrosinterne Dienstleistungen nach Neuendorf zu holen. Noch schlägt sein Herz für das Gäuer Unternehmen. «Ich werde meine Ideen und Visionen dem Nachfolger mitgeben.»