Balsthal
«Messerattacke war ein tragischer Unfall»

Ein 40-jähriger Algerier stand wegen versuchter vorsätzlicher Tötung seines Schwiegervaters vor dem Amtsgericht Thal-Gäu.

Erwin von Arb
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Wegen vorsätzlicher Tötung stand ein 40-jähriger Algerier vor Gericht. Er hatte mit einem Messer auf seinen Schwiegervater eingestochen.

Wegen vorsätzlicher Tötung stand ein 40-jähriger Algerier vor Gericht. Er hatte mit einem Messer auf seinen Schwiegervater eingestochen.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

«Ich wollte mich aus dem Griff meines Schwiegervaters befreien und habe darum mit dem Messer auf ihn eingestochen», versicherte Faruk F. * am Mittwoch vor dem Amtsgericht Thal-Gäu. Geschehen sei die Tat aus Verzweiflung über seine familiäre Situation und weil ihn sein Schwiegervater mit Faustschlägen ins Gesicht traktiert hatte. Er habe an jenem Tag seine Tochter zu seiner getrennt von ihm lebenden Frau ins Gäu gebracht, meinte Faruk F. im Rückblick auf den 5. September 2015.

Tatablauf bleibt ungeklärt

Der damals im Raum Solothurn wohnhafte Algerier traf nach der Anreise mit dem Zug aber nur auf seine Schwiegereltern. Diese waren auf dem Parkplatz vor dem Mehrfamilienhaus dabei, Einkaufstaschen aus dem Auto zu laden, als Faruk F. mit dem Kind dort eintraf. Er habe sich beim Schwiegervater nach seinem zweiten Kind und seiner Frau erkundigt, so der Beschuldigte. Dabei habe er erfahren, dass die beiden noch immer in den Ferien in der Türkei weilten.

Aus Verzweiflung darüber, dieses Kind ein weiteres Mal nicht sehen zu können, habe er mit seinen Händen auf das Auto seines Schwiegervaters geschlagen. Eine dadurch entstandene Delle habe diesen so zornig gemacht, dass er auf ihn losgegangen sei. Um sich gegen den körperlich überlegenen Mann zu wehren, habe er sein Taschenmesser hervorgeholt und zugestochen.

Eine andere Möglichkeit, sich zu befreien, habe er in seiner Not nicht gesehen. Seinen Schwiegervater habe er aber nie ernsthaft verletzen oder töten wollen. «Es war Notwehr, ein tragischer Unfall», beteuerte Faruk F. gegenüber Amtsgerichtspräsident Guido Walser in gebrochenem Deutsch. Wie oft er zugestochen habe, wisse er nicht mehr, meinte er auf Nachfrage von Walser.

Einen völlig anderen Tatverlauf zu Protokoll gab der Schwiegervater. Er habe sich nach einem Wortgefecht mit seinem inzwischen ehemaligen Schwiegersohn umgedreht und sei anschliessend mit dem Kind und einer Einkaufstasche in der Hand in Richtung Haustüre gegangen. Beim Eingang sei er dann vom Angeklagten mit dem Messer von hinten attackiert worden, habe die Verletzungen aber anfänglich nicht wahrgenommen. Erst im Haus habe er gesehen, dass er stark blute. Ein Kampf wie vom Angeklagten erwähnt, habe nicht stattgefunden.

Staatsanwalt glaubt dem Opfer

Gemäss Anklageschrift wurden dem Opfer mit der 7,2 Zentimeter langen Klinge des Messers je zwei Stichwunden in der linken Achselhöhle sowie an der linken Seite des Brustkorbs zugefügt. Dazu kommt eine Schnittverletzung am Unterarm. Faktisch handle es sich zwar nur um eine einfache Körperverletzung, erklärte Staatsanwalt Toni Blaser in seinem Plädoyer. Es sei aber nur dem Glück zu verdanken, dass das Opfer nicht tödlich verletzt wurde oder an den Folgen der Verletzungen gestorben sei.

Genau dies habe Faruk F. bei seiner Attacke aber in Kauf genommen. Zudem habe er vorsätzlich gehandelt. Dies habe er verbal und via SMS mehrfach angekündigt. Als unglaubwürdig bezeichnete Blaser die vom Angeklagten erwähnten Faustschläge seines ehemaligen Schwiegervaters. Daraus resultierende Spuren auf dem Körper des Beschuldigten seien bei einer ärztlichen Untersuchung nicht gefunden worden.

Mit Blick auf die diagnostizierte Persönlichkeitsstörung und die leicht verminderte Schuldfähigkeit von Faruk F. forderte der Staatsanwalt wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, wiederholten Tätlichkeiten gegenüber seiner Ex-Frau, mehrfacher Beschimpfung und Sachbeschädigung sowie Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren. Dies unter Anrechnung der mittlerweile einjährigen Inhaftierung.

Verteidigung fordert Freispruch

Verteidiger Urs Tschaggelar verlangte hingegen einen Freispruch für seinen Mandanten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Dieser habe sich nur verteidigt. Zudem gebe es berechtigte Zweifel an der Aussage des Opfers, von hinten angegriffen worden zu sein. Faruk F. sei Rechtshänder und deshalb hätten die Stichverletzungen auf der rechten Körperhälfte des Opfers sein müssen. Das sei in der Befragung offenbar auch dem Gericht aufgefallen. Der als Privatkläger auftretende ehemalige Schwiegervater beantragte eine Genugtuung von 35 000 Franken.

Das Urteil wird den Parteien am 16. September mündlich eröffnet.

*Name von der Redaktion geändert